8.10.2016 TAG: Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring

© Anna Stoecher
© Anna Stoecher

Das TAG hält auch in der neuen Saison an seinem bewährten Rezept fest und bringt in erster Linie „überschriebene“ Klassiker auf die Bühne. Diesmal hat sich Thomas Richter eines Dramas der Aufklärung angenommen, das fast alle kennen: „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. Ob das schon so oft erfolgreiche Rezept auch bei diesem Stück funktioniert, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere angesehen.

 

Das Erfolgsrezept des TAG wird sichtlich auch heuer fortgeführt. Es geht dabei vor allem darum, klassische Dramen auf ihre allgemein gültigen Inhalte abzuklopfen, sie darauf zu konzentrieren und in eine abstrakte oder aktuelle, jedenfalls aber unterhaltsame Form zu bringen. Das hat bisher bei einigen Aufführungen hervorragend geklappt, in einigen sehr gut und – gleich vorweg - diesmal leider nicht ganz so überzeugend.

 

Autor Thomas Richter hätte nämlich gut daran getan genauer bei dieser Vorgangsweise zu bleiben und das Lessing-Stück auf seine zentrale Aussage – die Ringparabel - einzudampfen. Tatsächlich hat er aber nahezu die gesamte Geschichte in Kurzform wiedergegeben. Lessings Aufklärungsdrama um den Juden Nathan wurde 1783 in Berlin uraufgeführt und spielt zur Zeit des 3. Kreuzzugs. Im Prinzip schildert er einen „Clash of Cultures“, bei dem Christentum, Judentum und Islam aufeinander prallen: Nathan kehrt von einer langen Auslandsreise zurück und erfährt, dass seine Tochter Recha von einem jungen christlichen Tempelherrn aus Nathans brennendem Haus gerettet wurde. Das war nur möglich, weil der Kreuzritter - kurz vorher in Kriegsgefangenschaft geraten - durch Sultan Saladin überraschend begnadigt wurde. Im Lauf der Zeit stellt sich auf vielen Umwegen heraus, dass Recha von Nathan adoptiert worden war und eigentlich eine getaufte Christin ist. Und nicht nur das: Sie ist auch die Schwester des Ordensritters und beide sind die Kinder des verstorbenen Bruders von Sultan Saladin. Was folgt ist eine allgemeine Verbrüderung, eine grundsätzliche gesellschaftliche Toleranz und die Einsicht, dass alle Religionen gleichwertig sind.

 

Diese Einsicht ergibt sich aus einer Fabel – der berühmten Ringparabel - die Nathan dem Sultan erzählt und nach der ein Vater wie seit Generationen in seinem Geschlecht üblich, einen wundertätigen Ring an seinen jeweils liebsten Sohn weitergeben soll. Da er aber seine drei Söhne gleich liebt, lässt er zwei Duplikate des Rings anfertigen. Nach seinem Tod streiten die Brüder darum, wer von ihnen den echten Ring besitzt. Ein Richter wird eingesetzt und erst durch ihn wird den Söhnen klar, dass die Ringe nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn man erstens daran glaubt und zweitens sich den Menschen gegenüber positiv verhält. Welcher der richtige Ring ist, sei nicht erkennbar, denn alle drei sind gleich viel wert, und werden sich erst in einer Million Jahren vor dem „endgültigen Richter und dem Verhalten der Menschen bis dahin zeigen.

 

Das ist eigentlich auch die Hauptaussage dieses zentralen Stücks der Aufklärung. Es geht um Gleichwertigkeit von Menschen und Religionen, um Toleranz und um Integration. Allein diese Begriffe zeigen, dass die Grundaussage des Stücks nach wie vor brennend aktuell ist. In Zeiten von IS, jüdischen Siedlern in palästinensischen Gebieten und christlichen Extremisten, aber auch in Zeiten globaler Fluchtbewegungen sind Lessings An- und Einsichten wichtiger als je zuvor. Er wäre aber in seinem fast naiven Optimismus sicher bestürzt, dass sich nach mehr als 200 Jahren nichts geändert hat, im Gegenteil sogar vieles noch schlimmer geworden ist.

 

Und gerade diese Aussagen kommen in der Inszenierung von Dora Schneider zwar durchaus vor, werden aber durch die Kurz-Wiedergabe nahezu des gesamten Inhalts zu sehr überdeckt. Allerdings hat Richter die Geschichte gleichzeitig auch auf den Kopf gestellt, denn er beginnt mit einer szenischen Darstellung der Ringparabel, in der der Vater seinen Ring in drei gleicher Ringe aufteilen lässt. Das macht er hier aber nicht, weil er seine drei Söhne gleich liebt, sondern weil er er sie im gleichen Maß verabscheut. Er hält sie nämlich, wie sich später herausstellt, völlig zu Recht für schleimige Erbschleicher.

 

Ein witziger Einfall ist, dass in dieser Fassung der Sultan Nathan die Ringparabel erzählt – und nicht wie im Original umgekehrt - und dieser nur lakonisch meint: „Diese Geschichte habe ich schon gekannt“. Recha wieder hält dem Sultan, der die drei großen Religionen versöhnen will, vor, dass er diese Haltung nur als Mittel zum Zweck der Machterhaltung einsetzt. Sie wird deshalb schrittweise zur Revolutionärin und ruft hier ganz 68erin „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ ins Publikum. Folgerichtig fackelt sie dann den Palast des Sultans, ihres leiblichen Onkels, ab und taucht unter.

 

Der Streit der eher dümmlichen Brüder um das Erbe nach Nathans Tod – sie waren nicht einmal bei seinem Begräbnis – wird in slapstickartiger Manier dargeboten. Jeweils wechselnde Darsteller kommen in orangen Bademänteln (!) wiederholt auf die Bühne und schlagen sich ab und zu auf ihre von merkwürdigen Perücken bedeckte Köpfe. Jedes Mal vermehrt sich dabei die Zahl der Ringe, bis sie zuletzt vor einem Kübel voll wertloser Ringe stehen. Dass diese drei Brüder, die ja bei Lessing die großen Religionen verkörpern, sich in der Zukunft tolerant und vernünftig verhalten werden, erscheint hier mehr als fraglich. Und auch die Wirksamkeit von Toleranz und der Stellenwert aller Religionen generell bleibt offen. Sind sie alle wertlos? Und gibt es den Ring vielleicht gar nicht?

 

Das Darsteller-Ensemble erbringt wie wie immer großartige Leistungen. Elisabeth Veit, Emese Fay, Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert überzeugen in jeder Sekunde voll. Sie bringen ihre schwierigen Figuren glaubhaft über die Bühne und beeindrucken mit ihrer Präsenz.

 

Das Bühnenbild von Alexandra Burgstaller bildet in seiner Reduziertheit die zahlreichen Ortswechsel perfekt ab und bietet den Darstellern darüberhinaus die Möglichkeit turnerisches Können zu beweisen. Ein guter Einfall ist die verbindende Musik, für die ebenfalls Thomas Richter verantwortlich ist. Free Jazz-Fragmente abstrahieren die unterschiedlichen Situationen und Kulturen perfekt.

 

Alles in allem wurde mit dieser Aufführung zwar keine Chance vertan, sie hätte aber durch mehr Konzentration auf das Wesentliche besser genützt werden können. Ein interessanter Abend, der viele Fragen offen lässt, ist es aber allemal.

 

 DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

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