2.11.2016 TAG: Die Inseln des Dr. Moreau

© Sandra Fockenberger
© Sandra Fockenberger

Diesmal hat das TAG einen eher ungewöhnlichen „Klassiker“, noch dazu in einer extrem freien Bearbeitung auf den Spielplan gesetzt. „Die Insel des Dr. Moreau“ von H.G.Wells aus 1895. Der Roman ist ein eher unbekannter Vorläufer der Science-Fiktion-Literatur und DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern war deshalb gespannt, wie gut das auf die Bühne zu bringen ist und was denn ein „Humanse“ ist.

 

 

Bei der Vorstellung des Spielplans 2017/17 hatte der künstlerische Leiter des TAG, Gernot Plass, offenbar wirklich nicht übertrieben, als er meinte, das Motto dieses Jahres könnte eigentlich „Horror und Entsetzen“ heißen. Auf „Die Inseln des Dr. Moreau“ trifft das jedenfalls uneingeschränkt zu.

 

Allerdings ist das eines jener Stücke, auf das man sich etwas vorbereiten sollte. Es ist nämlich sicher hilfreich, in Grundzügen zu wissen worum es in der Romanvorlage geht, dann sollte man einiges Hintergrundwissen über den Stalinismus mitbringen, und es wäre auch gut, sich ein wenig mit Filmen auszukennen. Und schließlich sollte man berücksichtigen, dass die Autorin und Regisseurin Mara Mattuschka und ihre „The Practical Mystery“-Gruppe das Projekt samt kompletter Finanzierung realisiert haben. Die vielseitige Künstlerin Mattuschka stammt aus Bulgarien, wo sie, und das ist für das Verständnis dieser Aufführung durchaus wichtig, stalinistische Ideen aus nächster Nähe kennengelernt hat.

 

Jetzt noch kurz zu den anderen „Voraussetzungen“, die den Genuss dieses Abends noch steigern könnten. Wells beschreibt in seinem Roman vivisektorische Versuche des durchgeknallten Wissenschaftlers Moreau, der auf einer abgelegenen südpazifischen Insel versucht, aus Tieren menschenähnliche Geschöpfe zu kreieren. Auf dieser Insel landet der schiffbrüchige Edward Prendick und schildert in einer Art Tagebuch seine Erlebnisse. Die verrückten Versuche des Chirurgen und Biologen Moreau im „Haus der Schmerzen“ verursachen bei den Tieren unglaubliches Leid. Folgerichtig stellen sich diese Kreaturen eines Tages gegen ihren Schöpfer und der Puma-Mensch tötet ihn. Eine eindeutige Warnung vor Evolutionsversuchen um ihrer selbst willen, die zwangsläufig in eine faschistische Sackgasse führen muss. Prendick kann jedenfalls fliehen und veröffentlicht zu Hause seine Erlebnisse, doch niemand glaubt ihm.

 

Jetzt zum Thema Film: Die Geschichte wurde dreimal verfilmt und zwar 1932 mit Charles Laughton als Moreau, 1977 mit Burt Lancaster und schließlich 1996 mit Marlon Brando in der Hauptrolle. Keine dieser Verfilmungen war übrigens ein Erfolg. Die letzte Version wurde sogar als so schlecht qualifiziert, dass sie schon wieder gut sei. Nebenbei erwähnt und ohne Bezug auf diese Aufführung: Es gibt eine herrliche Parodie dieser Geschichte von den Simpsons.

 

Stalin hatte, und damit sind wir beim dritten Punkt, wie die meisten verrückten Diktatoren immer wieder mit genetischen Versuchen unterschiedlichsten Art gespielt, und der Sozialist Wells hatte ihn 1934 als Präsident des PEN-Clubs in Moskau besucht und ausführlich mit ihm diskutiert. Hier löst sich auch die Frage nach dem Begriff „Humansen“. Der bezieht sich auf stalinistische Versuche einer Kreuzung von Menschen und Schimpansen.

 

Damit sind wir bei der aktuellen Inszenierung, die die Moreau-Story eigentlich nur als Vorlage zu einer beeindruckenden satirischen Collage benutzt. Sie schafft es, ihre Kritik an brutalen und hemmungslosen Diktaturen mit dieser Science Fiction-Geschichte so zu vernetzten, dass man ihr atemlos und beeindruckt durch die verschiedenen Ebenen dieser Neufassung folgt. Zwei Film-Inszenierungen und die Kritik am Hollywood-Business dienen als Vehikel, um die Grundzüge der Well`schen Geschichte zu erzählen. Charles Laughton und Marlon Brando samt den zugehörigen Regisseuren und ihren dämlichen Managern irrlichtern durch schnell folgende Szenen. Daneben unterhält sich Wells mit Stalin, der hemmungslos lächerlich gemacht wird, und Brando wird von Larry King interviewt. Auch die gepeinigten, neu geschaffenen Kreaturen kommen nicht zu kurz: Die Tierfrau Lota erscheint als strapstragender Transgender.

 

Dieser szenische, aberwitzige Wirbelwind mit insgesamt 20 Rollen wird von nur drei (!) SchauspielerInnen getragen - und das in beeindruckender Manier. Johanna Orsini-Rosenberg u. a. als Laughton, Wells, Brando und Regisseur John Frankenheimer grandios und umwerfend, Julia Schranz u.a. als Regisseur Richard Stanley, Prendick und Larry King witzig und überdreht sowie schließlich Alexander Braunshör u. a. als Moreau, Stalin und Tierfau Lota wirklich beeindruckend.

 

Das zurückhaltende Bühnenbild (Paul Horn), ein gelungener Sound (Moritz Wallmüller), originelle Kostüme (Andrea Bernd) und eine überbordende Regie – Mattuschka selbst bezeichnet ihre Inszenierungen als schillernde Skulpturen - runden dieses außergewöhnliche, unterhaltsame und gleichzeitig nachdenklich machende Bühnenerlebnis ab, das man eigentlich nicht beschreiben kann, sondern erleben muss. Gespielt wird noch bis 15.November!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

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