3.5.2016  TAG: Empört Euch, Ihr Krähwinkler!

© Wolfgang Simlinger
© Wolfgang Simlinger

Das TAG ist ja mittlerweile dafür bekannt, Klassiker gekonnt zu aktualisieren und hat damit durchaus auch kommerziellen Erfolg. Intendant Gernot Plass ist Spezialist für diese Aufgabe und hat sich diesmal als Auftragsarbeit Johann Nestroy vorgenommen. Ob das bisherige Erfolgsrezept auch bei diesem „Klassiker“ funktioniert, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere angesehen.

 

 

Zunächst war Gernot Plass nicht gerade begeistert von dem Wunsch der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien für und mit den Mitgliedern des Abschlussjahrgangs, quasi als „Matura“, eine Komödie - und noch dazu einen Nestroy – zu inszenieren. „Freiheit in Krähwinkel“ wurde explizit gewünscht.

 

Plass hatte einige Vorbehalte gegen dieses Projekt, vor allem deshalb weil Nestroy ja selbst meist französische Vorlagen auf wienerisch-satirische Art überschrieben hatte. Und ein „Überschreiben zum Quadrat“ reizte ihn gar nicht. Nach einer Nachdenkphase und auf sanften Druck der besonders engagierten Jahrgangsleiterin Karoline Exner machte er sich dann aber doch an die Arbeit und schrieb „Empört Euch, Ihr Kräwinkler“. Wahrscheinlich hatte Plass letztendlich eingesehen, dass viele der gesellschaftskritischen Ansätze von Nestroy – besonders deutlich gerade in Krähwinkel – irgendwie zeitlos (leider) sind.

 

Das Resultat wurde jetzt unter seiner Regie mit zwölf Mitgliedern der Uni auf die Bühne des TAG gebracht. Und? Der Erfolg war bei der Premiere durchschlagend, denn das Publikum war echt begeistert.

 

Aber der Reihe nach. Nestroy hatte das Stück 1848 unter dem Einfluss der Revolutionen in Europa geschrieben. Auch in Wien gab es eine solche, wenn auch verhältnismäßig kleine. Aber schon nach einem halben Jahr war der „Spuk“ vorbei, und unter der Leitung des von Johann Strauss zu unrecht verklärten Feldmarschalls Radetzky wurde der Aufstand äußerst brutal niedergeschlagen. Krähwinkel als Symbol für das reaktionäre österreichische Kaiserreich mit dem Metternich`schen Spitzelsystem war für Nestroy, der mit den Zielen der Revolution sympathisierte, der letzte Hort der Reaktion und entsprechend karikierte er die handelnden Personen und das auf beiden Seiten.

 

Der Bürgermeister als Symbol für die absolute Staatsmacht unterdrückt jede Art von Meinungsfreiheit der für die Revolution begeisterten Bürger mithilfe des Kommandanten Rummelpuff, des Redakteurs Pfiffspitz und seines intriganten Sekretärs Klaus. In diese reaktionäre Idylle platzt der Revolutionär Eberhard Ultra, dem es nach einigen sehr verschlungenen Wendungen gelingt, auch in Krähwinkel der Revolution zum Erfolg zu verhelfen.

 

Plass verlegte die Handlung in die Zukunft einer (utopischen) sozialistischen Europäischen Union, die den Redakteur Ultra nach Krähwinkel sendet, um hier dafür zu sorgen, dass auch diese letzte Bastion der Reaktion fällt. Alle Versuche ihn davon abzubringen und zu korrumpieren – so wird ihm die Position eines Zensors (!) angeboten, das ist aber „ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes“ – scheitern kläglich und letztendlich siegt die Revolution. Eine echte Utopie! Wie Plass das auf die Bühne bringt, ist jedenfalls sehenswert. In pastellfarbene Kostüme gehüllt, fegen die zwölf jungen Leute nahezu zwei Stunden in einer Intensität über die Bühne als gäbe es kein Morgen. Was dem Stück in letzter Konsequenz an Realitätsbezug fehlt, macht die talentierte und unglaublich engagierte Truppe mehr als wett.

 

Heute gibt es zwar das spießbürgerliche Biedermeier nicht mehr, aber gerade derzeit spüren viele, wie sehr auch heute wieder Freiheitsrechte bedroht werden könnten. Und hier liegt auch der wichtige Rest der immer noch gültigen Aktualität Nestroys.

 

Das Stück wird von der mitreißenden Musik Erik Duits kongenial unterstützt, der sichtlich gut gelaunt selbst am Klavier sitzt. Auch das karge und doch sehr flexible Bühnenbild sowie die Ausstattung von Alexandra Burgstaller unterstützen diese satirisch-überdrehte Aufführung perfekt. Aus der talentierten Schauspieltruppe ragen Stanislaus Dick als gelungene Parodie auf den Redakteur Ultra, Benedikt Paulun als Klaus und vor allem die großartige und umwerfend komische Stefanie Darnesa als Bürgermeister heraus. Mit Schnurrbart und dem umgeschnallten Bauch erinnert sie – vermutlich nicht ganz zufällig – an einen ähnlichen Amtsinhaber in Wien. Es steht jedenfalls außer Zweifel, dass man bei dieser Aufführung im TAG, bei der man sich unter Garantie sehr gut unterhält, Talente sehen kann, von denen man noch einiges hören wird.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

TAG

 

Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien