4.5.2016  Kosmos Theater: Töchter des Jihad

© Bettina Frenzel
© Bettina Frenzel

"Dieser Titel, der die Behandlung eines so delikaten Themas verrät, lässt aufhorchen.", dachte sich DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller und beschloss, da die Neugier überwog, sich auf die, von Barbara Herold geschriebene und inszenierte szenisch-dokumentarische Collage "Töchter des Jihad", einzulassen. Die Uraufführung des Stücks, eine Koproduktion von dieheroldfliri.at, KosmosTheater und Theater Reutlingen, feierte vergangenen Mittwoch im KosmosTheater Premiere.

 

 

Das Collagenhafte findet sich in "Töchter des Jihad" auf mehreren Ebenen. Bespielt wird ein, in quadratmetergroße Teile zerfetzter, dunkelroter Gebetsteppich (Ausstattung: Caro Stark), der gegen Ende zusammengesetzt wird. Der Teppich symbolisiert die Art der Bearbeitung des Themenkomplexes, welcher aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet und durch das Erzählen vielfältiger Geschichten und Schicksale, wie ein komplexes Teppichmuster gewebt wird.

 

Der wiederholte Einsatz chorischen Sprechens, oft kombiniert mit simpler, doch ausdrucksstarker Choreographie (Anne Thaeter) sowie Einsprenksel arabischen Vokabulars und dessen darauffolgende Übersetztung, stellen Elemente dar, welche die Inszenierung hindurch konstant verwendet werden. Das fantastische Trio, bestehend aus Maria Fliri, Diana Kashlan und Peter Bocek, schlüpft in beeindruckendem Tempo von einer Rolle in die nächste. Peter Bocek, dessen bestechende Mimik hier unbedingt Erwähnung finden muss, leiht unter anderem einem Jihadkämpfer, dem Vater eines jungen Mädchens, das in den Jihad gezogen ist, einem Polizisten, ja selbst einer Muslima und Aladdin seine Gestalt.

 

Spaßige Passagen lockern das Gemüt und ermöglichen es den Figuren, gleich darauf mit Worten messerschaf zu treffen und zu verstören. Barbara Herold ist ein ebenso mutiges, wie sensibles Stück gelungen. Es wird nicht damit gespart, sich vorzuwagen und Grenzen abzutasten, ohne dabei je respektlos zu werden. "Töchter des Jihad" bekennt nicht Farbe, sondern zeigt auf und stellt vor. Es ist kein Propagandastück, stellt die Werte die der Westen vertritt nicht weniger in Frage, als die des IS, zeichnet aber auch nicht schwarz-weiß. Auf die immanente Kritik folgt keine Wertung, so bleibt es dem Zuschauer überlassen, sich selbst in dem Durcheinander von Rechtferigungen, Dogmatismus und verschleierten Interessen zu verorten.

 

So weit, Mechanismen, durch welche Ideologie indoktriniert wird, enthüllen und reflektieren zu wollen, geht das Stück nicht. Vielmehr sehen wir den Versuch, ein möglichst objektives und vollständiges Abbild der Welt durch Schnappschüsse darzustellen. Es ergibt sich eine Ansammlung allerlei Bilder - im einen Moment schockieren, im nächsten belustigen sie, im darauffolgenden machen sie nachdenklich - von skurrilen Koranerklärungen, einer Kochshow, im Zuge derer zur Musik von Katy Perry Pancakes gebacken und im Anschluss im Publikum verteilt werden, Staubsaugerschäften, bei welchen mit diesen kalaschnikow-like hantiert wird, Skypedates zwischen einem jihadistischen Brautwerber und einer Undercover-Journalistin, bis zum Statement, dass "Neosalafisten, die besseren Sozialarbeiter seien" und sogar einem Ritt auf Aladdins fliegenden Teppich, die ihren Platz in diesem Jihad-Kaleidoskop finden.

 

 

DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller

 

 

 

http://www.kosmostheater.at/

 

http://dieheroldfliri.at/

 

http://www.theater-reutlingen.de/index.php/spielplan