26.1.2016  Theater-Center-Forum: Der Bockerer

© Stefan Smidt
© Stefan Smidt

Vielen ÖsterreicherInnen ist „Der Bockerer“ aus dem legendären Film von Franz Antel mit Karl Merkatz in der Hauptrolle ein Begriff. Die Geschichte um den naiven Widerstand eines Fleischhauers gegen die Nazis war ein durchschlagender Erfolg. Ob dieser Inhalt auch heute noch funktioniert, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 

 

Franz Antels Film „Der Bockerer“ über das Leben des einfachen Wiener Fleischhauers in der Nazi-Zeit war so eindrucksvoll gelungen, dass er sogar für den Auslands-Oscar vorgeschlagen wurde. Zunächst hatte Friedrich Torberg die Figur des „Herrn Neidinger“ kreiert, angeblich nach dem Vorbild eines realen Wiener Bürgers. Seine szenischen Skizzen dieses Stoffes veröffentlichte er 1938/1939 in der in Paris erschienen monarchistischen Zeitschrift „Die österreichische Post“. Im Londoner Exilkabarett „Laterndl“ trat „Herr Neidinger“ ebenfalls immer wieder auf, und die Szene „Der verhängnisvolle Geburtstag“ könnte die Basis für den Bockerer gewesen sein. Das ergibt sich vor allem aus dem Umstand, dass in diesem Kabarett auch Peter Preses, einer der Autoren des erfolgreichen Stücks, aufgetreten ist. Wie auch immer: Gemeinsam mit Ulrich Becher, dem Schwiegersohn von Roda, schrieb er den Bockerer, der 1948 im „Neuen Theater an der Scala“ mit Fritz Imhoff in der Titelrolle uraufgeführt wurde. Mit 80 Aufführungen war es eines der erfolgreichsten Stücke dieses Theaters. Einen Rechtsstreit mit den beiden Autoren verlor Torberg übrigens.

 

Erst viele Jahre später kam das Stück wieder auf die Bühne, und zwar 1963 im Stadttheater Tübingen. Im selben Jahr wurde dieser Stoff auch zum ersten Mal mit Fritz Muliar als Bockerer für das österreichische Fernsehen verfilmt (Regie Michael Kehlmann). 1980 verkörperte zum ersten Mal Karl Merkatz den Fleischhauer am Wiener Volkstheater, und das so überzeugend, dass nur ein Jahr später Franz Antel das Erfolgsstück mit ihm in der Hauptrolle verfilmte. Damit war eine Legende geboren.

 

Karl Bockerer ist eigentlich ein unpolitischer Mensch. Im Prinzip will er nur in Ruhe seinen Beruf ausüben, sich um seine Familie kümmern und in der Freizeit ab und zu tarockieren oder zum Heurigen gehen. Das alles kommt ins Wanken als in den Dreißigerjahren der Nationalsozialismus mit all seinen widerwärtigen Einstellungen immer mehr an Einfluss gewinnt. Sein Sohn Hansi wird Mitglied der SA, seine Frau Binerl glühende Hitlerverehrerin. Und als einer seiner Tarockpartner, der Jude Dr.Rosenblatt nach Amerika emigrieren muss, dämmert es ihm allmählich. Mit einer Mischung aus Naivität und Schwejk`scher Bauernschläue beginnt er Widerstand zu leisten. Den zahlreichen Anzeigen wegen seiner antifaschistischen Äußerungen kann er zunächst entgehen, weil man ihn ganz offiziell für einen Trottel hält.

 

Nachdem sein Sohn an der Front gefallen ist, verliert auch Frau Bockerer den Glauben an dieses schreckliche Regime. Als nach dem Krieg sein Freund Rosenblatt als Besatzungssoldat nach Wien zurückkommt und ihn zur gewohnten Zeit zum Kartenspielen besucht, scheint alles wieder im Lot. Trotz des legendären Ausspruchs „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt“ ist aber in der Realität nichts mehr wie es war.

 

Apropos Realität: Die aktuellen Entwicklungen in Europa, aber auch die in Österreich, waren für Regisseur Marcus Strahl, wie er mir nach der bejubelten Premiere erzählte, mit ein Grund, dieses Stück wieder auf die Bühne zu bringen. Fremdenfeindlichkeit und ein zunehmender Extremismus, der leider immer gesellschaftsfähiger wird, wecken die Sehnsucht nach Menschen wie Karl Bockerer, der allerdings erst sehr spät bemerkt hat, wohin die Reise gehen wird. Wichtig wird es daher sein, bedrohliche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen, aber auch Widerstand zu leisten. Denn klar ist, dass Bockerer nur ein Symbol ist, eine Figur, die wie der „Liebe Augustin“ oder ein Schwejk in schrecklichen Zeiten vordergründig unversehrt durch alle Gefahren geht.

 

Genau das zeigt diese Aufführung, in der inmitten eines überzeugenden 10köpfigen Ensembles, das insgesamt 30 verschiedene Rollen spielt, Rudi Larsen als Karl Bockerer brilliert, rührt und beeindruckt. Aber auch der kurzfristig eingesprungene Johannes Terne legt zwei atemberaubende Parodien hin. Als Gestapo-Scherge von Lamm ist das vielleicht etwas problematisch, weil eher verharmlosend, als Geisteskranker, der sich für Hitler hält, kurz nach Kriegsende aus Steinhof flieht und in der Wohnung Bockerers aufkreuzt, ist es dagegen eine echte Sternstunde. Wie er sprachlich und gestisch überzeugend den gesamten Irrsinn der Nazidiktatur auf die Bühne bringt und Bockerer ihm im Gegenzug seine ganze Verachtung entgegen schleudert und ihm die unfassbaren NS-Verbrechen vorhält, das allein schon rechtfertigt den Besuch dieser Aufführung der Schaubühne Wien.

 

Die Regie von Marcus Strahl führt die Schauspieler behutsam, und mit viel Gefühl, durch die eher plakative Handlung und entgeht so der Gefahr des erhobenen Zeigefingers. Die Kostüme von Babsi Langbein und das Bühnenbild von Martin Gesslbauer überzeugen wie schon gewohnt. Vor allem die Idee, Filmausschnitte aus dieser schrecklichen Zeit in den Umbaupausen auf das, leider etwas unruhige, Bühnenbild zu projizieren und mit schmalzig-weinerlichen Wienerliedern zu konterkarieren, ist beeindruckend. Insgesamt ist also eine wirklich überzeugende Inszenierung gelungen, nach der man sich wünscht, dass zukünftig in Wien und in Österreich die Bockerer gegenüber dem Herrn Karl dominieren mögen.

 

Der Bockerer“ geht in den nächsten Wochen auf Tournee durch Österreich und ist Anfang Dezember wieder im Theater-Center-Forum zu Gast. Ein Besuch ist zur geistigen Vorbeugung gegen Radikalisierung dringend angeraten.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

www.theatercenterforum.com

 

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