18.10.2016  Theater Experiment: Grüß mich Gott

© Preiser Records
© Preiser Records

Vor 75 Jahren starb der Kabarettist Fritz Grünbaum im KZ Dachau. Aus diesem Anlass hat das Wiener Kellertheater Experiment - Theater am Liechtenwerd eine Collage auf die Bühne gebracht, die unter dem Titel „Grüß mich Gott – Leben und Schaffen Fritz Grünbaums“ vor allem seine künstlerischen Leistungen würdigt. DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern hat sich das Programm angesehen.

 

 

Vielen Kabarettbesuchern ist der Name Fritz Grünbaum sicher kein Begriff und auch nur wenige erinnern sich daran, dass es „da doch irgendetwas mit Doppelconférencen gegeben hat. Deshalb einige Anmerkungen zu diesem außergewöhnlichen Künstler.

 

Fritz Grünbaum wurde 1880 in Brünn geboren. Seine Eltern waren wohlhabende jüdische Kunsthändler und Fritz inskribierte mit 18 Jahren in Wien Jus, schloss das Studium aber nicht ab, sondern interessierte sich zunehmend für Literatur. Er schrieb zunächst Operettenlibretti, stieg dann aber immer stärker auf das Kabarett um. 1906 begann er in der Hölle, im Keller des Theaters an der Wien mit seinen Conférencen und hatte sehr schnell durchschlagenden Erfolg. Ähnlich erging es ihm in Berlin, wohin er immer wieder wechselte. Ab 1914 trat er im Simpl auf, ließ sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung anstecken und meldete sich deshalb 1915 freiwillig als Soldat. Er wurde an der italienischen Front eingesetzt und kam völlig desillusioniert zurück. Diese Erfahrungen, aber auch der immer stärker werdende Nationalismus sowie der Antisemitismus trugen dazu bei, dass er im Lauf der Zeit immer politischer wurde.

 

1922 begann seine Partnerschaft mit Karl Farkas, die das Genre Doppelconférence zur Perfektion entwickelten. Bis kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen spielten sie gemeinsam im Simpl und als am letzten Abend kurz der Strom ausfiel, meinte er prophetisch: „Ich sehe nichts, absolut gar nichts, da muss ich mich wohl in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben“. Nach dem Anschluss gelang Farkas die Flucht in die USA, Grünbaum und seine dritte Frau, Nelly Herzl, jedoch wurden an der Grenze zurückgewiesen. Er versteckte sich eine Woche lang in Wien, wurde jedoch verraten und kam ins KZ Dachau, wo er 1941 nach einem missglückten Selbstmordversuch an „Herzlähmung“ starb. Auch in der Haft verlor er nicht seinen Humor und meinte kurz vor seinem Tod zu einem Aufseher, als man ihm eine Seife verweigerte „Wenn man sich keine Seife leisten kann, soll man sich kein KZ halten“. Auch Nelly starb etwas später im KZ.

 

Grünbaum hinterließ (neben einer umfangreichen Kunstsammlung, die selbstverständlich „arisiert“ wurde) zahlreiche Theaterstücke, Drehbücher, Libretti und Schlagertexte wie etwa „Ich hab das Fräul`n Helen baden sehn“. Er selbst blieb aber vor allem als Kabarettist in Erinnerung und schätzte seinen Erfolg als Dichter eher kritisch ein: „Was nützt mir mein Geist, wenn mein Name mich schädigt? Ein Dichter, der Grünbaum heißt, ist schon erledigt!“.

 

Die Würdigung Grünbaums erfolgt an dieser Stelle deshalb so ausführlich, weil es daran der Aufführung - im Gegensatz zum Programmheft - leider weitestgehend mangelt. Zwar wird eine umfangreiche Collage einzelner Arbeiten geboten, deren Zusammenstellung aber irgendwie willkürlich wirkt. Zwar konnte man immer wieder den treffsicheren Humor Grünbaums erkennen, wenn z.B. die hohen Urlaubskosten geografisch erklärt wurden: „In den Bergen sind die Preise zu hoch und am Meer zu gesalzen“.

 

Neben zum Teil sehr nachdenklichen Monologen Fritz Grünbaums, überzeugend von Erwin Bail mit Grünbaum`scher Handpuppe vorgetragen, wurden die Doppelconférencen (Alexander Nowotny outrierte als Karl Farkas, Christian Schiesser machte seine Sache als Fritz Grünbaum besser) und szenische Aufführungen seiner Texte sowie einige Schlager geboten. Dabei bot Stefanie Elias in verschiedenen Rollen eine wirklich überzeugende Leistung. Am Schluss wurde ein Film eingeblendet, der kurz die Entwicklung in Richtung 2.Weltkrieg und Konzentrationslager illustrierte, den Zusammenhang zu Fritz Grünbaum aber nur unzureichend aufzeigte.

 

Hanns-Michael Jung überzeugte musikalisch am Begleit-Klavier, seine kurzen schauspielerischen Auftritte waren aber eher entbehrlich. Sehr gut gelungen sind die Kostüme von Barbara Langbein. Insgesamt ließ aber die Titelzeile „Leben und Schaffen“ etwas mehr erwarten, wenn das gesamte Projekt aber zweifellos sehr ambitioniert ist. Gespielt wird bis 5.November jeweils von Dienstag bis Samstag.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

Theater Experiment