7.12.2015 Theaterblau/Bar & Co Theater Drachengasse: Anfangen

© Daniel Wolf
© Daniel Wolf

Anfangen … das kann manches Mal ganz schön schwierig sein. Denn wie? Und wo? Ganz von vorne? Aber was ist dann mit dem, was schon war? Drei Frauen ziehen sich zurück, weil sie neu anfangen wollen. Sie wollen so einiges hinter sich lassen. Das ist die sehr spannende Ausgangssituation des neuen Stücks von Thomas Kamper. Doch sind die Frauen „real“ oder doch „nur“ Schauspielerinnen, die an einem neuen Projekt arbeiten. Viele Gedanken schossen DieKleinkunst-Redakteur Paul M. Delavos an diesem Abend durch den Kopf. Nicht alle wurden beantwortet, doch das tat der Begeisterung keinen Abbruch.

 

 

Es ist immer wieder erstaunlich, was in kleinen Theatern alles auf die Bühne gestellt wird. Für „Anfangen“ hat Mathias Lenz eine alte Wohnküche gewählt – so, wie man sie noch von den Großeltern kennt: Küchenschränke, Tisch, Sesseln, eine tickende Uhr und ein altes Waschbecken mit Wasserhahn, aus dem auch tatsächlich Wasser fließt. In diesem Bühnenraum spielt sich alles ab, nur durch kleine Veränderungen wird angezeigt, dass man sich jetzt doch eigentlich wieder woanders befindet. Doch halt, alles spielt sich dort nicht ab: die Anfangsszene hört das Publikum nur. Schauspielerinnen warten auf ein Casting, unterhalten sich, stimmen sich ein. Und dann gibt es auch noch den Gang vor der Wohnung, respektive vor dem Theatersaal – auch von den Geschehnissen dort ist das Publikum ausgeschlossen.

 

Zu Beginn dreht sich alles um den Anfang. „Was wir brauchen, ist ein Anfang!“, heißt es da. Doch der wird nicht gefunden von den drei Frauen – sind es wirklich Schauspielerinnen, die an einem neuen Projekt arbeiten, verbunden durch Tschechows „Drei Schwestern“, in denen zwei von ihnen einmal gespielt haben, oder doch drei Frauen, die in ihrem realen Leben neu anfangen wollen. Die Grenze zwischen Theater und Theater auf dem Theater verschwimmt. Doch gerade das macht das Stück so spannend und es beeindruckt, wie die drei Schauspielerinnen sich mühelos durch den dichten Text manövrieren und es dabei auch nicht an Körpereinsatz mangeln lassen. Sie erweisen sich alle als die ideale Besetzung und geben jeder Figur ganz eigene Manierismen. Da erwies es sich sicherlich auch als hilfreich, dass Thomas Kamper nicht nur den Text schrieb, den man ob seiner Dichtheit fast öfters hören müsste, sondern auch die Regie verantwortete. Er inszenierte ein Kammerspiel, das zwischen Tragik und Komik schwankt.

 

Pi (Pippa Galli) ist die Diva mit weißem Schal, die Chips – um auf ihre Figur zu achten –nur ableckt, dem Putzwahn verfallen ist und den Milchverbrauch von Lu mit dem Lineal nachmisst. Li (Michaela Hurdes-Galli) im Gegensatz dazu ist eine bodenständige Alkoholikerin, die aber doch versucht, die Sache am Laufen zu halten, indem Sie einen Anfang sucht. Sie merken, obwohl wir uns schon lange mittendrin befinden, geht es noch immer um den Anfang. Der wird auch nicht mehr wirklich gefunden, denn plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: denn Lu (Julia Schranz), die schon den ganzen Abend nicht wirklich zu fassen ist, entpuppt sich als Pyromanin, die ihre Wohnung abgefackelt hat. Nun möchte Sie bei Pi oder Li einziehen – die Sache wird so gelöst, dass sie abwechselnd bei ihnen schläft. Und so teilen Pi und Li die Angst, dass Lu vielleicht auch ihre Wohnung abfackeln könnte …

 

Doch wie das Stück endet, sei hier nicht verraten. Wohl aber, wie der Abend endete: mit anhaltendem Applaus des Premierenpublikums für das komplette Team!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Paul M. Delavos

 

 

 

Theater Drachengasse