2.04.2016 TAG - Das Spiel: Die Möwe

© Anna Stöcher
© Anna Stöcher

Der aus Litauen stammende Regisseur und Schauspieler Arturas Valudskis hat im TAG seine Neuinterpretation  des viel gespielten Stücks Die Möwe von Anton Tschechow unter dem Titel Das Spiel: Die Möwe präsentiert. Der Möwe wurden in seiner Inszenierung sozusagen "die Flügel gestutzt", ob es trotzdem oder gerade deshalb als Inszenierung funktioniert, hat sich DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink angesehen.

 

 

Wenn in der Ankündigung von Neuinterpretation die Rede ist, weiß man, es ist alles möglich oder auch nichts. Im Falle der Inszenierung von Arturas Valudskis heißt das Zauberwort Reduktion. Textlich reduziert, mit nur fünf Protagonistinnen und Protagonisten auf der Bühne wird einem in dem nur 80 Minuten dauernden Stück nicht der Blick auf das Wesentliche verstellt. Nichts lenkt mehr ab von diesen fünf Künstlerinnen- und Künstlerleben - hier erleben wir fünf unterschiedliche Künstlertypen auf einem Landgut in der sommerlichen Hitze, fünf Personen im Spiel um Scheitern, Versagen, Begehren, Unglück, Langeweile, Narzissmus und Tod, im Stück vereinfacht beim Vornamen genannt: Irina, die großartige Schauspielerin und dominante Mutter (Michaela Kaspar), ihr Geliebter, der erfolgreiche Schriftsteller Boris (Markus Kofler), die unsichere Nina (Julia Schranz), Freundin von Konstantin und angehende Schauspielerin, das Muttersöhnchen Konstantin (Raphael Nicholas), erfolgloser Schriftsteller, und die in Konstantin unerwidert verliebte und deshalb dauerhaft unglückliche Tochter des Gutsverwalters, Mascha (Claudia Kottal).

 

Grausam schon die erste Szene, die Charaktere offen legt, die das Unglück schon erahnen lässt:  Konstantins Freundin Nina trägt einen Text von ihm vor, als Publikum Irina, Boris und Mascha. Und schon an dieser Stelle lässt Irina (Michaela Kaspar) in ihren Kommentaren zu seinem Stück ihren Sohn sehr deutlich spüren, was sie von seinem Schreiben hält, mehr als gescheiterte Schreibversuche sind es ihrer Meinung nach nicht. Man kann sich vorstellen, was diese Kritik, dieses Ins-Lächerliche-Ziehen seines Schreiben in Konstantin auslöst.

 

Es geht also um das, was den Menschen ausmacht, und bei Künstlern scheint  es vor allem Erfolg, Nichterfolg, Scheitern, Missgunst, Versagen, Unsicherheit - die etwa  Julia Schranz als Nina sehr gut einfängt -,  oder Verzweiflung, wie bei Konstantin (Raphael Nicholas als gescheiterter und schwacher Konstantin) zu sein - an dieser Stelle sei die Waschschüssel erwähnt, die in dem Stück drei unterschiedliche Funktionen erfüllt, sie stellt gleich zu Beginn den Mond dar und dient dem Fußbad und im Laufe des Abends für die Unglücklichen unter den Protagonisten und Protagonistinnen auch für Suizidversuche.

 

Das Ensemble, bestehend aus  Michaela Kaspar, Raphael Nicholas (beide aus dem TAG-Ensemble), Julia Schranz und Markus Kofler (Aggregat Valudskis) und auch Claudia Kottal, bietet eine großartige schauspielerische Leistung. Doch die Nüchternheit der Inszenierung ist nur stellenweise originell und zufriedenstellend, etwa wenn der Klavierdeckel beim Zuschlagen wie ein Schuss klingt, oder wenn Konstantin die anderen mit einem langen weißen Band aneinander bindet, indem er Boris das Band um die Hände wickelt, danach Irina damit denMund verbindet, Nina legt er die Schlinge um den Hals und Mascha verbindet er die Augen. Die Monologe gehen oft ins Leere, es ist ein Aneinander-Vorbei-Reden oder ein gleichzeitiges Durcheinander-Reden, das das Gesagte versickern lässt.

 

Irritierend die Heiterkeitsausbrüche und Lachanfälle im Publikum, etwa nach dem Satz "Mir ist der Fuß eingeschlafen" - was an dem Satz oder der Szene so lustig war, dass man dazu hell auflachen musste? Auch wenn Tschechow Die Möwe als Komödie betitelte, ist nichts daran wirklich komisch oder zum Lachen. Auch wenn der bissige Humor nicht zu kurz kommt, und wenn schon gelacht wird, dann aus Schmerz und Verzweiflung. Die Inszenierung von Valudskis ist alles andere als langweilig,  doch so reduziert vermag Das Spiel: Die Möwe kein stimmiges Ganzes ergeben.

 

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

 

 

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