09.11.2015 Theater in der Drachengasse: Mann Ohr Mann! Ein Geschlecht wird belauscht

© Barbara Palffy
© Barbara Palffy

Das Bild am Plakat verspricht Lustiges und Musikalisches: Drei Männer, nur spärlich bekleidet mit Instrumenten, die doch wieder den Großteil der Körper verdecken. Das Theater in der Drachengasse und leuchtkraft luden zur Uraufführung von Katharina Tiwalds neuem Stück Mann Ohr Mann! Ein Geschlecht wird belauscht. Auch DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer folgte dem Ruf, ob sie durch das Belauschen der Männer, das andere Geschlecht nun besser versteht, lesen Sie hier.



Die drei Männer (Alexander Fennon, Nikolaus Firmkranz und Albert Friedl) betreten die Bühne. Sie reden durcheinander, nutzen Mikrophone und Stimmenverzerrer. Sie erzählen Geschichten; Geschichten aus der Perspektive von verschiedensten Männern. Teilweise erzählen sie gemeinsam eine Geschichte, dann beinahe gleichzeitig jeder eine eigene, sie unterbrechen und überschneiden sich. Ab und an bekommt einer die gesamte Aufmerksamkeit, ein Solo: Der Vater, der zornig ist, weil er bei der Scheidung und beim Sorgerechtsstreit um seine Kinder benachteiligt wird. Der israelische Soldat, der aus Patriotismus ins Ausland geht. Der Banker, der von Geschäftsreisen mit Drogen und Callgirls erzählt.

Bei dem Text des Stückes handelt es sich um Originalsätze aus Interviews, die Autorin Katharina Tiwald mit den Männern geführt hat. Die Schauspieler geben diese Geschichten wieder, aber sie stellen einander auch Fragen, die die Autorin damals bei den Unterhaltungen gestellt hat. Auch originale O-Töne werden vom Diktiergerät abgespielt. „Haben Männer beste Freunde? Was ist wichtig bei einer Männerfreundschaft? - Vertrauen…sich lieb haben…war ein Scherz. – Haben Männer sich nicht lieb? – Nein.“ Später provozieren der Satz „Ich sag nicht mir ist kalt, ich bin ein Mann“ und das Bild der sich umarmenden Männer Lacher im Publikum – an dieser Stelle enthalte ich mich eines moralisch-soziologischen Kommentars über die Reaktionen des Publikums und die Ansichten unserer Gesellschaft.


Im Folgestück zu „Die Kümmerinnen in: LEUCHTKRAFTFORMEL“ widmen sich Katharina Tiwald und Regisseurin Julia Nina Kneussel nicht mehr der Frauensprache, sondern dem sogenannten „starken Geschlecht“.  Versprochen wird ein „dreistimmiges Männerstück mit Instrumenten, das hinter den Panzer von sogenannten Männerbildern blicken will“. Dies mag für einen Neuling in der Gender- und Männerbilderdebatte auch vollkommen erfüllt werden. Wenn man sich allerdings schon ein- oder zweimal mit der Thematik beschäftigt hat, empfindet man den gebotenen Inhalt großteils als oberflächliche und stereotype Wiedergabe von Beispielen der Männerforschung. Wenn man miteinbezieht, dass es sich um Originalzitate aus Interviews, somit um die Realität handelt, kann dies allerdings gerechtfertigt werden.


Zwischendurch greifen die Schauspieler immer wieder zu Musikinstrumenten. Warum, ist nicht eindeutig klar. Um sich wie Rockstars zu fühlen? Um doch auf eine Art Emotionen zu zeigen? Hier muss die schauspielerische und sprachliche Leistung der drei Darsteller hervorgehoben werden: Die ständigen Unterbrechungen, die nahtlosen Übergänge und die repetitiven Wortfolgen sind präzise einstudiert worden. Im Gegensatz dazu, scheint es, als seien die Schauspieler an manchen Instrumenten nicht so firm. Die scheinbar mangelnde Übung machen sie aber mit der Performance in Rockstarmanier wieder wett.


Zwar wirkt das Stück durch den Interviewcharakter und die teilweise präsente Wissenschaftlichkeit wie eine soziologische Forschungsarbeit, jedoch habe ich noch nie einer amüsanteren Soziologiestudie beigewohnt. Eine inhaltliche Vertiefung wäre wünschenswert gewesen, ist bei einer Stücklänge von nur 60 Minuten schwer realisierbar. Trotzdem gehen die Zuschauer mit der Erkenntnis nach Hause, dass es nicht „die Männer“, sondern viele verschiedene Arten von Männlichkeit gibt. Ein Satz, der ebenfalls in Erinnerung bleibt und die Message des Abends gut zusammenfasst, lautet: „Aber wenn es mich erwischt, hat es mich erwischt, ja. Dann ist das wurscht, ob das ein Mann, eine Frau ist, Trans, Zwitter, und ich glaub ich war schon in ziemlich alles verknallt, was es so gibt auf der Welt. Das wär schön, wenn das mehr Leute hätten, dass sie sich denken, Liebe ist Liebe, Körper ist Körper.“


DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer

 


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