2.12.2015  Theater Scala: Tannöd

Das „Theater zum Fürchten“, in diesem Fall in seiner Wiener Spielstätte Scala, findet  erfreulicherweise immer wieder interessante Stücke. Diesmal ist es ein historischer Kriminalfall, der als Vorlage zu einem Roman von Andrea Maria Schenkel diente, der seinerseits wieder die Grundlage für das Drama „Tannöd“ bildete. Ob diese Kette in der Praxis funktioniert, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 


Die Ausgangssituation für „Tannöd“ ist wirklich interessant: Am 1.April 1922 wurde in Hinterkaifeck eine sechsköpfige Bauernfamilie in ihrem abgelegenen Hof brutal mit einer Spitzhacke ermordet. Es gab zahlreiche Vermutungen und Verdachtsmomente, doch wurde der Fall nie geklärt. Die Autorin Andrea Maria Schenkel faszinierte diese Bluttat so sehr, dass sie daraus einen Roman erarbeitete. Sie verlegte die Handlung allerdings in die 1950er-Jahre und in das fiktive Gebiet Tannöd. Es gab in der Folge zwar gerichtliche Auseinandersetzungen mit dem Journalisten Peter Leuschner, der zwei Dokumentationen zu diesem Thema veröffentlicht hatte und Plagiatsvorwürfe erhob, doch änderte das nichts daran, dass Schenkel für ihren Roman zahlreiche Preise erhielt. In der Folge erschien die Geschichte auch als Hörbuch und wurde sogar von Brigitte Oberli verfilmt.

 

Von diesem Roman erarbeiteten Maya Franke und Doris Happl eine Bühnenfassung, die jetzt in der Inszenierung von Rüdiger Hentzschel auf die Bühne der Scala kam.

 

Wenn der Vorhang aufgeht und man das Bühnenbild sieht, wird sofort klar, dass eine ungewöhnliche Aufführung zu erwarten ist. Auf der Bühne sieht man nämlich 21 Leitern, die in unterschiedlichen Winkeln zur Decke - oder symbolisch zum Himmel - führen. Und wie perfekt es gelingt, mit dieser spartanischen Ausstattung die verschiedenen psychologischen und räumlichen Ebenen darzustellen, ist mehr als beeindruckend.

 

Aber auch der Umgang mit dem düsteren Inhalt selbst gelingt überzeugend. Die acht SchauspielerInnen schlüpfen in kurzen Szenen in rund 40 verschiedene Rollen und unterschiedliche Zeitebenen. Das erfolgt so logisch, dass der Zuschauer intensiv in den Ablauf der Ereignisse, aber auch in die Überlegungen der handelnden Personen hineingezogen wird. Mosaikartig werden Gedanken und Aussagen der direkt Beteiligten, aber auch von Dorfbewohnern miteinander verwoben. Überzeugend wird die dumpfe Atmosphäre der bäuerlichen Situation der 50er-Jahre dargestellt, aber auch die Abhängigkeiten, ja geradezu sklavenartigen Umstände, unter denen Mägde, Knechte, aber auch die Familienangehörigen eines dominanten Bauern vegetieren mussten. Es wird beklemmend realistisch gezeigt, wie sie materiell und sexuell bis zum Inzest ausgebeutet wurden und „die Obrigkeit“ einfach wegsah.

 

Die Bauernfamile Tanner taumelt in nahezu biblischen Dimensionen ihrem Schicksal entgegen und das Mitleid der Gemeinde hält sich in Grenzen, denn „mit denen ist man nicht warm geworden“, meint eine Bewohnerin des Ortes. Auch die grauenvolle Behandlung einer Zwangsarbeiterin während des Krieges, die sich aus Verzweiflung erhängte, wird thematisiert. Dadurch kommt der Verdacht auf, dass ihr Bruder als Rache die Morde begangen haben könnte. Aber es ergeben sich auch zahlreiche andere, durchaus schlüssige Motive für dieses Massaker. Es soll hier allerdings nicht näher auf die Handlung eingegangen werden, denn im Gegensatz zur Realität präsentiert das Stück am Ende den Täter.

 

Die Aufführung bietet eine spannende Vermischung von Krimihandlung und realistischem Volksstück, das zugleich fesselt und schonungslos die Engstirnigkeit und Gnadenlosigkeit dieser Umstände aufzeigt. Sehr schnell wird klar, dass hier nicht ein Albtraum, sondern historische Realität abgebildet wird. Regisseur Rüdiger Hentzschel, der auch für das eindrucksvolle Bühnenbild verantwortlich zeichnet, ist hier eine exemplarische Aufführung gelungen, die beweist, wie packend historische Ereignisse auf die Bühne gebracht werden können.

 

An dieser Stelle sollten üblicherweise die Leistungen der Darsteller aufgezeigt und kritisiert werden, doch agiert das gesamt Ensemble so überzeugend, dass „nur“ ihre Namen angeführt werden – versehen mit dem gemeinsamen Prädikat: Beeindruckend! - Monica Anna Cammerlander, Carina Thesak, Johanna Withalm, Birgit Wolf, Sebastian Anton Maria Brummer, Bernie Feit, Hermann J.Kogler und Wolfgang Lesky.

 

Zum Schluss nur noch eine sehr wichtige Anmerkung: Den Besuch dieser Aufführung sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

www.theaterscala.at