10.11.2015 Theater Akzent: Bezahlt wird nicht

© Alexandra Reisinger
© Alexandra Reisinger

Dario Fo hat die Agit-Prop-Farce „Bezahlt wird nicht“ vor etwa 40 Jahren geschrieben. Da stellt sich natürlich die Frage, ob die darin aufgezeigten Probleme heute nicht eher musealen Charakter haben und weshalb das Theater Akzent gerade dieses Stück für eine Bearbeitung durch Hubsi Kramar gewählt hat. Das und die Qualität der Aufführung hat  DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere überprüft. 

 

 

Mitte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (wie erschreckend historisch das klingt!) hat der streitbare italienische Dichter Dario Fo die Polit-Farce „Bezahlt wird nicht“ geschrieben. Es war die Zeit der intensiven Arbeitskämpfe in Italien und auch sonst in Europa. Die Arbeiterklasse versuchte sich zu emanzipieren und bekam dabei intensive Unterstützung durch Intellektuelle.

Dario Fo stammt selbst aus einer sozialistisch eingestellten Familie und schrieb nach dem Militärdienst Einpersonenstücke, satirische Sendungen für das Fernsehen und arbeitete als Drehbuchautor. Von 1968 bis 1970 leitete er die Theaterkooperative „Nuova Scene“, inszenierte zahlreiche Opernaufführungen und erhielt 1997 den Nobelpreis für Literatur. Bei dieser Gelegenheit meinte er übrigens: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott“. Dieser Devise folgte er auch mit „Bezahlt wird nicht“, das 1974 in Mailand uraufgeführt wurde und bereits zwei Jahre später in Frankfurt am Main erstmals in deutscher Sprache auf die Bühne kam.

Ausgangspunkt der Geschichte ist ein Aufruhr von Frauen, die sich gegen steigende Lebensmittelpreise wehren. Die Situation eskaliert und sie räumen einen Supermarkt aus – und das ohne zu bezahlen. Antonia und Margherita, die dabei waren, kommen mit einer großen Menge gestohlener Lebensmittel nach Hause und verstecken sie aus Scham vor ihren Ehemännern. Die Polizei führt im ganzen Viertel Hausdurchsuchungen durch und dabei kommt es zu einer Reihe von skurrilen Verwechslungen. So verstecken die Frauen Lebensmittel unter ihren Kleidern und geben vor, schwanger zu sein.

Gleichzeitig haben Arbeiter den Zugverkehr lahmgelegt, um sich so gegen Fahrpreiserhöhungen zu wehren. Die Ehemänner unserer Heldinnen sind Zeugen eines LKW-Unfalls, bei dem Lebensmittel auf der Fahrbahn landen. Es entwickelt sich zwischen ihnen eine Diskussion über das Stehlen, wobei Antonias Mann Giovanni auf Ehrlichkeit besteht und sich so von Luigi abgrenzt, der für ihn das Lumpenproletariat verkörpert. Als der ihm aber erzählt, dass die Fabrik, in der sie beide arbeiten, demnächst geschlossen wird und sie arbeitslos werden, ändert sich auch Giovannis Einstellung. In einem Akt der Notwehr nehmen sie einige Säcke mit Lebensmitteln vom Unfallort mit. Zu Hause angekommen, wird ihnen noch zusätzlich der Wohnungsräumungsbefehl präsentiert, weil sie seit einigen Monaten keine Miete zahlen konnten. Die ganze Situation ist also mehr als dramatisch und verlangt nach einer grundsätzlichen Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, zu der Fo mit diesem Stück auffordert.

Nun gibt es aber diese Arbeiterklasse kaum mehr, denn Fabriken werden zunehmend in Billiglohnländer verlagert und man könnte also meinen, bei dieser Aufführung gäbe es nur eine historische Rückschau. Doch wenn man berücksichtigt, dass Hubsi Kramar inszeniert hat, stand zu erwarten, dass es ihm auch diesmal ein Anliegen war, aktuelle Bezüge herzustellen. Und genau das trat auch ein. Einerseits verwendet er überwiegend die wienerische Umgangssprache, was eine leichtere Identifikation mit dem Text möglich macht und bietet vor allem zahlreiche aktuelle Querschüsse von Hypo-Alpe-Adria bis zur Flüchtlingskrise. Auch die Privatisierungsaktionen des Neoliberalismus werden auf die Schaufel genommen, indem darauf hingewiesen wird, dass „privare“ ursprünglich „berauben“ bedeutet! Das klingt alles zwar sehr ernsthaft und ist es im Prinzip natürlich auch, doch Kramar gelingt es, diese Problematik in soviel Humor zu verpacken, dass alles mehr als leicht verdaulich dargeboten wird. Zu meiner Frage, ob er glaube, damit Änderungen anstoßen zu können, meinte Kramar, dass er schon zufrieden sei, wenn auch nur ein Besucher zu ihm sagt, das Stück sei wichtig. Die Welt könne man mit Theaterstücken sicher nicht ändern. Aber man könne daraus lernen, dass man sich nichts gefallen lassen und sich vor allem keine Angst machen lassen dürfe.

Die Schauspieler jedenfalls steigerten sich in einen echten Spielrausch, ein Gag jagte den nächsten, Wortwitz, absurde Sprachassoziationen und auch Slapstick dominierten und das Publikum kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Die kleine multikulturelle Darstellerriege, die ein Team im besten Sinn des Wortes bildet, nur drei Wochen intensiv geprobt hat und dem man die Spielfreude deutlich anmerkt, bietet wirklich großes Theater. Aus Südamerika stammt Gioia Osthoff als Margherita, großartig die Türkin Asli Kislal als resolute Antonia, überzeugend die beiden Ehemänner Markus Kofler als Giovanni und Sascha Tscheik als Luigi. Und dann ist da noch der beeindruckende Stefano Bernardin in verschiedenen Rollen, vor allem als Ordnungshüter, ein Umstand, auf den selbstironisch in der Aufführung hingewiesen wird.

Die Aufführung wird stimmig durch ein schlichtes kleinbürgerliches Bühnenbild vom Markus Liszt und eine  schwungvolle Musik von Uwe Feichle unterstützt. Leider sind die Texte akustisch nicht gut verständlich.

Das Premierenpublikum war begeistert, und man kann diese Aufführung auch wirklich nur rückhaltlos empfehlen. Selten passt die Bezeichnung „Unterhaltung mit Haltung“ so perfekt wie für „Bezahlt wird nicht“ im Theater Akzent. Vorstellungen gibt es noch im November und bei Erfolg – woran nicht zu zweifeln ist – auch noch im Jänner 2016. Man sollte sich diese Gelegenheit wirklich nicht entgehen lassen.


DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 www.akzent.at