20.11.2015 TAG: 13 oder Liebt eure Volksvertreter!

© Anna Stöcher
© Anna Stöcher

Das Wiener TAG ist vor allem für seine zeitgemäße Bearbeitung von Klassikern bekannt. Diesmal hat Autor und Regisseur Ed.Hauswirth jedoch freiere Hand bekommen und nimmt sich einen Fassbinder-Film als dramaturgische Vorlage. Ob auch dieses Experiment gelungen ist, sah sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere an.

 

Stellen Sie sich bitte folgende Ausgangssituation vor: Während einer Bahnreise trifft ein Autor zufällig eine ihm bekannte Nationalratsabgeordnete. Sie kommen ins Gespräch und die Politikerin erzählt, was ihr Quereinstieg an ihrem Leben verändert hat. Vor allem haben Freunde eine deutliche Skepsis entwickelt und sind auf Distanz gegangen. Ganz offensichtlich traut man also Politikern nicht.

Und da kommt Ed.Hauswirth ins Spiel. Er hat nämlich genau dieses Gespräch tatsächlich geführt. Als Gründungsmitglied der Grazer „Theater im Bahnhof“ ist er nach wie vor für unkonventionelle Lösungen gut und nicht zuletzt deshalb hatte er vom TAG, für das er bereits den Erfolg „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ auf die Bühne gebracht und dafür den Nestroy-Preis bekommen hatte, das Angebot erhalten, ein neues Stück zu realisieren. Er nahm also das Gespräch mit der Politikerin zum Anlass darüber nachzudenken, was dieses prinzipielle Misstrauen gegenüber politischen Vertretern für unser System generell bedeutet. Als bildgebendes Element und dramaturgischen entschied er sich für den Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1978.

Was folgte war im Frühjahr 2015 die Teamarbeit mit dem gesamten Ensemble, die vor allem aus Recherchen und Interviews mit Menschen „aus Politik und dem Leben“ bestand. Nach der Konzeptarbeit starteten die Proben im September und jetzt gab es also die Premiere. In dem Stück geht es vordergründig um den Tod der  Politikerin Franziska, die mit Tempo 120 einen Autounfall hatte. Es bleibt dabei offen, ob das Absicht oder tatsächlich ein Unfall war.

Ihre (politischen) Freunde und ihre Familie veranstalten eine eigenartige Trauerfeier, die vor allem in Form von nachgestellten Szenen aus den Fassbinder-Film organisiert wird. Diese Szenen werden auf Video festgehalten und sollen eine Art Vermächtnis der Politikerin darstellen. Dabei werden pathetische Phrasen und sehr ernsthafte Aussagen wild vermischt und ergeben einen sehr unterhaltsamen Cocktail. Vor allem aber zeigt sich einiges Überraschendes. Die Ehe von Franziska funktionierte nicht mehr richtig, ihren Mann Karl hat sie in ein tödlich langweiliges vorparlamentarisches Gremium abgeschoben, das sich z.B. mit „der Schwanzlänge von Biopferden“ beschäftigt, der langjährige schwule Parteifreund Walter – im Film übrigens die Hauptfigur - konnte sich aus gesellschaftlichen Zwängen nie befriedigend selbst verwirklichen und bettelt um Zuneigung seiner Umgebung, ihre Ziehtochter Eva ist aus der Familie ausgebrochen und versucht auf der Suche nach sich selbst „unsichtbar durchs Leben zu gehen“, Franziskas Mitarbeiter Bob wurde wegen dreier Rechtschreibfehler in einem Wahlkampf-Folder gefeuert – er arbeitet mittlerweile übrigens bei einem privaten Fernsehsender - und schließlich ist da noch Ingrid, die beste Freundin von Franziska, die sehr plakativ trauert.

Und dann kommt noch ein Überraschungsgast, zumindest für einige in der Runde. Jon, ein freiheitlicher Politiker, mit dem Franziska ein Verhältnis gehabt hat. Das und der Umstand, dass sie gegen einen Klubbeschluss gestimmt hat, brachte sie in Richtung Parteiausschluss. Hier wird sehr deutlich aufgezeigt, wohin die Politik Menschen stößt, die nicht den Erwartungen entsprechen und die engen Spielregeln einhalten. Jon nützt die Gelegenheit, um die „Gutmenschenpolitik“ der versammelten Runde anzugreifen. Hauswirth setzt dem einen intensiven Dialog mit Eva dagegen, um so auf die hohlen Phrasen der Rechten rund um aktuelle Ereignisse wie die Flüchtlingspolitik oder den Terror in Paris einzugehen.

Die manchmal etwas eigenartige Dramaturgie des Stücks wird durch das Tempo der Aufführung – auch für die Regie sorgt Ed.Hauswirth - und vor allem durch die eindrucksvolle schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles mehr als wettgemacht. Vieles wirkt improvisiert und dadurch spielerisch-locker, ist jedoch exakt durchgeplant, auch wenn sich die Aufführung im Lauf der Zeit, wie Hauswirth versichert, noch entspannen wird.

Petra Strasser – nur in Videoeinspielungen zu sehen - gibt eine idealtypische Volksvertreterin, Georg Schubert ihren schwer frustrierten und daher aggressiven Ehemann, die immer beeindruckende Elisabeth Veit ihre ziellose Tochter Eva, Michaela Kaspar die freudlose Freundin Ingrid, Jens Claßen den an seiner Verwirklichung scheiternden schwulen Walter, Raphael Nicholas sehr überzeugend den Karrieristen Bob und schließlich Julian Loidl in einer beeindruckenden Weise den freiheitlichen Politiker Jon. Sein Show-down mit Karl ist mehr als unterhaltsam.

Jedenfalls zeigt das Stück sehr deutlich, dass Idealismus in der Politik keinen Platz hat bzw. im Zweifelsfall ausgetrieben wird. Die Parteiapparate schalten die Menschen gleich.

Auf meine Frage, ob solche Stücke ein klein wenig zur Veränderung der Verhältnisse beitragen können, meinte Hauswirth, dass Theater die Welt sicher nicht verändern könne, „aber die Möglichkeit bietet, einen Abend lang in einem dunklen Raum gemeinsam nachzudenken“. Und dafür bietet diese Aufführung eine ideale Gelegenheit.


DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern



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