10.3.2016 Werk X: Der Reigen

© Yasmina Haddad
© Yasmina Haddad

Im Werk X hatte diese Woche eine sehr interessante Produktion Premiere: Der Reigen („The Making of a post porn Schnitzler“). Ob die von Arthur Schnitzler um 1900 aufgezeigten Probleme zwischenmenschlicher, vor allem aber sexueller Beziehungen auch heute noch in der von ihm dargestellten Form aktuell oder völlig überholt sind, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 

 

Das Werk X, eine ehemalige Kabelfabrik in Wien-Meidling, ist als Veranstaltungsort an sich schon einen Besuch wert. Dass hier aber immer wieder sehr interessante und vor allem auch kontroversielle Produktionen auf die Bühne gebracht werden, ist natürlich der eigentliche Grund hierher zu kommen.

Arthur Schnitzler hat mit dem Reigen - um 1897 geschrieben -  Maßstäbe gesetzt, indem er fast alle gesellschaftlichen Konventionen gesprengt hat. Er hat in einer losen Szenenfolge nämlich unverblümt ausgesprochen, wie sehr viele sexuelle Beziehungen wirklich verliefen, was aber die spießbürgerliche Moralfassade nicht auszusprechen zuließ. Man schwieg vielsagend über sexuelle Macht und Ausbeutung zwischen den sozialen Schichten. Schnitzler selbst kommentierte das so: „Geschrieben habe ich...eine Scenenreihe, die völlig undruckbar ist, ...aber nach ein paar hundert Jahren... einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten würde.“ Ein paar hundert Jahre hat es zum Glück nicht gedauert, denn „schon“ 1920 kam das Stück in Berlin und ein Jahr später in Wien auf die Bühne, verursachte aber erwartungsgemäß einen der größten Theaterskandale. Es ist kaum zu glauben, dass es deshalb zum sogenannten „Reigen-Prozeß“ kam, in dessen Folge das Stück erst 1982(!) wieder für die Bühne freigegeben wurde. Bis dahin war der Stoff nur durch Bücher (zu Beginn waren nur „Privatdrucke“ möglich) und durch Filme zugänglich.

In der aktuellen Bearbeitung werden alle 10 Szenen kurz angespielt und das sogar im Originaltext, sehr bald wird aber klar, dass es dabei nur um ein Vehikel geht, mit dem sexuelle Probleme aus aktueller Sicht beleuchtet werden und gängige Geschlechtercodes ad absurdum geführt werden. Viele der Tabus von früher sind ja mittlerweile gebrochen und auch die Geschlechterrollen haben sich drastisch verändert. Das ist auch der Grund, warum die einzelnen Rollen nicht geschlechtstypisch besetzt wurden. Z.B. spielt den Soldaten eine Frau, die Dirne ein Mann. Apropos Mann: Bemerkenswert ist auch, dass kaum Schauspieler zum Einsatz kommen, sondern vor allem Performance-KünstlerInnen, Queers, Transgender, Schwule und Lesben unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlicher Muttersprache. Damit entzieht sich die Aufführung aber auch einer üblichen Beurteilung.

Nach den kurzen Schnitzler-Szenen, wird der meist folgende Geschlechtsakt, den Schnitzler offen lässt, symbolisch angedeutet.  Dafür bietet die Inszenierung einige originelle symbolische Lösungen, an denen Alfred Hitchcock seine Freude gehabt hätte,  wie z.B. das Spitzen eines Bleistifts. Und dann kommt der besonders beeindruckende Teil der Aufführung. Das kreative Bühnenbild bietet nämlich in der Mitte eine kleine von starken Lichtern umrahmte Bühne, auf der die Szenen gespielt werden, wobei die DarstellerInnen nachher zu ihren links und rechts hinter dieser Bühne aufgestellten Schminktischen zurückgehen, sich dort umziehen, schminken, sich einfach die Zeit vertreiben, vor allem aber über ihre eigene Situation und über ihre Sexualität erzählen. Gerade hier ist der Abend besonders authentisch und gleichzeitig spannend.

Für die Leitung dieses komplexen Projekts waren laut gedrucktem Programm Yosi Wanunu und Heiko Pfost verantwortlich (im Internet werden sogar acht Personen angegeben), der gemeinsam mit Johannes Weckl auch das originelle Bühnenbild realisiert hat. Einzelne Mitwirkende hervor zu heben ist angesichts der sich als  Ensemble verstehenden Gruppe nicht sinnvoll. Deshalb: Mitgewirkt haben Denise Bourbon, Veza Maria Fernandez-Ramos (bemerkenswert), Dutzi Ijsenhower, Denise Kottlett, Peter Kozek (schauspielerisch als „Graf“ besonders überzeugend), Lucy McEvil, Nancy Mensah-Offei, Elinor Mora, Nora Safranek und Anat Stainberg.

Kommen die DarstellerInnen zu Beginn noch sozusagen privat gekleidet auf die Bühne, ändert sich das im Lauf des Abends, bis sie am Schluss mit den Schnitzler-Figuren auch optisch verschmelzen. Das kollektiv vorgetragene Schlusslied „Ich seh in dein Gesicht und erkenne es nicht“ ist dafür programmatisch. Jedenfalls ist es dem Werk X gelungen, mit dem „Reigen“ eines der aktuell interessantesten Wiener Theaterprojekte zu realisieren.

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

Werk X