Im Gespräch mit Konstanze Breitebner & Mercedes Echerer

© M.Weis
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Sie sind beide Künstlerinnen, sie sind befreundet, obwohl sie eigentlich Konkurrentinnen sein müssten. Wie ist so etwas möglich? Darauf geben Konstanze Breitebner & Mercedes Echerer in ihrem Programm Schneckenjagen - Eine nur bedingt damenhafte Rampenschweinerei Antworten. DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink und DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler haben die beiden nach einer Probe (Premiere ist am 27.5.2015 im Stadtsaal) zum Interview getroffen und einiges mehr zu diesem Thema erfahren.

 

 

Wie ist die Idee entstanden, gemeinsam einen Abend zu gestalten?

Mercedes Echerer: Es gibt schon das Faktum, dass wir immer wieder, seitdem wir uns kennen, darauf angesprochen werden, dass wir doch Kolleginnen und eigentlich Konkurrentinnen sind und wie wir da befreundet sein können? Und nachdem wir das nun schon tüdeldü Jahre gehört haben, haben wir uns gedacht, vielleicht sollten wir den vielen Menschen darauf eine Antwort geben.

 

Kurze Zwischenfrage: Was sind tüdeldü Jahre?

Konstanze Breitebner: Tüdeldü heißt tüdeldü, das fragt man eine Dame nicht.

Mercedes Echerer: Das ist ein charmanteres Wort für sehr lange. Wir wollen, dass die Leute googeln und bei Wikipedia nachschauen, dann können sie es sich ausrechnen.

Breitebner: Ich war fünf Jahre 39 Jahre alt – das müssen sie halt bei der Berechnung berücksichtigen.


Wieso der Titel „Schneckenjagen“? Was verbindet ihr mit Schneckenjagen?

Breitebner: Die Natur!

Echerer: Konstanze ist eine richtig gute Gärtnerin, sie hat den grünen Daumen und kümmert sich um ihren Garten…

Breitebner:: … und in einem Garten hat man oft Probleme mit Schnecken. Und die jage ich. Auch nachts, weil Schnecken sind ja nachtaktive Tiere.

Ist „Schneckenjagen“ auch Metapher für etwas?

Echerer: Die Nacktschnecke vielleicht weniger. Aber dieser Beruf hat ja im weitesten Sinne etwas mit Jagen zu tun, du jagst einer guten Rolle hinterher, oder dir jagt etwas hinterher, was du loswerden möchtest, ein Image z.B. Und zu uns hat man oft gesagt: „Die jungen Schnecken“. Als wir dann auf der Suche nach einem Titel waren, der unglaublich aussagekräftig sein sollte, sind wir auf „Schneckenjagen“ gekommen.

In „Schneckenjagen“ gebt ihr Erfahrungen aus eurem künstlerischen Leben wieder.

Breitebner: Es ist nichts erfunden, es ist vielleicht in einem anderen Rhythmus in unserem Leben passiert, als wir es im Stück erzählen. Aber wir flunkern nicht.

Echerer: Es geht um die Freundschaft trotz der Konkurrenz. Durch diese Erzählung, wie wir uns kennengelernt haben,  was wir an einander mögen oder vielleicht auch nicht mögen, bekommt man einen Einblick in das Künstlerinnenleben über einige Dekaden mit allen Ups and Downs. Man verliebt sich und entliebt sich, man bekommt tolle Rollen oder schlechte Rolle, man hat ein Loch, man hat zu viel zu tun, soll gleichzeitig auf drei Hochzeiten tanzen, das geht sich auch nicht aus, dann hat man noch das große Glück und wird Mutter, und dann muss man alles unter einen Hut bringen, und man scheitert täglich. Und am nächsten Tag steht man auf und sagt: Heute versuche ich es besser zu machen.


Ihr sprecht über eure Erfahrungen - gibt es No-Gos, die ihr nicht auf die Bühne bringen würdet?

Breitebner: Wir berichten von den No-Gos, genau die Sachen, die am meisten wehtun, die am unangenehmsten sind, bei denen man sich als Schauspielerin auf die Lippen beißt, damit man das nur ja nicht sagt, genau das nehmen wir aufs Korn.

 

Einen Ehrenkodex gibt es?

Echerer: Ja, wenn es um Personen geht. Pointen auf Kosten von dritten, müssen einen zwingenden Grund haben, ansonsten soll das Publikum über uns lachen, sie können uns auch auslachen, weil wir manchmal richtig patschert sind. Niemand ist nicht immer perfekt, und das ist ja auch das Charmante. Was weiß man denn von Künstlerinnen. Die, die ins Rampenlicht gestellt werden, kennt man von dieser „Rampenseite“. Wir wollten auch einfach einmal zeigen: Wir scheitern täglich an den Ansprüchen, die wir an uns selbst stellen, an den Freundschaften, den Umständen, am Neid, der Missgunst, dem Regisseur, der Rolle. Wir zeigen ehrlich auf, wo die Stellen in unserem Leben waren oder sind, die wehgetan haben. Darüber darf man dann auch lachen.

Breitebner: Erfahrungsgemäß lachen die Leute am meisten, wenn man auf die berühmte Bananenschale steigt und hinfällt, das zeigen wir auch, das ist dann kein Tabu. Was wir auch nicht machen, ist, uns über jemanden zu erheben, wir sind nicht gescheiter oder besser. Das lassen wir auch konsequent aus. Mit der Haltung „eigentlich bin ich besser ...“ ist ganz einfach falsch.


Dieses wird Thema humoristisch aufgearbeitet. Man könnte ja auch ein ernstes Stück darüber machen.

Echerer: Es gab das Begehren schon lange, dass wir beide zusammen etwas machen. Als dieses Thema da war, haben wir uns ganz klar dafür entschieden, das auf humoristische Art und Weise zu erzählen. Wir hätten auch ein knallhartes Theaterstück daraus machen können. Vielleicht passiert uns das auch einmal, aber für dieses Stück haben wir uns für das Humoristische entschieden, es gibt eh genug harte Stellen im Stück, wir wollen einfach mit dem Publikum darüber lachen.

Breitebner: Wenn ich ganz verzweifelt bin, wird das Publikum wahrscheinlich am meisten darüber lachen. Denn man macht die blödesten Dinge aus der Verzweiflung.

 

Ist es schwieriger, ein ernsthaftes Stück oder eine Komödie zu spielen?

Echerer: Am Theater gibt es eine Faustregel: die Komödie ist die Königsdisziplin, weil sie hochgeistige Arbeit von dir verlangt und ein fachspezifisches Können, wie man Komödie beherrscht. Als wir Anfängerinnen waren, konnten wir das gar nicht. Konstanze konnte es noch eher als ich. Kollegen, die schon viel Erfahrung hatten, haben uns dazu Tipps gegeben, wie man mit einer Situation umgeht oder zum Beispiel, wie man eine Pointe so setzt, dass das Publikum lacht.

Breitebner: Bei mir ist es so: ich sitze an der Bar und singe ein Lied, und die Leute lachen und ich verstehe wieder nicht, warum. Was ich an mir auch bemerke, ist, dass ich mich in den letzten Probentagen zusehends „franzifiziere“ (in Anlehnung an ihre Figur im Stück namens Franzi; Anm.) – sie bemüht sich sehr um ernsthaftes Künstlertum und macht dabei ganz viele Fehler.

Franzi ist ja sehr liebenswert – als Publikum spürt man das gute Zusammenspiel auf der Bühne zwischen Franzi und Rosa. Könnte man so etwas auch so spielen, wenn man nicht befreundet wäre?

Echerer: Ja, kann man, aber was man nicht erspielen kann, ist ein Gefühl, das vorhanden ist. Das macht es aber nicht besser oder schlechter. Das ist einfach eine Wahrheit, die man nicht wegleugnen kann.

Breitebner: Vielleicht ist es auch das Quäntchen Zusatzenergie, weil man sich aufeinander blindlings verlassen kann. Das geht nicht mit jeder Kollegin. Dass man einen Spaß miteinander und eine große Freude haben kann, egal, was ihr oder mir passiert. Das ist  schon etwas sehr Einzigartiges. Das wäre interessant, wenn wir unseren Text jemand anderen geben und anschauen würden, wie die es spielen.

 

In der Eden Bar war auch der Musiker Michael Kroess dabei. Wird er im Stadtsaal auch dabei sein?

Breitebner: Wir haben die erste Fassung von „Schneckenjagen“, also den „Testlauf“ in die Eden Bar hineingeschrieben und dort ist auch der Musiker entstanden – Herr Michael ist ein Barmusiker, aber jetzt spielen wir es im Stadtsaal, da herrscht eine ganz andere Atmosphäre und Dimension. Deshalb haben wir die Rahmenhandlung verändert. Die Stadtsaal-Bühne ist eine ganz tolle Bühne, es gibt auch ein paar spezifische Dinge, die sich genau auf diese Bühne beziehen. Bei der Musik wissen wir noch nicht genau, wie es sein wird. Es wird auf jeden Fall kein Barmusiker dabei sein, das ist klar, vielleicht haben wir Musik aus der Konserve, vielleicht ist einer im Publikum unser Pianist.


Könnte jede Vorstellung anders aussehen oder gibt es ein fixes Drehbuch?

Echerer: Beides. Die Autorin Konstanze ist eine scharfe Kontrolleurin und das ist gut so. Denn es gibt manche Szenen, die hoch musikalisch geschrieben sind, wenn man da ein Wort zu viel oder zu wenig sagt, stimmt es nicht mehr, dann ist der Fluss weg und das spürt das Publikum.

Breitebner: Da müssen wir vielleicht das System erklären, wie wir arbeiten. Ich bin auch Drehbuchautorin. Am Anfang von „Schneckenjagen“ gab es unsere Idee - dass wir die Frage, warum wir befreundet sind, beantworten - und eine leere Datei im LapTop. Die Figuren Franzi und Rosa haben wir erfunden, ich habe eine Backstory für sie geschrieben und verschiedene Szenen über das Thema Freundschaft, Verliebtsein und Kinder geschrieben, was mir halt so eingefallen ist. Wir haben die Szenen angespielt, improvisiert und uns gegenseitig etwas vorgespielt, und dann habe ich die Dialoge zuhause geschrieben. Die Dialoge hat Mercedes bekommen und sie hat sie sich für sich zurecht„geschneidert“. Wir haben aber auch Felder der Improfreiheit dabei. Es gibt eine Passage, in der wir beide sehr emotional sind, und ich höre gar nicht, was sie redet, das schreibe ich nicht, das ist offen, insofern wird jede Vorstellung schon ein wenig anders werden.


Wie schwer tut ihr euch da mit dem Streichen von Text?

Echerer: Wir sind da „unglaublich brutal“. Es gibt Sätze, die wir lieben, aber wenn sie im Ablauf, im Fluss nicht stimmen, dann streichen wir sie. Wenn man etwas zusammen schreibt, dann sind einem ja die Bögen klarer, wo man mit der Szene hinwill. Das ist ein Vorteil.

Breitebner: Beim Drehbuchschreiben überlege ich mir sehr lange, wie meine Figuren sprechen. Und die Sätze müssen den Regisseur überleben, der seine Fassung und Sätze hat und die Schauspieler, die es sich mundgerecht machen. Aber ich habe gelernt, dass die Herzstücke bleiben.

Echerer: Ich betrachte es als Geschenk, was in der Zusammenarbeit zwischen Konstanze und mir passiert ist, denn ich bin keine Autorin, aber Konstanze sehr wohl. Ich habe aber ein Talent für dramaturgische Bögen. Wir sind Schauspielerinnen, wir können uns einen Text erarbeiten und ihn dann auf unsere Art und Weise präsentieren, wir können aber auch improvisieren und zum Beispiel drei Minuten etwas zu einem Thema sagen, und diese Spielerei, dieses Improvisieren und dann Schreiben - das hat so viel Spaß gemacht. Eitelkeit hatte dabei keinen Platz. Wenn ein Wort nicht gepasst hat im Dialog, dann haben wir beide nach dem richtigen gesucht und eine von uns hat es gefunden, es war egal, von wem es kam. Dann haben wir weitergearbeitet. Es ging um das Wort, um die Szene, es ging um die Form, die es braucht. Dass man da nicht streitet, weil einem der Satz aber doch so gefällt, das ist ein Geschenk.

 

Wie lange hat die Arbeit an dem Stück gedauert?

Breitebner: Ungefähr eineinhalb Jahre. Die erste Fassung hatten wir in zwei Monaten geschrieben. Es ist halt so, dass man tausend andere Sachen auch machen muss. Das ist auch Thema des Stückes, dass wir andere Dinge auch arbeiten müssen – daraus ist auch unsere Vielfältigkeit entstanden. Das ist aber nicht mein Privatschicksal, sondern der Zug der Zeit. In diesem Zusammenhang fällt mir aber schon die Frage ein, wie kreativ man sein kann, wenn man kreativ sein muss.

Echerer: Es gibt ja diesen furchtbaren Satz: „Nur ein hungernder Künstler ist ein guter Künstler“ – das finde ich schrecklich. Demgegenüber stünde ja dann, dass Sattheit – im Sinne von „nicht hungern müssen“ - unkreativ macht. Es kommt darauf an, was man unter Sattheit versteht. Nur weil man satt ist, wenn man genug zum Leben hat, wird man ja nicht plötzlich unkreativ! Man könnte dann vielleicht einmal ausatmen, das Drehbuch ein Monat liegen lassen, weil man es sich leisten kann und es erst in einem Monat überarbeiten, dann gibt es genug Distanz dazu, was der Kreativität ja keinen Abbruch tut, im Gegenteil.

Breitebner: Ich habe eine Zeit lang Fernsehserien gemacht und gut verdient, und da muss ich schon sagen, ich wäre nicht besser geworden, hätte man mich unter eine Brücke gesetzt.

 

Bei den vielen unterschiedlichen Tätigkeiten gibt es etwas, woran das Herzblut besonders hängt?

Echerer und Breitebner gleichzeitig: Spielen!

Echerer:Letztendlich ist es das Erzählen von Geschichten und Menschen, egal auf welche Art und Weise, sei es eine Lesung oder ein musikalisches Programm oder ein Drehbuch.

Breitebner: Das habe ich auch bei der Dankesrede bei der ROMY gesagt, dass ich Schauspielerin und Drehbuchautorin bin - in beiden Bereichen eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin.

 

Nach tüdeldü Jahren als Künstlerinnen: Ist nicht auch ein Vorteil des Älterwerdens eine gewisse Gelassenheit?

Echerer: Sagen wir so: Es gibt Momente, in denen der Erfahrungsschatz nicht nur als Rucksack da ist, sondern einfach da ist und dir sagt: Das ist jetzt richtig, das hast du gut gemacht. Gelassenheit ist nicht das richtige Wort. Ich suche nach dem richtigen …

Breitebner: … Sicherheit?

Echerer: Ja, genau, es gibt Momente der Sicherheit und einer kurzen Ruhe …

Breitebner: … aus denen heraus du Kraft schöpfst und auch mutiger ins Risiko gehen kannst. Wir gehen mit diesem Abend ins Risiko. Ich bin neugierig, was ich zurückbekomme. Ich bin auch gefasst, dass ich Ohrfeigen zurückbekommen könnte.  Das gibt es ja auch. Aber da haben wir diese Sicherheit: bist du hingefallen, dann musst du heulen, jammern …

Echerer und Breitebner gleichzeitig: … baden im Selbstmitleid, und dann aufstehen, Krönchen richten und weitergehen.

 

Das ist ein schönes Schlusswort! Danke für das Interview!

 

DieKleinkunst-Redakteure Margot Fink & Markus Freiler

  

 

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