17.8.2016 Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

© Gerd Kern
© Gerd Kern

Der Wiener Stadtsaal hat für sein aktuelles Sommertheater eine eher unkonventionelle Wahl getroffen. Am Spielplan steht nämlich „Die Tankstelle der Verdammten“, geschrieben 1994 vom bayerischen Multitalent und ehemaligen Enfant terrible Georg Ringsgwandl. Ob dieser Versuch gelungen ist, davon hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der Premiere überzeugt.

 

 

Sommertheater zu machen, ist irgendwie schwierig. Einerseits versucht man die Besucher mit eher leichter Kost und wenn möglich mit prominenten Namen in die mittlerweile inflationären Aufführungsstätten zu locken, andererseits möchten jene Veranstalter, die etwas auf sich halten, aber auch Stücke mit „Aussage“ bieten. „Die Tankstelle der Verdammten“ könnte diese Ansprüche erfüllen, dachten sich die Verantwortlichen des Wiener Stadtsaals, noch dazu wo die österreichische „Übersetzung“ Thomas Maurer übernommen hatte. Bei den zugkräftigen Namen konnte man auf Eva-Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz hinweisen. Für die Regie wurde die ehemalige bayerische Kabarettistin Gabi Rothmüller verpflichtet. Ihr traute man den Spagat zwischen sommerlicher Unterhaltung und ein wenig Nachdenklichkeit durchaus zu. Immerhin sagte ja Ringsgwandl zu seiner „lausigen Operette“, er wolle damit „Musiktheater machen, in dem sich Leute, die Geschmack haben und die nicht ganz blöd sind, gut unterhalten können, intelligent, aber ohne Zeigefinger“.

 

Gleich vorweg: Den Zeigefinger merkt man dieser Aufführung wirklich nicht an, die Unterhaltung ist voll gegeben, der Geschmack und die Intelligenz bleiben leider etwas auf der Strecke, denn das Traurige zieht gegenüber dem Lustigen eindeutig den Kürzeren. Hier stimmt die Balance - vermutlich zugunsten unkomplizierter sommerlicher Unterhaltung - nicht ganz.

 

Eigentlich geht es in dem Stück, das Ringsgwandl realen Figuren und Vorkommnissen nachempfunden hat, ja darum, in unterschiedlicher Weise gestrandete Existenzen und ihren Kampf um ein Bestehen am Rande der Gesellschaft auf die Bühne zu bringen. Chuck (Wilfried), von seiner Mutter eigentlich Jacques genannt, ist ein gescheiterter und alternder Rockmusiker, der wegen seines totale finanziellen Disasters mit seiner Freundin Angie (Nadja Maleh) zu seiner Mutter (Eva-Maria Marold) ziehen muss, die dort schon mit seinem versoffenen Bruder Ivo in einer 2 1/2-Zimmer Wohnung haust.

 

Angie ist dennoch davon überzeugt, dass Chuck irgendwann den Durchbruch schaffen wird, doch allmählich sieht sie ein, dass daraus vermutlich doch nichts wird. Als sich der zwielichtige Anwalt Dr. Prittwitz (Titus Vadon) an sie heranmacht, und sie sich aus Frust nicht abgeneigt zeigt, kommt es zu intensiven Auseinandersetzungen und zu einem explosiven Show-down. Ein Großteil der Handlung spielt in einer abgewrackten Tankstelle mit dem wirklich witzigen Logo IMÖL, deren Besitzer Prittwitz ist und wo auch sein Freund Tino eine Imbissbude betreibt.

 

Die Handlung selbst wird nur durch eher kurze Dialogszenen vorangetrieben, der eigentliche Schwerpunkt sind die 20 Musiknummern, die überwiegend wirklich Schwung haben und das Publikum in Stimmung bringen. Dieser hohe Musikanteil war sicher auch der Grund, den Chuck mit Alt-Austro-Popper Wilfried zu besetzen, der sich schauspielerisch zwar etwas schwer tut, aber mit seiner Bluesstimme durchaus am richtigen Platz ist. Dass Eva-Maria Marold toll singen kann, ist ja bekannt, und das tut sie auch hier mir Verve, aber wie viel komisches Talent in ihr steckt, beeindruckt dennoch. Dazu kommt, dass sie zwei Rollen zu bewältigen hat, denn neben der vom Schicksal schwer geschlagenen und hart arbeitenden Mutter, die sich erfolglos für ihre beiden Versager aufgeopfert hat, spielt sie euch eine Fee, die immer wieder (auf Rollschuhen!) auftaucht und die Komplikationen – meist erfolglos – zu entwirren versucht. Mit welcher Selbstverständlichkeit und umwerfendem Humor sie die ziemlich vulgären Texte über die Rampe bringt, veranlasst das Publikum immer wieder zu begeistertem Applaus.

 

Einen ebenso tollen Auftritt legt Nadja Maleh hin. Stimmlich erstaunlich auf der Höhe, überzeugt sie mit naivem Humor, aber an manchen Stellen auch mit Nachdenklichkeit. Ihre Spielfreude ist kaum zu übertreffen und steckt wirklich an.

 

Toll auch die drei Musiker, die mit viel Drive die fetzigen Nummern ins Publikum knallen. Diese „Polka Punks“ - vormals „Balaton Combo“ - überzeugen nicht nur musikalisch, sondern fügen sich auch schauspielerisch durchaus gekonnt in das kleine Ensemble ein. Erwin Bader, Harald Baumgartner und Titus Vadon (als näselnder Dr. Prittwitz) machen wirklich Spaß.

 

Also alles bestens? Naja, wirklich nahe geht einem die Handlung nicht, obwohl man eigentlich nur vom Schicksal grausam gebeutelte Menschen erlebt. Irgendwie sind sie etwas zu scherenschnittartig gezeichnet und trotz ihrer essentiellen Problem wirken sie wie Karikaturen. Wenn man die Handlung dieser grotesken Überzeichnung entkleidet, erinnert der unausweichliche Ablauf irgendwie an eine Tragödie von Ödön von Horvath - allerdings nur ganz kurz: De gepfefferte Musik und der brachiale Humor lenken gänzlich davon ab und garantieren eine letztlich unverbindliche, aber gelungene Unterhaltung.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

www.stadtsaal.comzum Vorbericht

 

 

P.S.: Diese Anmerkung gehört überhaupt nicht hier her, muss aber dennoch unbedingt angebracht werden. Auch anderswo in Wien wird derzeit nämlich Sommertheater geboten. Im Ottakringer Bockkeller führt das „Arme Theater“ bis Ende August die „Illusionen“ von Iwan Wyrypajew auf und beweist damit, dass auch mit geringem Aufwand, aber sehr viel Ambition und großem schauspielerischem Können eindrucksvolle Produktionen realisierbar sind. Unbedingt hingehen!!!

 

 

 www.armestheaterwien.at