22.9.2016 Werk X: Jeder gegen Jeden

© Gerhard Breitwieser
© Gerhard Breitwieser

Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise, Demokratiekrise - all das trägt zur Entsolidarisierung unserer Gesellschaft bei. Martin Gruber hat sich mit dem Aktionstheater dieser Situation gestellt und „Jeder gegen Jeden“ geschrieben. Im Frühling hatte diese Collage beim Bregenzer Frühling Premiere. Jetzt ist das Stück in Wien, konkret im Werk X, gelandet und DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern hat es sich angesehen.

 

 

Das Aktionstheater hatte im Vorjahr mit „Kein Stück für Syrien“ großen Erfolg und auch heuer hat sich das Ensemble des Aktionstheaters wieder brennend-aktuellen Themen zugewendet. Die gesellschaftliche Entwicklung läuft ja deutlich auf eine Entsolidarisierung zu und deshalb wurde der plakative Titel „Jeder gegen Jeden“ gewählt. Autor Martin Gruber, der auch Regie führt, sieht als Hintergrund das Aufstellen von  Stacheldrahtzäunen nach außen, wie er in einem Gespräch nach der Premiere betont, was unweigerlich auch schleichend die Solidarität nach innen verringert. Er wollte diese Situation mit seiner Crew auf Alltagskonflikte herunterbrechen, wodurch es für den Zuschauer unmittelbar verständlich werden soll.

 

Sieben Schauspielerinnen und zwei Schauspieler, mit denen Martin Gruber und Wolfgang Mörth – auch auf Basis von zahlreichen externen Interviews - den Text erarbeitet haben, bilden hier keine Gruppe, sondern einzelne Individuen, von denen jeder versucht für sich selbst das Beste herauszuholen und sich nur um die eigenen Probleme zu kümmern.

 

Da ist Babett (Arens), eine Mietshausbesitzerin, die ihre Mieter verachtet und keinen Anschluss an Menschen findet, da ist Kirstin (Schwab), die keinen Anschluss will und verzweifelt säuft, weil ohnehin alles den Bach hinuntergeht und da ist Susanne (Brandt), der alles egal ist und die alle vulgär beschimpft. Sie hat einen ungerichteten Hass auf alles und jeden, verachtet die Banken und überhaupt alle „da oben“. Sie ist die typische Wutbürgerin und als sie ins Publikum ruft „Ihr werdet Euch noch wundern, was alles gehen wird“, ist man endgültig in der österreichischen Realität angekommen. Dann gibt es noch Michaela (BIlgeri), die ihren Frust in einem Ohrfeigenspiel ausleben möchte und schließlich Isabella (Jesckke) , die für 25€ pro Tag einen Promojob ausübt, vom „Bankengsindl“ abwechselnd als Bärchen, aber auch als Schweinchen eingesetzt wird und dem Publikum mitteilt, dass sie viel lieber „in einem positiven Stück“ mitspielen würde, „z.B. in einem mit Elfen“ meint sie verträumt und völlig realitätsfern. Alev (Irmak) bricht mit allen Vorstellungen über eine Muslimin und frustriert vor allem Alexander mit ihrer sexuellen Direktheit. Schließlich bietet Roswitha (Soukop) unterhaltsame Auftritte, die sich vor allem mit den Problemen ihrer intensiven Regelblutungen auseinandersetzt.

 

Dann sind da noch Martin (Hemmer), der Anarchist ist und der die Lösung aller Probleme anzubieten glaubt, auf den aber keiner hört und schließlich Alexander, der glaubt alles sagen zu dürfen. Er stellt lapidar fest, dass sich die Zeiten geändert hätten und man mittlerweile schon wieder gesellschaftlich akzeptiert „Neger und Jud“ sagen dürfe. Als Provokation kommen frauen- und fremdenfeindliche Witze aus dem Ensemble und das Publikum wirkt - amüsiert. Das ist vielleicht ein grundsätzliches Problem von „Jeder gegen Jeden“, denn die Texte werden überwiegend wirklich witzig verpackt und leider bleibt dadurch dem Publikum trotz des bedrückenden Hintergrunds zu selten das Lachen im Hals stecken. Auch eine weitere Provokation, nämlich ob man auch einem Nazi Blut spenden sollte, beweist die Entsolidarisierung: Das Publikum stimmt deutlich für Nein.

 

Beeindruckend sind die intensiven schauspielerischen Leistungen des Ensembles und die durchchoreografierte Regie. Ohne Bühnenbild nur mit je einem roten Klapphocker „bewaffnet“ bewegt sich die Gruppe rhythmisch  über die Bühne, wie überhaupt perfekt organisierte Bewegungsabläufe diese Inszenierung auszeichnen. Das alles ist keineswegs Selbstzweck, sondern betont die einzelnen Monologe.

 

Auch die Musik, die vor allem Gospel und Blues-Elemente verwendet, überzeugt. Hinter einem Vorhang werkt intensiv Andreas Dauböck am Schlagzeug und am Keyboard Martin Hemmer, der vor dem Vorhang überdies Gitarre spielt und auch stimmlich beeindruckt.

 

Ein Besuch im Werk X, wo „Jeder gegen Jeden“ noch am 28. und 29. September gespielt wird, unterhält jedenfalls sehr gut, was auch der begeisterte Applaus nach der Premiere bewies. Vermutlich sickern die kritischen Inhalte auch in der Folge nach und nach ins Bewusstsein der Besucher.

 

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

 

 

www.aktionstheater.at