5.3.2016 TAG: Die Blendung

 © Anna Stöcher.
© Anna Stöcher.

Das TAG hat sich auf die Bearbeitung von klassischen Stoffen und deren zeitgemäßer Interpretation spezialisiert. Für die Dramatisierung der „Blendung“ von Elias Canetti ist die ehemalige künstlerische Leiterin des TAG, Margit Mezgolich, hierher zurückgekommen. Ob dieses wirklich nicht gerade einfache Projekt geglückt ist, hat sich Die Kleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der Premiere angesehen.

 

Die Blendung von Elias Canetti ist mittlerweile einer jener Klassiker, über den viele reden, den aber nur wenige wirklich gelesen haben. Und das ist auch kein Wunder, denn dieser sehr umfangreiche Roman ist nicht gerade leicht zugänglich. Hauptfigur ist der Sinologe Peter Kien, der sein gesamtes Leben der Wissenschaft gewidmet hat und völlig zurückgezogen in seiner Vier-Zimmer-Wohnung mit 25 000 Büchern lebt.

 

Zur Pflege dieser Bibliothek engagiert er die Haushälterin Therese, mit der er in den folgenden acht Jahren nahezu keinen persönlichen Kontakt hat. Wegen ihrer Gewissenhaftigkeit heiratet er aber die deutlich ältere Frau und sofort stellt sich heraus, dass sie es eigentlich nur auf materielle Dinge abgesehen hat: auf die Wohnung und das gesamte Geld von Kien. Ein erbarmungsloser Zweikampf beginnt, der immer stärker eskaliert. Als Kien aus seiner Wohnung vertrieben wird, irrt er ziellos durch die Stadt, lernt die eigenartigsten, meist bösartigen Figuren kennen und verfällt nach und nach dem Irrsinn. Er widmet sein gesamtes Vermögen dem Projekt „Errettung von Büchern“, wozu er von gewissenlosen Gaunern wie Siegfried Fischer, genannt Fischerle, getrieben wird. Durch zahllose Missverständnisse und falsche Mordvorwürfe, steigert sich sein Irrsinn – getrieben von einem erbarmungslosen Mob - immer weiter und zuletzt verbrennt er sich zusammen mit seinen Büchern. Hier gibt es auch erste Anklänge an sein späteres Hauptwerk „Masse und Macht“.

 

Diese ziemlich skurrile Handlung der dreiteiligen Werkes hat Canetti in den Jahren 1931/32 in Wien geschrieben, wobei Einflüsse von Kafka nicht zu übersehen sind, aber vor allem auch der seines vorangegangener Aufenthalts in Berlin, das ihm im Vergleich zum gemütlichen Wien wie ein Irrenhaus vorkam. Die grotesken Figuren bekämpfen sich bis an und über die Grenzen des Wahnsinns. Es geht Canetti darum, die Beschränktheit des Individuums aufzuzeigen und seine Unfähigkeit, sich mit anderen konstruktiv auseinander zu setzen. Das Verbrennen der Hauptfigur zeigt dieses Scheitern besonders eindringlich.

 

Dieses Spannungsfeld war es offensichtlich auch, das Margit Mezgolich – verantwortlich für Buch und Regie - dazu bewogen hat, diesen komplexen Stoff auf die Bühne zu bringen. Und sie sieht auch erschreckende Parallelen zu aktuellen Entwicklungen. In einem Gespräch nach der Premiere erzählte sie, dass sie dieses Buch im Alter von etwa 20 Jahren erstmals gelesen hatte und davon fasziniert war. Jahre später entstand dann der Plan, die Blendung zu dramatisieren. In ihrer Zeit als künstlerische Leiterin des TAG von 2009 bis 2013 klappte es aber aus verschiedensten Gründen nicht, diesen Plan zu realisieren. Als sie nun vom aktuellen künstlerischen Leiter Gernot Plass nach einem Wunschprojekt gefragt wurde, war ihr klar, dass sie damit eine „unerledigte Sache“ abschließen konnte. Figuren und Sprache, an der Mezgolich übrigens aus rechtlichen Gründen nichts ändern durfte, bezeichnet sie als als theatertauglichste Vorlagen unter allen Arbeiten Canettis.

 

Und Mezgolich hat sich tatsächlich sehr viel einfallen lassen. Zunächst startet sie mit dem Ansatz, an diesem Abend nur eine Lesung dieses Romans zu bieten. Ein Vortragender („der Büchermensch“, was übrigens der Arbeitstitel Canettis für diesen Roman war), der zunächst zum „Aufwärmen“ einige Anekdoten über sein persönliches Verhältnis zu Canetti erzählt und dann mit der Lesung beginnt. Nach und nach kommen jedoch die Figuren der Handlung auf die Bühne und ziehen ihn zu seiner völliger Fassungslosigkeit am Schluss sogar in die Handlung hinein. Der Ablauf springt hin und her und betont das Groteske und den bitter-brutalen, ja finsteren Humor Canettis in slapstick-artiger Manier. Das großartige und technisch aufwändige Bühnenbild (Alexandra Burgstaller) unterstützt dieses Konzept perfekt, lässt z.B. Menschen in einer Sitzbank verschwinden, nutzt große, rote Bücher als Gestelle und öffnet je nach Bedarf Wandteile, aus denen die Darsteller albtraumartig erscheinen und wieder verschwinden.

 

Und weil das TAG ja ein Repertoire-Theater ist, stand die Bühne auch bei weitem nicht im wünschenswerten Ausmaß für die Vorbereitung zur Verfügung – insgesamt etwa 8 Tage, wobei die gesamten Proben etwa 6 Wochen dauerten. Das bewährte TAG-Ensemble bietet aber dennoch eine mehr als überzeugende Leistung. Die Balance in Richtung Groteske wird perfekt eingehalten, was angesichts der komplexen Sprache und des komplexen Ablaufs extrem schwierig ist.

 

Besonders überzeugten Jens Claßen als „Büchermensch“ und Vortragender, Petra Strasser als habgierige Ehefrau, mit kleinen Einschränkungen Alexander Braunshör als Kien, Georg Schubert als brutaler Hausmeister und Elisabeth Veit als betrügerischer Siegfried Fischer.

 

Die Blendung im TAG bietet also einen unterhaltsamen, nachdenklichen und zugleich anspruchsvollen Theaterabend – und das in einer wirklich bemerkenswerten Inszenierung. Ein Besuch ist daher wirklich sehr zu empfehlen.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

www.aktionstheater.at