18.5.2016  frau franzi: könig lear

© Bettin Frenzel
© Bettin Frenzel

Marika Reichhold hat es wieder einmal getan und sich eines Shakespeare-Stücks angenommen. Dieses Mal musste "König Lear" daran "glauben". Sie ist Kunsttherapeutin, Theaterpädagogin, Schauspielerin und vor allem ein ganz großer Shakespeare-Fan. Ihre Mission ist es, auf humorvolle Weise dessen Dramen dem Publikum näher zu bringen. Dazu schlüpft sie in die Rolle des "schägsbiarnarrischen Faktotums" frau franzi. Praktisch als Heimstätte hat frau franzi das KosmosTheater gefunden. Als treuer Fan befand sich auch DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler im Publikum.

 

 

Nächstes Jahr wird die Bühnenfigur frau franzi ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Begonnen hat alles in Grünbach am Schneeberg. Marika Reichhold stand vor der Herausforderung, das Bergbaumuseum ihrer Eltern weiterzuführen. Sie entstaubte das Museum und entwickelte im Sinne einer modernen Museumspädagogik, gemeinsam mit Regisseur Christian Suchy, das Konzept der "auf- und führung" mit der "flink, fidel, famosen" frau franzi.  

 

Da die frau franzi beim Museumspublikum sehr gut ankam, war es für Marika Reichhold nur logisch, dieses Energiebündel von einer Putzfrau an ihre heißgeliebten Shakespeare-Klassiker heranzulassen. "romeo und julia", "othello", "mägbess" und "hamlet" wurden von der putzwütigen Person bereits entstaubt. Und so entstehen aus den mehrstündigen Originalen kurzweilige Stücke, die aber nicht minder unter die Haut gehen. Sie "kehrt" sozusagen den wahren Kern aus den Historienschinken hervor.

 

WIE ist nun diese frau franzi? Was die Kleidung anbelangt, ist sie altmodisch: Ein zeitloses Haushaltskleid, inklusive obligatem Kopftuch, ist Pflicht. Ihr Arbeitseinsatz beginnt jedoch nicht erst auf der Bühne, denn sie verkörpert die Putzfrau mit Leib und Seele. Da kann es schon mal passieren, wenn man das Theater betritt, dass man mit resolutem Ton von ihr gefragt wird, ob man eh die Schuhe abgeputzt habe, sicherheitshalber hilft sie dann noch mit dem Reissbesen nach.

 

Mit dabei auf der Bühne ist immer ihr Einkaufstrolley (mit kitschigem Roseblütenmotiv), in welchem die wenigen Bühnenrequisiten verstaut sind. Zu diesen gehören auch immer ein paar Putzfetzerln, welche zu Handpuppen umfunktioniert werden und der Trolley dann auch als Puppentheater dient. Im Falle von "König Lear" spielt frau franzi die heuchlerischen und boshaften Goneril ("Gonny") und Regan ("Regy") und die bescheidene Cordelia mit verschiedenfarbigen Tücherln. Oft muss bei frau franzi auch ihr Wischmopp als Bühnenfigur herhalten. Den König Lear spielt sie aber lieber selbst: Eine fast purpurrote Fransendecke, weißer Rauschebart, Brille mit übergroßer Nase und Krone - und schon hat sich die frau franzi zum royalen Kauz verwandelt.

 

Ihr Auftreten auf der Bühne ist erdverbunden. Sie erzählt und redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Z.B. meint sie In ihrer Werkseinführung zu "König Lear" unverblümt, dass dieser "a saudeppate vetrottelte hirnvabrennte Frog" an seine Töchter gestellt habe, wodurch eine ganze "royale Famülie tschäuli" geht. In Mundart gehaltene Sekundärliteratur wird man wohl in Reclamheftln vergeblich suchen! Mit Inbrunst spielt frau franzi die Schlüsselszenen der Tragödie im Dialekt nach, vielleicht werden diese dadurch verständlicher und verstehen mehr zu berühren als das Original. Um die Wichtigkeit einer Szene zu betonen, streut sie aber auch immer wieder Originalzitate in Hochdeutsch ein.  frau franzi beherrscht sozusagen Shakespeares Dramen aus dem EffEff.

 

Die Putzfrau der Nation belässt es nie bei einer bloßen Nacherzählung der Shakesapeare-Stücke, sondern schafft immer wieder Querbezüge zu Alltag und Gegenwart. Auf König Lear bezogen, meint sie, dass jedes kleine Kind bereits wisse, dass "die Liebe maßlos ist". Man könnte meinen, dass im originalen "König Lear" mit Goneril und Regan ein negatives Frauenbild gezeichnet wird. Doch frau franzi zeigt auf, dass die charakterlichen Schwächen der Geschwister, von König Lear oder Edgar viel eher auf die fehlende haltgebende "Mutterhand" zurückzuführen sei.

 

Wenn man Marika Reichhold bezüglich ihres neuen Stücks "könig lear" etwas anlasten kann, dann das fehlende Durchhaltevermögen ihres Spielstils. Gegen Ende von "könig lear" beschränkt sie sich eher auf das Nachspielen der Schlüsselszenen des Originals bzw. einer Nacherzählung des Inhalts in Form von gesungenen Gstanzln. Der humorvolle volksnahe Diskurs gerät abhanden und das ausgefeilte Puppenspiel fehlt. Auch die für frau franzi typischen Poly-Komposita (z.B. "Lear-enterbungs-und-verbannungsausbruch") nehmen gegen Ende des Abends ab.

 

Unterm Strich gelingt es aber Marika Reichhold, mit ihrer fidelen frau franzi in "könig lear" wieder einmal, dass das Publikum in die Welt eines großen Shakespeare-Dramas eintauchen darf. Marika Reichhold schafft es mit ihrer unvergleichlichen Spielart, dass Shakespeares Tragödie zu einem berührenden, aber auch humorvollen Erlebnis wird.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Marika Reichhold

 

KosmosTheater