9.1.2016 Stadttheater Mödling: Sippschaft

© Bettina Frenzel
© Bettina Frenzel

Das „Theater zum Fürchten“ unter der Intendanz von Bruno Max ist für seine spannende Programmierung hinlänglich bekannt und auch der erste Programmpunkt im Jahr 2016 klingt vielversprechend. „Sippschaft“ von Nina Raine hat ja schon mit einigen interessanten Inszenierungen auf sich aufmerksam gemacht. Daher hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern die österreichische Erstaufführung mit großem Interesse angesehen.

 

 

Vorweg eine persönliche Bemerkung, die der Fairness halber notwendig scheint. Am Vorabend der „Sippschaft“-Premiere habe ich im Wiener Volkstheater das furiose „Lost and found“ gesehen – übrigens: wenn möglich, unbedingt ansehen! - und ein unbewusster Vergleich mit dieser tollen Aufführung lässt sich nicht ganz verhindern, noch dazu, wo ähnliche Probleme, wenn auch in sehr unterschiedlicher Sicht behandelt werden.

 

Doch zurück nach Mödling. Das dritte Theaterstück „Sippschaft“ („Tribes“) der Britin Nina Raine hatte vor gut drei Jahren seine gefeierte deutschsprachige Premiere am Hamburger Ernst Deutsch-Theater. Die Autorin stammt einer renommierten britischen Literaten-Familie und weiß vermutlich aus persönlicher Erfahrung, worüber sie schreibt.

 

Gezeigt wird ein schonungsloses Portrait einer großkotzigen Akademikerfamilie, in  der allerdings etwas zu viele Probleme zusammenkommen. Da sind der polternde, cholerische und ausfällige Vater Christopher, der erfolgreiche Bücher schreibt und der Hauptschuldige an dem familiären Disaster ist, und Mutter Beth, die ebenfalls gerade an einem Roman arbeitet.

 

Sohn Billy ist taub und seine Eltern haben es mit großem Aufwand geschafft, dass er perfekt von den Lippen lesen kann. Er ist damit der optimale Zuhörer für alle, aber auch nicht viel mehr.  Mit ebenso großer Mühe hat er einigermaßen sprechen gelernt und auch eine „normale“ Schule besucht, wirkt also völlig integriert, worauf besonders die Eltern sehr stolz sind. Schließlich soll sich ihr Kind ja nicht behindert fühlen.

 

Seine Schwester Ruth versucht sich ziemlich erfolglos als Opernsängerin und sein Bruder Daniel schreibt schon extrem lange an einer Masterarbeit über die Funktion der Sprache. Außerdem hört er immer häufiger Stimmen im Kopf, die ihm vermitteln, dass er eigentlich ein Niemand sei

 

Alle Abläufe in der Familie sind ritualisiert, Konflikte und Probleme werden spielerisch hin und her geworfen, jedoch nicht gelöst. Das ist aber auch gar nicht das Ziel, sondern eigentlich genießen alle diese spielerischen, wenn auch rücksichtslosen  Auseinandersetzungen. Schwächen werden mit intellektueller Schärfe erbarmungslos freigelegt. „Political correctness“ ist hier in wahrsten Sinn des Wortes ein Fremdwort. Wer nett ist, verliert in diese Auseinandersetzungen. Einziger Ruhepol ist der taube Billy, zu dem sich deshalb vor allem seine Geschwister hingezogen fühlen.

 

Doch dann passiert es. Billy trifft bei einer Veranstaltung Sylvia, die langsam ihr Gehör verliert und deshalb die Gebärdensprache erlernt hat. Er verliebt sich in sie. Billys Familie bekommt zunehmend Angst, ihn an die „andere Seite“ zu verlieren. Und das nicht zu unrecht. Daran kann auch der beißende Spott des Vaters über die Gebärdensprache nichts ändern. Billy emanzipiert sich zusehends und teilt schließlich der Familie mit, dass er sich völlig aus ihrem ihn so einschränkenden Verband lösen will. Fassungslos müssen sich vor allem die Eltern den Vorwurf anhören, dass sie ihn nicht in die normale Welt integriert hätten, sondern er sich total habe anpassen müssen. Nie seien sie ihm auch nur einen Schritt entgegen gekommen, indem sie z.B. die Gebärdensprache gelernt hätten.

 

Das Stück ist also eine Parabel über die schwierige Orientierung in einer immer komplizierter werdenden Welt, über Integration versus Assimilierung, über „Anderssein dürfen“ versus „Normalität. Die Regisseurin Babett Arens meint daher, dass „Sippschaft“ in keine herkömmliche Kategorie passe: Für eine Komödie gäbe es zu viele beklemmende Momente, für eine Tragödie sei es zu witzig und für eine Satire zu direkt. Genau diesen Spagat schafft die Inszenierung aber leider nicht. Sie wirkt uneinheitlich, schwankt zwischen (zu) grellen Szenen, sehr eindrucksvollen, beeindruckenden Sequenzen (wie eine nahezu zehnminütige wortlose Unterhaltung zwischen Sylvia und Billy) und sehr konventionellen Teilen.

 

Auch bei den Darstellern wirkt manches nicht gerade überzeugend und das trotz einer den Proben vorangehenden „Familienaufstellung“ mit den Schauspielern und sehr viel Arbeit, vor allem mit der Gebärdensprache. Der polternde, manchmal zu ordinäre und überzeichnende Vater (Clemens Aap Lindenberg), die eher farblose Mutter (Marion Rottenhofer), die in einer Szene völlig unmotiviert einen Kimono anziehen muss, die outrierende Schwester (Anna Sagaischek), der aufbrausende Bruder Daniel (Eric Lingens), der stille Billy (Thomas Marchart) und die wirklich überzeugende Sylvia (Melanie Flicker) ergeben leider kein homogenes Ensemble..

 

Obwohl Bühnenbild (Marcus Ganser) und Kostüme (Alexandra Fitzinger) eine stimmige Atmosphäre schaffen und die Dialoge als Lauftext oberhalb der Bühne für hörbehinderte Besucher eingeblendet werden, bleibt dennoch der Eindruck zurück, dass hier eine Chance nicht wirklich genutzt wurde.

 

 

Die Kleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

www.theaterzumfuerchten.at