27.10.21015 Maria Milisavljevic: Brandung

© andreas friess
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Der deutschen Autorin Maria Milisavljevic ist mit dem Drama „Brandung“ ein erstaunliches Stück gelungen, das schon mit Erfolg in Deutschland aufgeführt wurde. Jetzt folgte eine Inszenierung im Theater Drachengasse. Ob es hier ähnlich gut laufen wird, davon wollte sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere überzeugen.

 

 

Die 1982 im sauerländischen Arnsberg geborene und in Toronto als Dramaturgin lebende Autorin Maria Milisavljevic hat 2013 mit „Brandung“ den Kleist-Förderpreis gewonnen, was eine wirklich ernsthafte Empfehlung darstellt. Sie stammt aus einer kroatischen Familie, und diese Wurzeln tauchen auch in ihrem Stück immer wieder auf, ohne dass es jedoch ein Migrantendrama ist. Viel eher ist es eine Milieustudie junger Leute, die sich selbst, die Qualität ihrer Beziehungen und ihren Platz in der Welt suchen.


Vordergründig ist „Brandung“ beinahe so etwas wie ein Kriminalstück. Drei Figuren (ich, Martina und Vlado) stehen auf der Bühne, schlüpfen aber auch immer wieder nahtlos in andere Identitäten und  Zeiten, und treiben damit die Geschichte auf verschiedenen Ebenen voran.

Ich: „Ich schaue in den Spiegel, in den Abgrund meiner Erinnerung und versuche unsere Geschichte zu erzählen. Was ist passiert?“ Vermisst wird ihre Freundin Karla, eine Studentin, die nur kurz einkaufen gehen wollte, zuletzt in einem Edeka-Laden gesehen wurde und seither spurlos verschwunden ist. Die Polizei nimmt den Fall zuerst nicht ernst, aber Karla bleibt verschwunden.

Tatsächlich ist aber alles viel komplizierten, denn Vlado hatte jahrelang auch ein Verhältnis mit „ich“, die selbst auch einen anderen Lover hatte. Von all dem hatte Karla niemand informiert, aber ganz offensichtlich hatte sie zuletzt etwas gemerkt. Viele Tage später wird ihre Leiche aus dem Fluss geborgen. War ihr Verschwinden ein Suizid oder vielleicht sogar ein Mord? Dann taucht noch ein geheimnisvoller Zeuge auf, was Vlado sichtlich beunruhigt. Hat etwa er....?

Kunstvoll arbeitet die Autorin heraus, dass es sich eigentlich um einen erotischen Konflikt handelt. Dabei nimmt sie aber nicht moralisch Stellung, sondern erzählt ganz kühl und analytisch diese Story. Erzählt ist etwas untertrieben, denn Milisavljevic mischt Erzähltext, Dialoge und Gedanken, verwendet lyrische Passagen und englische Zitate. Sie spult Szenen wie im Film zurück und betrachtet sie aus verschiedenen Blickwinkeln („gestern, heute, vorgestern, seit drei Tagen“ usw.)

Der Inszenierung dieses mysteriös-surrealen Psychothrillers durch Sandra Schüddekopf gelingt es, den manchmal etwas überbordenden Text im Griff zu behalten und auch die Schauspieler machen mit Charme und unterkühltem Humor das Geschehen und die manchmal etwas abrupten Sprünge glaubhaft. Vor allem Anna Kramer als „ich“ überzeugt voll. Ihr zuzusehen macht wirklich Spaß, und sie hat damit einen entscheidenden Anteil daran, dass der Zuseher der manchmal etwas unübersichtlichen Handlung gerne folgt und von ihr gefesselt wird. Aber auch Constanze Passin als Martina und Roman Blumenschein als Vlado  tragen entscheidend zum Gelingen der Aufführung bei. Bühne und Kostüme von Andrea Fischer bilden einen passenden, kühlen Hintergrund und lenken nicht unnötig von der Handlung ab. Auch die musikalische Untermalung – technisch von den Schauspielern selbst bedient – unterstreicht die Handlung perfekt.

Die bei der Aufführung anwesende Autorin war über die begeisterte Aufnahme durch das Publikum sichtlich beeindruckt. Das Stück läuft im Theater Drachengasse noch bis 21.November.

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

www.drachengasse.at