15.03.2016 theater experiment: Der Scheiterhaufen

© Rolf Bock
© Rolf Bock

Eine dominante Mutter, die mit dem Mann der stillen Tochter turtelt, ein alkoholkranker Sohn und ein soeben verstorbener Vater. Das ist die Ausgangssituation des spannenden Familiendramas Der Scheiterhaufen (Der Pelikan) von August Strindberg, das aktuell im theater experiment gespielt wird. Erich Martin Wolf inszeniert dieses Sittenbild einer Familie sehr stringent, mit großer Betonung auf Text und Timing. Unterstützt wird er dabei von einem exzellenten Ensemble, das nicht nur DieKleinkunst-Redakteur Paul M. Delavos begeistert hat.

 

 

Der Vater ist gerade erst begraben, die Mutter wartet auf den Nachlassverwalter und darf in der Wohnung noch nichts verändern. So verbringt sie die Zeit im Salon und beherrscht von dort weiterhin die ganze Familie, inklusive Schwiegersohn dem sie nicht abgeneigt ist. Jahrzehntelang hat sie den Haushalt dominiert, die Familie kurz gehalten, das Geld für das Feuerholz unterschlagen und für eigene Zwecke verwendet. Auch zum Essen gab es immer nur wenig. Auf der anderen Seite wurden kostspielige Reisen und teure Restaurantbesuche unternommen – ganz im Sinne von „keeping up appearances“. Als schließlich ein Brief des Vaters an den Sohn auftaucht, spitzen sich die Ereignisse immer mehr zu …

 

Regisseur Erich Martin Wolf gibt August Strindbergs Text viel Raum und auch viel Pausen, die aber gut aufeinander abgestimmt sind. Dadurch wirkt das Stück keineswegs langatmig, sondern sehr getragen und in seiner Entwicklung umso spannender. Gerade bei diesem Text ist es wichtig, dass nicht durchgehastet und womöglich noch genuschelt wird. Natürlich benötigt man dazu auch ein Ensemble, das sich auf diese Langsamkeit einlässt und auch mit den Pausen umgehen kann. Dieses Ensemble stand dem Regisseur zur Verfügung.

 

Wie Dagmar Truxa als Mutter Elise die Kinder, aber auch den Schwiegersohn sowie Margret, das Mädchen für alles, dominiert und im Zaum hält, lässt einem so manchen Kälteschauer über den Rücken rieseln. Denn natürlich ist doch alles nur zum Wohl der Kinder und alles nur aus Liebe geschehen. Aber auch ihre Angst, ihr Wahn, dass jemand durch die Wohnung geistert, schlagen immer wieder durch. Die Leidtragenden sind da die Kinder: Tobias Reinthaller (Fredrik) und Beate Gramer (Gerda). Reinthaller ist ein zurückhaltender, verzweifelter, sich am Flachmann festhaltender Sohn, der aber gegen Ende doch eine gewisse Stärke findet. Allerdings auch von Selbstvorwürfen geplagt wird, weil er vielleicht den Vater besser unterstützen hätte können. Bewundernswert, wie er das alles auch durch seine körperliche Präsenz auszudrücken weiß. Gramer beeindruckt mit schüchterner Zurückhaltung, in der aber eine unglaubliche Bühnenpräsenz liegt. Christian Schiesser ist ganz der schleimige Schwiegersohn, der eigentlich nur auf das Erbe aus ist.

 

Erwin Bail hat den Bühnenraum komplett als dunklen Salon gestaltet, mit alten Möbeln, zerschlissenen Sesseln und einem Schaukelstuhl, der immer wieder zu schaukeln beginnt. Als Gegenpol zur Dunkelheit gibt es aber immer wieder gelbe Akzente, die sich bei den Kostümen fortsetzen. Auch die Balkontür, die sich immer wieder öffnet, sorgt für gruselige Momente. Und somit bleibt nur noch eines zu schreiben: Dieses Stück in dieser Besetzung an diesem Ort ist ein absoluter Glückstreffer!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Paul M. Delavos

 

 

 

http://www.theater-experiment.com