13.2.2016 Stadtteater Mödling:  In der Löwengrube

© Bettina Frenzel
© Bettina Frenzel

Wieder einmal beweist das Theater zum Fürchten, dass es mit der Auswahl seiner Produktionen meistens richtig liegt. Im Stadttheater Mödling steht derzeit „In der Löwengrube“ von Peter Mitterer am Programm. Felix M.Preissler versucht mit seiner Inszenierung zu zeigen, dass die in diesem Stück aufgezeigte Problematik immer noch aktuell ist. DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern hat sich die Premiere angesehen.

 

Das sehr schöne Stadttheater Mödling war auch bei dieser Premiere wie meistens ausverkauft. Autor Felix Mitterer war anwesend, einer interessanten Aufführung stand nichts mehr im Weg: Interessant vor allem deshalb, weil der Stoff nahezu wie ein Märchen klingt, aber dennoch im Prinzip authentisch ist. Mitterer, den das Thema schon lange fasziniert hatte, hat nur einige Abwandlungen und Erweiterungen eingefügt. „In der Löwengrube“ hatte übrigens 1998 im Volkstheater Premiere.

 

Vorlage ist die Geschichte des österreichischen Schauspielers Leo Reuss, der, 1891 geboren, seit 1921 in Deutschland spielte und mit der damals sehr renommierten Kollegin Agnes Straub verheiratet war. Da er Jude war, wurde er nach der Machtübernahme der Nazis gekündigt und kehrte 1935 nach Österreich zurück. Doch auch hier fand er keine Arbeit und verschwand daraufhin spurlos von der Bildfläche. Seine Frau hatte sich auf Druck der Nazis einvernehmlich scheiden lassen. Ein Jahr später gab er sich in Salzburg bei Max Reinhardt als Tiroler Bauer Kaspar Brandhofer aus, der unbedingt Schauspieler werden wollte. Dem schien der „Bauer“ sehr begabt und er vermittelte ihn an Direktor Ernst Lothar vom Theater in der Josefstadt, der ihn auch tatsächlich engagierte. Er hatte großen Erfolg und vor allem die rechten Zeitungen überschlugen sich vor Freude über diesen tollen „Deutsch-Tiroler“.  Nach der Premiere erkennt ihn der Schauspieler Heinrich Schnitzler und meldet ihn dem Direktor. Reuss gestand seine wahre Identität sofort ein, erhielt dafür aber keinerlei Anerkennung, sondern Lothar kündigte ihn auf der Stelle zeigte ihn wegen Betrugs und Urkundenfälschung an. Reuss emigrierte daraufhin in die USA, wo er in 45 Filmen mitwirkte. Er war dreimal verheiratet und starb 1946 in Manila.

 

Diese Geschichte war also die Vorlage für Mitterer, aus der er eine Art Schelmendrama machte, wobei ihn besonders der Film „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch beeinflusste. Bei ihm kehrt Arthur Kirsch, wie er in diesem Stück heißt, verkleidet als Bauer Benedikt Höllrigl zurück, um den Rassenwahnsinn ad absurdum zu führen und mit denen abzurechnen, die ihn zutiefst gedemütigt und aus seiner Heimat vertrieben haben. Gemeinsam mit dem Direktor des Theaters und einigen seiner Mitarbeiter, die ihn nach und nach erkennen, gelingt es ihm durch List, jene Kollegen der ihn besonders mies behandelt hatten, verhaften oder zumindest als Schauspieler entfernen zu lassen. Außerdem gelingt es ihm, einer halbjüdischen Kollegin einen „Ehrenarier-Ausweis“ zu verschaffen, und zwar durch Joseph Göbbels persönlich, der eine dieser erfolgreichen Aufführungen besucht, ihn als „großartigen deutschen Schauspieler“ auszeichnet und ihm deshalb diesen Wunsch erfüllt. Letztendlich scheint Kirsch aufzufliegen, doch durch ein Art Theatertrick gelingt es ihm sich noch einmal herauszuwinden, doch ist ihm klar, dass er jetzt sehr schnell flüchten muss, was ihm auch gelingt.

 

So gibt es rundum ein Happy-End: Die wahnsinnige Ideologie der Nazis ist bloßgestellt, die Bösen sind bestraft, die jüdische Kollegin gerettet und auch die Flucht von Kirsch gelingt. Was Mitterer dazu geführt hat, in dieser Weise mit einer im Prinzip unendlich tragischen Vorlage umzugehen, definiert er so: „Wie schön und genussvoll wäre es doch,einmal einen Sieger zu zeigen, einen Sieger über die Bestien, keinen Verlierer, auch wenn Reuss letztendlich natürlich verlor, verlieren musste“. Dieser Vorgabe entsprach die Inszenierung von Peter M.Preissler völlig. Zuerst beinahe bedrückend in der Unmenschlichkeit der Rassenideologie vernichtet, kehrt der Held wie ein Deus ex machina zurück und rächt sich durch Schläue an seiner Peinigern. Das alles wird sehr unterhaltsam auf die Bühne gebracht und manchmal fühlt man sich beinahe wie in einer lustigen Version des Grafen von Monte Christo. Dazu kommt noch der witzige Schluss mit Hilfe eines Doppelgängers und man applaudiert begeistert der wirklich tollen Ensemble-Leistung, aus der Rüdiger Hentschel als Kirsch, Bernie Feit als Direktor Meisel sowie Hermann J.Kogler als Polacek noch etwas hervorstechen. Auch das Bühnenbild von Marcus Ganser sowie die Kostüme von Alexandra Fitzinger überzeugten voll. Der langanhaltende Applaus – auch durch den Autor – war mehr als verdient.

 

Erst beim Hinausgehen merkt man dann, dass manches an diesem Stück, wie die Ausgrenzung von allem, das anders ist, leider immer noch aktuell ist, ja immer aktueller wird. „In der Löwengrube“ kann man sich also vorzüglich unterhalten, wird aber unweigerlich auch zum Nachdenken angeregt. Und darum geht es ja schließlich.

 

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

 

Stadttheater Mödling