23.02.2016 Freie Bühne Wieden: Arthur und Claire

© Freie Bühne Wieden
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Stefan Vögel hat sich das oft tabuisierte Thema Selbstmord vorgenommen und geschickt in die Komödie "Arthur und Claire" (Regie: Helmuth Fuschl) verpackt. Der Ansatz klingt kontrovers und gewagt, ergibt aber eine vielversprechende und erfolgreiche Mischung, findet DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller nach der Premiere in der Freien Bühne Wieden.

 

 

Arthur ist ein ruhiger, rationaler, pragmatischer Lehrer mittleren Alters, der zusätzlich zu einem kaputten Familienleben auch noch die Diagnose Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium bekommen hat und aus Sehnsucht die Kontrolle über sein Leben zurückzuerlangen und aus Rücksicht ("Ich habe sogar meinen Sterbetermin in die Ferien verlegt, damit in der Schule kein Chaos entsteht.") beschließt, seinem Leben in einer Sterbeklinik in Amsterdam ein friedvolles Ende zu bereiten. ("Erst wollte ich mich ja in unserem Haus umbringen, aber erstens macht erschießen eine riesen Sauerei und ihr wisst ja wie sehr ich Unordnung hasse.") Claire, eine junge, leidenschaftliche und rechthaberische Frau, die in einem Autounfall, den sie verursachte, Tochter und Mann verloren hat, will sich im Nachbarzimmer von Arthur erhängen. Weil Arthur sich über die laute Musik aus Claires Zimmer beschwert, lernen sie sich kennen. Anfangs sind sie genervt voneinander, die Verzweiflung und der Todeswunsch verbindet die beiden jedoch, und je mehr sie sich darüber austauschen, umso mehr wächst die Zuneigung und das Bedürfnis einander retten zu wollen. Claires Erkenntnis, dass Arthur Amsterdam, die Stadt die sie so liebt ("Ich hätte in keiner anderen sterben wollen"), gar nicht erkundet hat, stellt einen Wendepunkt dar. Plötzlich schwenkt die Stimmung um in jugendlich-feurige Lebenslust. Mit der Einstellung, den letzten Abend so richtig zu genießen, geben sie sich dem berüchtigten Amsterdamer Nachtleben hin. ("Sterben können Sie immer noch, das läuft Ihnen nicht weg!") Gutes Essen, Alkohol, Marihuana, Sex. "Heute Nacht Amsterdam", das Lied von Jacques Brel vermittelt die mitreißende, euphorische Stimmung. Ist die enthusiastische Lebensfreude die im Überleben erwacht nur ein Verdrängen und Verleugnen? Und selbst wenn, ist es das vielleicht wert, wenn es dafür die Illusion des guten und schönen Lebens gibt? So öffnet Unterhaltungstheater plötzlich den Diskurs unterschiedlicher Wirklichkeitskonzepte.

 

Die Vielschichtigkeit der Figuren wird mit dem Handlungsverlauf wie eine Zwiebel entblättert. Arthur und Claire sind dem Zuschauer durch ihre einerseits kuriosen und doch auch alltäglichen Charaktere von Anfang an sympathisch, was das Mitgefühl mit ihnen, wenn man von ihren Ängsten, ihrem Scheitern erfährt, nur noch verstärkt. Charmant und glaubhaft spielen Reinhard Hauser und Michaela Ehrenstein die gemeinsame Entwicklung zweier Fremder, die innerhalb eines Tages von feindseliger Ablehnung über leidenschaftliches Streiten, wer denn bessere Gründe für Selbstmord hat, hin zu gegenseitigem Verständnis, verspielt-neckischer Verliebtheit, bis zur tiefgreifenden Vertrautheit gelangen.

 

Mit den hoffnungslosen Worten "Ich glaube nicht an ein nächstes Leben. Ich glaube ja kaum an dieses!" werden die Theatergäste nach 50 Minuten in die Pause geschickt. Während dieser finde ich mich selbst bei einem Glas Rotwein an der Bar sehr nachdenklich gestimmt. Der Geschmack, der zurückbleibt, wenn das Lachen verklungen ist, hat eine gewisse Schwere. Die überraschend kurze zweite Hälfte bringt nach einem pathetischen Lied über die Vergänglichkeit des Lebens, mit einem Sprung in die Zukunft in den letzten fünf Minuten noch eine unerwartete Wende mit sich, deren Notwendigkeit, handelte es sich nicht um eine Komödie, fraglich wäre. Arthur ist ein Jahr später, nach einer glücklichen Zeit mit Claire und der Geburt ihres Kindes seiner Krankheit erlegen. Zwischen Claire und Arthurs erwachsenem Sohn David, gespielt von Wilhelm Prainsack, bahnt sich eine romantische Beziehung an. Die Mutter seines Halbbruders – naja - falls das Publikum vergessen haben sollte, um welches Genre es sich handelt, wird man nun daran erinnert.

 

An der Oberfläche plätschern die Dialoge locker und unterhaltsam dahin, der Humor ist schwarz, keineswegs seicht oder plump. Trotz der vergnüglichen Stimmung, werden einige grundlegende Fragen aufgeworfen: Ist Selbstmord einfach nur feige oder gar ein Akt der Selbstbestimmung? ("Ich werde nicht an Krebs sterben solang ich meinen freien Willen habe.") Hat jeder Mensch ein Recht darauf, sein Leben selbst zu beenden? Das ganze Stück hindurch wird nicht moralisiert, der Todeswunsch wird auch nicht entlegitimisiert, stattdessen bietet der Theaterabend dem Publikum Suizidhumor vom feinsten!

 

DieKleinkunst-Redakteurin Elisabeth Austaller

 

Freie Bühne Wieden