13.02.2016 Werk X-Eldorado: Kein Stück über Syrien

© Stefan Hauer
© Stefan Hauer

Die Flüchtlingskrise hat Europa fest im Griff. Bereits Ende letzten Jahres wurde in diesem Zusammenhang das hochaktuelle „Kein Stück über Syrien“ durch das aktionstheater ensemble in Vorarlberg aufgeführt. Seither hat sich dieses Problem aber noch weiter verstärkt und daher ist die Frage legitim, ob das Stück überhaupt noch aktuell ist. DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern hat es sich aber nicht nur deshalb angesehen.

 

 

Das Wiener Volkstheater hatte gerade erst ein Stück über die Flüchtlingsproblematik noch vor der Premiere abgesetzt, offensichtlich um die vergiftete gesellschaftliche Atmosphäre nicht noch weiter aufzuladen - eine Entscheidung, die hitzig diskutiert wurde. Das aktionstheater ensemble hatte dagegen mit „Kein Stück über Syrien“ planmäßig Premiere im Werk X-Eldorado am Wiener Petersplatz.

 

Das Kellertheater war für die erste Aufführungsserie bereits ausverkauft und das Publikum erkennbar gespannt. Und die hohen Erwartungen wurden an diesem Abend nicht enttäuscht. Schon das Plakat am Eingang, auf dem man die Feststellung „Mir geht das Flüchtlingsthema auf die Nerven“ mit ja oder nein ankreuzen konnte, zeigte bereits, wohin die Reise gehen würde: diese schwierige Problematik sollte ironisierend in ihrer ganzen Ambivalenz dargestellt werden, ein nicht gerade einfaches Vorhaben.

 

Erzählt wird das Verhalten von Michaela, die am Abend im TV mitbekommen hatte, was sich am Wiener Westbahnhof abspielte und „sie war nicht dabei!“ Spontan entschloss sie sich deshalb hinzugehen und zu helfen. Und jetzt stand sie mit Susanne sowie mit Alexander und Robert auf der Bühne und erzählte ihre Erlebnisse. Sie diskutierten unter anderem, ob auf der Flucht wohl ein Rolli oder ein Hartschalenkoffer praktischer wäre. Alexander erzählt, dass auch er helfen wollte, ihm aber das Verteilen von Bananen an gerade dem Tod entkommene Menschen peinlich gewesen sei und Zigaretten als Ersatz politisch nicht korrekt gewesen wären. Deshalb habe er „nur“ im Back-Office mit gearbeitet. Er ist übrigens in einem stilisierten Bienenkostüm auf der Bühne unterwegs, „weil ja Bienen schließlich irgendwann auch nach Europa eingewandert sind“. Sein Exkurs zum Thema Biene ist übrigens umwerfend komisch.

 

Robert dagegen, der in Unterwäsche und High-Heels über die Bühne tänzelt, interessiert das alles nicht wirklich. Ihm geht es vor allem um seinen Körper, den er sehr gerne präsentiert, und dessen Pflege.

 

Die schon etwas ältere Susanne im Business-Look hätte auch zu gerne geholfen, aber da habe es leider zu viele Probleme gegeben: sie sei krank gewesen und auch der Grundriss ihrer großen Wohnung wäre für die Unterbringung von Flüchtlingen bedauerlicherweise ungeeignet. Dafür bewertet sie das Verhalten von Michaela stellvertretend immer wieder mit „Großartig, Michaela“ und fordert sie wiederholt auf, doch ihre Erlebnisse zu erzählen.

 

Und das tut Michaela – ausführlich. Dabei entstehen beim Zuseher allerdings immer wieder leichte Zweifel, ob das aus reiner Nächstenliebe oder auch aus Gründen der Selbstdarstellung geschehen ist. Schließlich will man doch dabei sein, „wenn etwas ganz Großes geschieht“. Deshalb schnappt sie sich am Westbahnhof allen bürokratischen Hindernissen zum Trotz eine Flüchtlingsfamilie und lässt sie bei sich zu Hause übernachten. Sie schildert umwerfend komisch wie sich dieser „Clash of cultures“ in der Realität gezeigt hat: z.B. durch erschreckend unterschiedliche Klo-Gewohnheiten, aber auch durch extrem divergierende Moralvorstellungen. Deshalb ertappt sie sich sogar bei dem Verdacht, dass „ihre“ Flüchtlinge vielleicht Roma sein könnten. „Da merkt man wieder, wie rassistisch und welch ein Arschloch man doch ist“, bekennt sie. Aber sonst ist sie wirklich „großartig“, denn sie bringt in einer Nacht sogar eine vierzehnköpfige Flüchtlingsfamilie in ihrer Zweizimmerwohnung unter, besorgt Eisenbahnkarten und verpackt Lunchpakete. Ihr Lebenspartner Johannes hat sie dabei durchaus unterstützt und erntet von Susanne wiederholt ein „Großartig, Johannes“.

 

Susanne selbst interessiert sich auch immer stärker für die Flüchtlinge, allerdings vor allem für die „jungen, gut aussehenden Syrer“, die gar kein Problem mit älteren europäischen Frauen hätten. Durch deren anerkennende Blicke habe sie jetzt ein deutlich besseres Körpergefühl, was sie dadurch beweist, dass sie ihren Businessanzug auszieht und sich in ihrer aber nicht gerade sexy wirkenden Unterwäsche zeigt.

 

Am Schluss wird klar, wie überfordert wir alle in der Flüchtlingsfrage sind, dass es kein allgemeingültiges, richtiges Verhalten gibt und dass selbst bei den sogenannten „Gutmenschen“ ganz unterschiedliche Motivationen wirken. Diese komplexen Zusammenhänge hat Regisseur und Autor Martin Gruber auf Basis ausführlicher Interviews vor allem mit dem Ensemble in einen packend-ironischen, pointiert-beißenden Text verarbeitet, der uns allen einen Spiegel vorhält. Er sagte nachher in einem kurzen Gespräch, dass das Ensemble mit diesem Stück die „im wahrsten Sinne der Wortes unfassbare Situation“ aufzeigen will und vor allem wie wir selbst damit umgehen. Denn eigentlich, meint er, „auch wenn wir über Syrien reden, reden wir eigentlich auch über uns selbst“. Und Michaela Bilgeri ergänzte, dass das Stück aus ihrer Sicht aktueller als je zuvor sei. Jetzt wäre nämlich die Anfangseuphorie weg und damit würde der Blick auf unsere eigene Haltung klarer.

 

Wirksam wird das alles aber erst durch die wirklich großartige schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, allen voran Michaela Bilgeri, die entfesselt erzählt, singt, schreit und lacht. Diese Intensität beeindruckt wirklich. Aber auch Susanne Brandt, die gegen Ende anmerkt, „dass es ihr nichts ausmacht, dass sie weniger Text als Michaela hat“ und zum Ausgleich dafür ein Märchen erzählen darf, die „Biene“ Alexander Meile mit herrlichem Understatement sowie schließlich der körperbewusste und tanzende Robert Finster überzeugen voll. Dazu kommt eine mehr als unterstützende musikalische Begleitung durch die Live-Band Panda Pirate.

 

Alles in allem biete das aktionstheater ensemble eine mehr als überzeugende Aufführung, die unterhält und gleichzeitig nachdenklich macht. Jedenfalls sollte man sich für die nächste Aufführungsserie unbedingt und rechtzeitig um Karten bemühen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

www.aktionstheater.at

 

Werk X-Eldorado