21.4.2016  transit: Liebesbriefe an Adof Hitler

© transit
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Liebe kennt manchmal einfach keine Grenzen. Was es bedeutet, Adolf Hitler zu lieben, sah sich DieKleinkunst-Redakteurin Olivia Schabowski bei der Premiere des Stücks „Liebesbriefe an Adolf Hitler“, konzipiert von transit (Katarina Csanyiova, Julia Kronenberg, Andreas Pronegg, Ralph Reisinger), mit eigenen Augen an.

 

 

"Mein Herz hat heut’ Premiere,

Das Stück heißt du und ich,

und wenn ich mich auch wehre,

mein Herz schlägt nur für dich"

 

Schon das erste Lied versetzt das im kleinen „Ranftlzimmer“ der Künstlerhalle platzierte Publikum in Schweigen. Eine Bühne im herkömmlichen Sinn gibt es bei dieser Vorstellung nicht: Im vorderen Teil des Raums steht ausschließlich ein Kontrabass, auf den Seiten hohe Sessel, und das Publikum sitzt an kleinen Tischen zu je fünf Personen. Durch diesen Aufbau wird der ganze Raum zur Bühne und die Künstler bewegen sich frei an den Tischen vorbei, die Gäste werden so zu einem Teil des Stücks.

 

Die Schauspielerinnen lesen abwechselnd originale Liebesbriefe deutscher Frauen an Adolf Hitler vor und singen Lieder aus dieser unsäglichen Zeit. Sie versetzen so das Publikum in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück. Ergreifend sind nicht nur der Inhalt der Briefe oder die Texte der Lieder selber, sondern auch die Inszenierung der Schauspielerinnen, welche vor der Herausforderung standen, sich in die Rolle von Frauen zu versetzen, die Hitler vergötterten, begehrten und liebten.

 

Ayla Antheunisse, Katarina Csanyiova und Julia Kronenberg meistern dies mit großer Klasse und bringen mit ihren ausgesprochen guten Imitationen dieser Frauen, deren Gedanken und Gefühle für einen Abend in die Künstlerhalle zurück. So erlebt man in diesem Stück, wie sich die Autorinnen der Briefe gefühlt haben, und kann sich vorstellen, was für Menschen sie waren. Die Geschichte der Kriegszeit, so wie sie üblicherweise dargestellt wird, steht hingegen eher im Hintergrund.

 

Musikalisch wird die Aufführung ausschließlich durch einen Kontrabass, gespielt von Lisa Weiss, untermalt, und es brauchte tatsächlich nur dieses eine Instrument, um eine getragenene und ernste Stimmung zu erzeugen.

 

Das Stück ist für alle jene zu empfehlen, die sich für einen Abend in eine andere Zeit zurückversetzen möchten. Gefesselt durch die Enge des Raumes und die Nähe zu den Schauspielerinnen und dem restlichen Publikum, ist man gezwungen, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass auch der grausamste Mensch geliebt werden kann. Man wird konfrontiert mit einer Zeit, in der ganz andere Verhältnisse und Prioritäten herrschten, Die Sehnsucht nach einer Führerpersönlichkeit mit erotischer Ausstrahlung und Allmachtsfantasien - so etwas ist in einer humanistisch gebildeten Gesellschaft sicher nicht mehr möglich. Oder doch?!

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Olivia Schabowski

 

 

 

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