11.6.2016 Stadttheater Mödling:  Brassed off – Es hat sich ausgeblasen

Zum Abschluss des Theaterjahres 2015/2016 hat das Theater zum Fürchten in Mödling eine Sozial-Tragikomödie auf den Spielplan gesetzt. Auf der Basis des sehr erfolgreichen britischen Films Brassed off von Mark Herman aus dem Jahr 1996 schrieb Paul Allen ein Theaterstück, das in der Folge Aufführungen in zahlreichen Ländern erlebte. Warum das Stück jetzt auch in Österreich wieder auf die Bühne gebracht wurde, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 

 

Intendant Bruno Max ist kein Mann der leisen Worte. Er vertritt seine Ideen konsequent und ebenso konsequent gestaltet er den Spielplan des „Theaters zum Fürchten“.  Er hatte es einfach satt, wie er mir nach der Premiere erzählte, „das 16.Stück über irgendwelche anorektischen Intellektuellen zu machen, sondern wollte einmal Arbeiter und ihre Probleme auf die Bühne stellen“. Und deshalb also „Brassed off“. Eigentlich sollte die Handlung des Stücks für diese Fassung in die Obersteiermark verlegt werden, doch lehnt der zuständige Verlag das strikt ab.

 

In dem englischen Dorf Grimley steht die lokale Kohlengrube, an deren Existenz der ganze Ort hängt, vor der Schließung. Die Grube wirft zwar noch Profit ab, soll aber dennoch zugesperrt werden. Der Konzern schickt Gloria, eine junge Frau die ursprünglich aus genau diesem Ort stammt, dorthin, um eine Rentabilitätsanalyse zu erstellen. Sie trifft sofort nach der Ankunft ihren Jugendfreund Andy, erzählt aber nichts über den Grund ihrer vorübergehenden Rückkehr.

 

Was die Arbeiter der Grube außer ihrem Job vor allem verbindet ist die lokale Blasmusik-Kapelle. An ihr hängen alle mit Leib und Seele. Allerdings wird immer klarer, dass das Ende der Grube auch das der Musik sein wird. Der Konzern bietet in dieser Situation eine beachtliche Abfertigung an, gegen die aber alle, einschließlich der besonders engagierten Ehefrauen der Arbeiter, auf die Barrikaden gehen. Die Schwierigkeiten nehmen aber weiter zu: Ehen drohen in die Brüche zu gehen, Kredite platzen und die Arbeiter werden zunehmend fatalistisch.

 

Andys Vater Danny leitet die Kapelle, was ebenfalls immer schwieriger wird, weil die Arbeiter sich dieses Hobby einfach nicht mehr leisten können und er selbst an einer schweren Staublunge leidet, an der mehrere Kumpel bereits gestorben sind. Gloria steigt ebenfalls in die Musikkapelle ein, sie nehmen mit wechselndem Erfolg an Wettbewerben teil, schaffen es aber dann bei einem landesweiten Contest völlig überraschend bis ins Semifinale. Die Musik ist alles was ihnen geblieben ist und ihnen als einziges noch eine gewisse Würde verleiht. Sie ist so etwas wie eine symbolische Geste der Widerstands.

 

Diese Haltung bringt sie dazu, auch am Finale in der Londoner Royal Albert Hall teilzunehmen und dieses sogar zu gewinnen. Und da geschieht etwas Unerwartetes: Danny, dem unbeirrt von allen Problemen die Musik immer das Wichtigste war, lehnt plötzlich den Preis ab und nutzt seine „Dankworte“ zur schonungslosen Anklage gegen das kapitalistische System. Zum Publikum gewendet stellt er bezogen auf seine arbeitslosen Kollegen fest: „Wenn die da verdammte Pelztiere wären oder Wale oder so was, dann würden Sie alle für sie auf die Barrikaden gehen – aber das sind sie nicht. Es sind bloß Menschen“.

 

Ein Happy-End gibt es allerdings nicht wirklich. Die Arbeiter stimmen mit schlechtem Gewissen mehrheitlich der Abfertigung zu und die Zeche wird trotz eines positiven Gutachtens Glorias geschlossen – sie kündigt dann aus Solidarität mit den Arbeitern. Danny stirbt und einige Familien müssen aus dem wirtschaftlich darniederliegenden Ort wegziehen.

 

Dennoch: Das Stück zeigt zwischen Lachen und Weinen, dass es auch in verzweifelten Situationen so etwas wie Würde und Solidarität gibt, auch wenn das alles gegen die profitorientierten Konzerne nicht zum Erfolg führen kann. „Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, bleiben einem nur die Prinzipien“. Am Schluss spielt die Band die britische Nationalhymne, aber das mit der Bemerkung: „Wie holen sie uns zurück!“.

 

Und wenn man jetzt die aktuell eskalierenden Arbeitskämpfe in Frankreich, die Streiks in Deutschland oder die Arbeitslosenrekorde in Griechenland, aber auch der Arbeitsmarktsituation in Österreich betrachtet, merkt man plötzlich wie aktuell die Grundhaltung von „Brassed off“ ist.

 

Diese schwierige Problematik mit heiteren und traurigen Aspekten auf die Bühne zu bringen, ist der Inszenierung von Bruno Max exemplarisch gelungen. In kurzen Sequenzen wird die Handlung vorangetrieben und vom Schauspielerteam, aus dem man niemand wegen der beeindruckenden Gesamtleistung herausheben sollte, perfekt über die Rampe gebracht. Auch das sehr flexible und ausdrucksstarke Bühnenbild (Walter Vogelweider) und die Kostüme (Alexandra Fitzinger) ergänzen diesen Eindruck überzeugend.

 

Besonders bemerkenswert ist in dieser Aufführung auch die Musik. Die Blasmusik Mödling arbeitet unter der Leitung von Max Paul kongenial mit und wird so zu einem tragenden Teil der Aufführung. Besonders erwähnenswert ist dabei der Umstand, dass alle Darsteller sich die Grundzüge ihrer jeweiligen Instrumente im Lauf der Proben erarbeitet haben und so tatsächlich in der Brass-Band mitspielen.

 

Aus all dem ergab sich ein wirklich überzeugender, unterhaltsamer, aber auch nachdenklicher Abend, der beim Publikum verdientermaßen begeisterte Zustimmung fand. Gespielt wird in Mödling vom 16. bis zum 25. Juni. Wer es in dieser Zeit nicht schafft, dem sei verraten, dass diese Produktion auch nach Wien übernommen und im Oktober in der Scala aufgeführt wird.

 

 

 

 DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

Stadttheater Mödling