29.2.2016 Theater Drachengasse: Geheimsache Rosa Luxemburg

© Reinhard Werner
© Reinhard Werner

Das Portraittheater zeigte jetzt auch im Theater Drachengasse die Kollage „Geheimsache Rosa Luxemburg“. In beinahe ein Jahr langer Vorarbeit hat sich Anita Zieher gemeinsam mit Regie-Spezialistin Sandra Schüddekopf durch Berge von Material gearbeitet und dabei jeden Satz durchdiskutiert. Ob sich dieser Aufwand gelohnt hat und was daran so geheim ist, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 

„Rosa Luxemburg, geboren am 5.März 1871 in Polen, wirkte ab 1887 in der polnischen und ab 1898 auch in der deutschen Sozialdemokratie, kämpfte gegen Nationalismus und Militarismus, organisierte Massenstreiks, gründete 1914 gemeinsam mit Karl Liebknecht die „Gruppe Internationale“, aus der später der Spartakusbund hervorging, sie kritisierte die Politik der SPD, deren Mitglied sie war, sie bejahte die russische Oktoberrevolution, verurteilte aber die Diktatur Lenins, war Chefredakteurin der Zeitung „Die Rote Fahne“ in Berlin, forderte 1918 eine deutsche Räterepublik, gründete Anfang 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands“ und wurde am 15.1.1919 gemeinsam mit Karl Liebknecht von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division“ ermordet“.

 

Soweit die lexikalischen Daten über Rosa Luxemburg. Bilden diese Angaben den Menschen Rosa Luxemburg aber auch ausreichend ab? Anita Zieher war nicht dieser Meinung. Mit dem von ihr vor zehn Jahren gegründeten Portraittheater hat sie es sich zur Aufgabe gestellt, interessante Frauengestalten auf die Bühne zu bringen. Nach Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Berta von Suttner, George Sand sowie Curie-Meitner-Lamarr hatte sie sich diesmal für eine explizit linke Politikerin entschieden, nicht zuletzt deshalb, wie sie mir in einem Gespräch nach der Aufführung erzählte, weil sie davon überzeugt ist, dass manches, wie etwa der wieder aufkeimende Nationalismus in Europa, leider wieder sehr aktuell ist.

 

Anita Zieher zeigt eine vielschichtige und ambivalente Rosa Luxemburg - die Agitatorin sowieso, aber auch die Nationalökonomin und Kapitalismuskritikerin, die blendende Rednerin, die Journalistin und nicht zuletzt auch die Frau. Rosa hatte einige Beziehungen, auch zu jüngeren Männern, war eine explizite Naturliebhaberin und schrieb lyrische Briefe und Gedichte. Übrigens bietet Zieher an dieser Stelle dem Publikum die Möglichkeit, zwischen drei Varianten zu wählen: der Kurzfassung (noch nie gewählt!), der romantisch-dramatischen oder der sachlich-emanzipatorischen. Meist - so auch an diesem Abend - wird, wie sie erzählt, warum auch immer die romantische Variante gewählt.

 

Es wird aber genauso gezeigt mit welchem Gleichmut, ja sogar mit welchem Stolz sie ihre zahlreichen gerichtlichen Verurteilungen hinnahm. Und es ist sehr eindrucksvoll, dass all diese Umstände diese starke Frau niemals ernstlich an ihrer Mission zweifeln ließen. Ihre Aussage: „Unpolitisch sein heißt politisch zu sein ohne es zu merken“, gilt in Zeiten dauernd sinkender Wahlbeteiligung nach wie vor uneingeschränkt - genauso wie „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat“. Und diesem unbedingten Wahrheitsanspruch fühlte sich sich zeitlebens verpflichtet.

 

In diese verschiedenen Bereiche wird auch die Darstellung auf der Bühne gegliedert und zwar jeweils mit dem Zusatz „Ein Lebenslauf“. Beeindruckend ist dabei die kongeniale Begleitung durch die Percussionistin Ingrid Oberkanins, die einige tolle Soli auf unterschiedlichen Instrumenten hinlegt. Durch die schnörkellose Regie von Sandra Schüddekopf gelingt es, die Wesenszüge von Rosa Luxemburg quasi wie mit einem Skalpell herauszuschälen, was allerdings dazu führt, dass sich der Eindruck nicht vermeiden lässt, dass Zieher nie wirklich Luxemburg ist, sondern sie in den unterschiedlichen Schichten darstellt.

 

Wie auch immer: Der Abend vergeht wie im Flug – und das trotz der teilweise schwierigen Texte, die vom Publikum Konzentration und volle Aufmerksamkeit verlangen. Diese „Kurzweiligkeit“ ist vor allem dem logischen Ablauf und der überzeugenden Interpretation durch Anita Zieher zu verdanken, die eine wirklich beeindruckende Performance auf die kleine Bühne bringt. Das Bühnenbild ist – genau wie die Kostüme – sparsam, erinnert allerdings eine wenig an ein Kasperltheater.

 

Ach ja: Warum denn eigentlich „Geheimsache“? Zu Beginn bietet Zieher dem Publikum an, die Vorstellung noch vor Beginn, das Theater zu verlassen. Es sei nämlich gefährlich, sich mit den Theorien von Rosa Luxemburg zu befassen. Manches sei ansteckend und außerdem könnte es ja bekannt werden, wer sich mit solch „linken Theorien“ beschäftige. Resultat: Dennoch verließ niemand das kleine Theater.

 

Gespielt wird noch bis 5.3. im Theater Drachengasse, dann ist das Portraittheater auf Tournee im deutschsprachigen Raum. Es lohnt sich hinzugehen, denn erstens lernt man „spielerisch“ Geschichte, dazu einen Menschen hinter der PolitikerInnenoberfläche kennen, kann auch durchaus Schlüsse auf das aktuelle Geschehen ziehen und einen ihrer Leitsätze berücksichtigen: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

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