12.04.2016  Wiendrama: Dead Letter Office

Herman Melvilles antikapitalistischer Klassiker "Bartleby der Schreiber" erschien 1853. 150 Jahre später, da sich der Einfluss der Wirtschafts- und Arbeitswelt mehr denn je auf alle Lebensbereiche ausgeweitet hat und weiter ausweitet, scheint der Stoff an Aktualität sogar noch zugenommen zu haben. Die, von Bernd Watzka in das Drama "Dead Letter Office", umgeschriebe Bartleby-Erzählung wird von Wiendrama erneut unter der Regie Aleksander Studen-Kirchners an unterschiedlichen Spielstätten aufgeführt. DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller besuchte die erste Wiederaufnahme im Projektraum Atelier VOTE.

 

 

Auf berührende Art verdeutlicht "Dead Letter Office", wie der Wunsch, nicht von sich selbst zu entfremden, einen Menschen aus der Gesellschaft ausschließen kann. Der frisch in einer Anwaltskanzlei angestellte Bartleby ist anders als seine Kollegen: Er verhält sich "selbstbestimmt". Um ihn herum scheint es zur Norm geworden zu sein, dass sich die Arbeitssphäre Zugriff auf den privaten Bereich, auf Ressourcen wie Freude, Begeisterung und persönliches Glück verschafft. Es reicht nicht, einen Job zu erledigen, auch pflichtbewusst und enthusiastisch bei der Tätigkeit zu sein ist nur der Anfang. Identifikation mit dem Job ist gefragt, 24 Stunden am Tag verfügbar sein, für die Arbeit leben, ja, darin gar "aufgehn wie ein Strudelteilg".

 

Bartleby, der anfangs korrekt, wenn auch emotionslos, aber immerhin ohne sich zu beschweren, ohne aufzumucken, arbeitet, funktioniert wider Erwarten nicht lange als Maschine mit menschlichem Antlitz, deren Treibstoff Kaffee und deren Allheilmittel (besser Betäubungsmittel), Alkohol ist. Der Arbeitsmarkt fordert aber Anpassung, sich verbiegen können, das nennt man "soziale Intelligenz". Man muss mitspielen. Mit seiner Aussage: "Ich spiele nicht, ich bin", stößt Bartleby nur auf Unverständnis. Überzeugend spielt Niklas Winter die Entwicklung des scheinbar hilflosen, unterwürfigen Karriereverweigerers, über den die Kollegen sich nur lustig machen, der sich dahingehend emanzipiert, seinen Willen kundzutun und auf diesen zu beharren. In der herausfornden Titelrolle, die abgesehen von einigen scharfsinnigen Meldungen wenig Sprechtext hat, hält Winter die Energie erstaunlich hoch und setzt auf sein körperliches Ausdrucksvermögen.

 

Der Regisseur Aleksander Studen-Kirchner begeistert in der Rolle des E-Zigarette-rauchenden, mafiösen Wallstreet-Sheriffs in Anzug, Lederschuhen und silbergrauem Haar, der es, obwohl er das Profitstreben (wie es sich gehört) allem anderen voranstellt, mit den Mitarbeitern seiner Kanzlei gut meint. Denn trotz allem sind wir schließlich "human".

 

Helen Zangerle prophezeit als frustrierter Kollege Streiter sein eigenes Burn- und Borneout und mampft aggresiv Fast Food. Julia Prock-Schauer verköpert das Modepüppchen des Büros. Arrogant, schlangenhaft und mit gut ausgebildeter Ellenbogentechnik weiß sie genau, worauf es am Arbeitsmarkt ankommt. Die beiden verbindet ein ambivalentes Verhältnis, irgendwo zwischen Konkurrenz und Kollegialität.

 

Die Chemie und harmonische Interaktion des Ensembles ist bemerkenswert, dessen Leistung besonders unter den gegebenen Umständen, nämlich der ungewöhnlichen Nähe zum Publikum im intimen Raum des Atelier VOTE, das von der Größe die Beschreibung "Wohnzimmeratmosphäre" erlaubt, hervorzuheben. In Aleksander Studen-Kirchners feinfühliger Inszenierung trifft im Rahmen eines ernsten Themas detailverliebtes, pointiertes Schauspiel auf choreographische Komik und ergibt ein Darbietung, die tragisch, witzig und kurzweilig zugleich ist.

 

Wie geht man mit einem Menschen um, der sich der Leistungsgesellschaft entzieht? Die Frage danach, wer hier eigentlich verrückt ist, wird unausweichlich. "Ich möchte lieber nicht", so der geflügelte Satz in dem sich das Problem kondensiert findet, das das Stück regiert. Ich hingegen möchte Ihnen lieber schon dazu raten sich auf das Phänomen der irritierenden Selbstbestimmtheit einzulassen, und eine der kommenden Vorstellungen zu besuchen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller

 

 

 

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