01.03.2016 Theatercenter Forum: Schwarzer Veltliner

© www.facebook.com/schwarzer.veltliner
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Schwarzer Veltliner (Buch und Regie: Elisabeth Semrad und Jürgen Marschal) wurde 2013 im Rahmen des Viertelfestivals im Weinviertel uraufgeführt. Hintergrund zur Entstehung von Schwarzer Veltliner war das 2012 noch geplante Vorhaben eines großen Konzerns, im Weinviertel nach Schiefergas zu bohren - Stichwort "Fracking". Aus dem Projekt ist nichts geworden, doch die Geschehnisse haben eindrucksvoll vor Augen geführt, wie das so ist mit dem Motto: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut.“ DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink hat sich die aktualisierte Version dieses satirischen Schwankes im Theatercenter Forum angesehen.

 

 

Ein großer Konzern plant 2012 im Weinviertel Probebohrungen zur Gasgewinnung und verspricht sich von den Gasvorräten ab 2020 eine unabhängige Energieversorgung Österreichs für die kommenden 30 Jahre - selbstverständlich unter der Prämisse, dass das Vorhaben technisch und wirtschaftlich machbar sowie ökologisch vertretbar ist. Die Umweltverträglichkeit des Verfahrens zur Gasgewinnung bescheinigt ein vom Konzern beauftragtes Forscherteam einer österreichischen Universität. Probebohrungen werden angekündigt, Politiker treten auf den Plan, die Bevölkerung ist beunruhigt, es regt sich Widerstand, Lebensgrundlagen stehen am Spiel, Bürgerinitiativen werden gegründet mit dem Slogan "Weinviertel statt Gasviertel".

 

Das könnte der Plot zu einem Film sein, es ist jedoch der Inhalt eines satirischen Schwankes von Elisabeth Semrad und Jürgen Marschal. Beide stammen aus dem Weinviertel und haben vor vier Jahren genau das miterlebt und ein Jahr später, 2013, über die Ereignisse ein Theaterstück verfasst und es im Rahmen des niederösterreichischen Viertelfestivals zur Uraufführung gebracht. Im März 2016 gibt es nun Gelegenheit, im Theatercenter Forum die aktualisierte Version dieses Stückes zu sehen.

 

Nichts Erfundenes, sondern die Wirklichkeit wird also auf die Bühne gebracht, eine überzeichnete zwar, aber das Traurige dabei ist: alles ist möglich. Semrad und Marschal wollten jedoch nicht Partei ergreifen, sondern von unterschiedlichen Seiten die Beweggründe fürs Handeln, sei es Aussicht auf Gewinn, sei es Widerstand, sei es Opportunismus, sei es Das-sich-kaufen-Lassen -, beleuchten und die Verstrickung von Politik und Wirtschaft aufzeigen. Und das gelingt ihnen vortrefflich. Mit den üblichen Verdächtigen: Konzernchef und Erfüllungsgehilfe, Politiker, Weinbauern, Journalisten, Experten und einer gehörigen Portion schwarzem Humor.

 

Wir schreiben das Jahr 2020, H.C. Strache ist Kanzler, Andreas Gabalier Vizekanzler, Frauenminister ist Felix Baumgartner und Karlheinz Grasser ist gerade aus dem Gefängnis geflohen, also eigentlich eh schon eine Menge los in Österreich. Und dann noch die geplante Förderung von Schiefergas im Weinviertel! Am Stammtisch der jungen Winzerin (Sarah Aust spielt sie als rebellische und unbeirrbare Kämpferin, die genau weiß, was sie will) treffen alle Protagonisten aufeinander. Die junge Winzerin hat gerade erst in Fremdenzimmer investiert und Weine kreiert, die so interessante Namen tragen wie „Lusttropfen“, die sie teuer an die städtischen Touristen verkauft. Sie wird es auch sein, die Widerstand leistet, als sie vom Projekt erfährt, die nicht an die Harmlosigkeit der Bohrungen und die Umweltverträglichkeit glaubt. Am Winzerstammtisch sitzt auch der in sie verliebte junge Journalist Georg, der sich im Laufe des Stücks vom ewigen Ja-Sager ohne eigene Meinung zum aktiven Widerständler wandelt, leider ein wenig zu zaghaft dargestellt von Dieter Hörmann.

 

Der schleimige Ingenieur und Erfüllungsgehilfe des Konzernchefs, glaubhaft verkörpert von Lukas Tagwerker, soll der Bevölkerung das Projekt schmackhaft machen und den Weinbauern das Land für viel Geld abkaufen, auf dem gebohrt werden soll (aber in Wirklichkeit geht um etwas ganz Anderes, noch viel Schlimmeres!). Bei einem der Weinbauern, als einfacher und eher grober Mann der wenigen Worte dargestellt von Christian Roupec, scheint er zunächst damit auch Erfolg zu haben. Der Konzernchef selbst weilt in der Zwischenzeit auf Urlaub (in dieser Rolle abgebrüht und kaltherzig Klaus Schaurhofer). Schaurhofer ist aber auch in der Rolle des Wissenschaftlers, der für den Konzern die Umweltverträglichkeit in Tests und Studien belegt, zu sehen, hier gelingt ihm eine Mischung aus verwirrtem, aber doch bestechlichem Professor. In seiner dritten Rolle spielt er einen Weintester, der bei der jungen Winzerin auftaucht. Jacqueline Sattler glänzt in ihrer Rolle als zwischen zwei Extremen hin- und hergerissene Landesrätin. Einerseits will sie der Parteilinie treu bleiben, andererseits ist sie im Weinviertel verwurzelt und kann die Gasförderung nicht gutheißen. Erwähnt werden müssen an dieser Stelle auch der Mann, der  für die musikalische Untermalung während der Umbauten zwischen den Szenen sorgt: sehr passend live am Akkordeon  Roland "Zotti" Rissaweg, und das einfache, aber sehr aussagekräftige Bühnenbild (Stefanie Muther), zwei Schränke, ein Tisch, je nach Lokalität wird der Schrank der Winzerin (Wein, Gläser, Speisen, Getränketafel) oder der Schrank im Büro des Ingenieurs (Krawatten, Ordner) geöffnet.

 

Die Stereotypen, die bei Schwarzer Veltliner über die Bühne wandeln, liefern treffsicher pointierte Aussagen, etwa wenn die Landesrätin sagt: „Ich bin für Reformen, wenn alles so bleibt, wie es ist“. Den Schwarzhumorig von Anfang bis Ende mit überzeichneten Figuren bietet Schwarzer Veltliner ein Lehrstück darüber, was herauskommen kann, wenn sich Macht, Geld und Gier mischen, aber auch was Widerstand und Mut bewirken können. Im realen Leben wurde im Herbst 2012 das Projekt wieder eingestellt auf Grund einer Gesetzesnovelle, die für jede Probebohrung eine Umweltverträglichkeitsprüfung verlang hätte.

 

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

 

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