20.10.2016  KosmosTheater: Nachrichten aus dem Schleudersitz

© Bettina Frenzel
© Bettina Frenzel

Zumindest ins gedankliche Schleudern kamen wohl einige der Premierenbesucher von „Nachrichten aus dem Schleudersitz“. Das KosmosTheater brachte die Uraufführung gemeinsam mit der Compagnie Luna auf die Bühne. Ob auch DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer ins Straucheln kam, und wie sie die Nachrichten aufnahm, lesen Sie hier.

 

 

Was ist das Erlebnis, das ihr Leben am meisten verändert hat?“ – diese Frage stellten die Schauspieler dem Publikum zu Beginn des Abends. Darauf kamen Antworten, wie Schwangerschaft oder Abschluss der Ausbildung. Diese positiven Antworten kamen von zwei Personen aus dem Publikum, die auf der Bühne dargestellten Charaktere hätten wohl anders geantwortet. Aber auch unter ihnen war eine Frau die schwanger wurde. Erst bei der Geburt erfuhr sie, ob das Kind der Liebe zu einem Schwarzen entstammte oder aus der Vergewaltigung durch einen Weißen entstanden war. Das Kind war weiß, dennoch liebte sie es über alles. Eines Tages fiel das Baby vom Wickeltisch und starb zwei Tage später im Krankenhaus, eine tiefe Depression war die Folge für die Mutter. Ihre Geschichte wird erzählt. Auch ein Spielsüchtiger schildert seine Sucht, sein Vorgehen im Kasino und dem Kick durch das Adrenalin. An diesem Abend gibt es kein Tabu. Ein Mann, der mit Vorliebe in öffentlichen Zügen onaniert kommt ebenso zu Wort, wie ehemalige Gefängnisinsassen und SM-Liebhaber.

 

Vorgetragen und gespielt wird das Stück von vier Schauspielern (Claudia Carus, Benjamin Kornfeld, Gernot Piff und Simona Sbaffi), die keine Angst haben alles zu geben – und zu zeigen, um diese Geschichten zu erzählen. Weder die anfänglichen Einsatz-Probleme, noch die Mischung aus deutschen Schauspielern und imitiertem Wiener Dialekt halten einen davon ab mitzufühlen, wenn das Ensemble von realen Geschichten und realen Menschen erzählt, die gesellschaftliche Abgründe erlebt haben. Gemeinsam mit Regisseur Josef Maria Krasanovsky haben die Schauspieler in den unterschiedlichsten Ecken Wiens, in Kooperation mit diversen sozialen und caritativen Vereinen, mit vielen Menschen gesprochen. Diese Interviews bildeten die Basis für das autobiografische Theater, das zeigt, wie leicht jeder von uns in seinem Leben ins Schleudern kommen kann.

 

Ein Highlight war der Auftritt von Michel und Rosie, die den Mut aufbrachten ihre Geschichte selbst zu erzählen. Michel, der als Kind von der Pflegemutter in ein oben zugenageltes Gitterbett gesperrt und nur mit Wasser und Brot gefüttert wurde und später seinen Körper verkaufen musste, um sein Geld zu verdienen und Rosie, die von ihrem Vater misshandelt wurde, als sie ihn aber tätlich angriff, ins Gefängnis kam, berührten das Publikum und ernteten für ihre Ehrlichkeit und ihren Mut den ersten und einzigen Zwischenapplaus. Im Publikum herrschte während des gesamten Stückes immer wieder Unruhe, mehrere verließen zwischendurch den Saal. Ob sie wirklich durstig waren oder sie eine kurze Pause brauchten?

 

Die Erzählungen schritten schnell voran, ein rauschähnliches Gefühl wurde vermittelt. Sämtliche Requisiten waren auf der Bühne verstreut, die Schauspieler hielten sich nicht an Geschlechter und erzählten eine Geschichte meist zu mehrt. Als Zuschauer wurde man von der schnellen, rauschähnlichen Darbietung mitgerissen, nur ab und zu wird man mit Sätzen wie „dies ist ihre Geschichte“ daran erinnert, dass all dies Menschen wirklich erleben mussten. Ein exzessiver Abend, so exzessiv die Erzählungen sind, so exzessiv ist die performanceartige Darstellung. Da wird schon mal ein Kabel um den Hals gewickelt oder komplett nackt auf einem Trampolin gesprungen. Ein entspannter feel-good Theaterabend geht anders, aber vielleicht wird dieses Theaterstück für irgendeinen Menschen zu einem Moment, der das Leben verändert. Sei es durch Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit (einige der realen Protagonisten saßen im Publikum), sei es durch das Bewusstsein, dass es in der Stadt, in der wir leben durchaus auch Abgründe gibt, auf die wir erst gestoßen werden müssen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer

 

 

 

http://www.kosmostheater.at/