14.10.2015  KosmosTheater: Der varreckte Hof

Letzten Mittwoch gelangte diese „Stubenoper“ von Georg Ringsgwandl zur Wiener Uraufführung. im KosmosTheater. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler war von diesem Abend hellauf begeistert. Ein Stück voll von brisanten Themen, meisterlich in Szene gesetzt, einem überragenden Schauspielensemble und virtuoser musikalischer Umsetzung – „so muss modernes Theater!“


 

Das Publikum bekommt durch das Konzept der Arenabühne von Anbeginn keine Chance, sich dem Geschehen auf der Bühne zu entziehen – mitten drin, nicht nur dabei, sozusagen. Wir befinden uns in einer Bauernstube. Eigentlich sehen wir eher die Karikatur einer Bauernstube, denn grellrote Möbeln mit möglichst kitschiger Bauernmalerei stechen einem ins Auge und über all dem prangt ein Ölbild mit einem pathetischen Gebirgsmotiv.

 

In der musikalischen Ouvertüre stellt dann der Chor sogleich eines der Vorurteile des Landlebens in Frage: Am Land da haltns alle mehr zamm, doch ob des stimmt, des sehts jez glei“. Das Catch-Pop String-Strong-Duett beweist bei diesem Song mit viel Pizzicato, dass man mit Cello und Bratsche durchaus rocken kann. Ausgangspunkt für die Thematisierung des menschlichen Zusammenhalts am Land ist, dass für die Altbäuerin „Weichsenriederin“ (Linde Prelog) eine Pflegerin gefunden werden muss. Diese ist nämlich wunderlich geworden. Symbolträchtig singt sie „Am Berg da springen de Kiah … wiad boid a grimmigs Wetta kumman“. Weder ihr Schwiegersohn Günther (Thomas Richter) noch Tochter Gerlinde (Emese Fáy), noch Sohn Rupert (Peter Bocek) wollen die Zeichen des nahenden zwischenmenschlichen Unheils erkennen.

 

Alle drei geben vor, viel zu sehr (mit sich selbst) beschäftigt zu sein, als sich um die Alte kümmern zu können. Gerlinde sei als Handarbeitslehrerin eh schon restlos überfordert, weil die „Globalen Verwerfungen in Form von einer Horde rotzfrecher Kinder“ auf sie einstürmen. Der gestresste Günther braucht sein „Sabbatjahr“, und Rupert gibt vor, mit Business-Oportunities in der Stadt eingedeckt zu sein. Daher wird sehr schnell eine Altenbetreuung (Svetlana und Ivanca) aus Ex-Yugoslawien organisiert. In der Inszenierung von Regisseurin Dora Schneider übernehmen diese Rolle die beiden Musikerinnen des „Stubenopernorchesters“ Rina Kaçinari und Jelena Popržan.

 

Durch diesen genialen Regieeinfall verweben sich Musik und Dramaturgie noch enger. Catch-Pop String-Strong begleiten in einem unnachahmlichen „Schräg-Über“ die einzelnen Szenen. Mit ihren Streichinstrumenten und unkonventionellen Zusatzinstrumenten beeindrucken sie einerseits mit einem komödiantisch-groovigen Stil, andererseits wissen sie auch mit ruhigen melancholischen Tönen zu berühren. Besser kann man Ringsgwandls Lieder nicht interpretieren. Ab und an greift auch Thomas Richter zur Akustikgitarre, um szenische Stimmungen zu unterstreichen, so auch beim tief traurigen Finallied („Wenn dann niemand mit dir red, wirst erst stumm und späda bled“), welches im Stile eines Bossa Novas gespielt und gesungen wird.

 

Georg Ringsgwandl thematisiert in seinen pointierten Dialogen und Liedern das brisante Problem der Altenbetreuung und –pflege. „Pointiert“ ist in diesem Falle aber keinesfalls auf „humoristisch“ zu reduzieren, oft sind seine Texte von Düsternis geprägt. Umso unverständlicher, dass in diesen Szenen exaltierte Lacher aus dem Publikum zu vernehmen sind. „Der varreckte Hof“ ist von Ringsgwandl aber mehrdimensional angelegt. Wie bei einem altem (Bauern)möbelstück lassen sich mehrere (Lackierungs)schichten entdecken.

 

Trägt man den Lack des kitschigen provinziellen Landlebens ab, so erscheinen hier unterschiedlichste Flucht“reflexe“. Die alte Weichsenriederin flüchtet sich in die Demenz vor ihren Kindern, weil diese, gegen ihre Vorstellung, den Hof nicht übernehmen wollen. Ruprecht betreibt einerseits Landflucht, weil er in der Stadt sein Heil sucht, andererseits flüchtet er vor der Wahrheit, indem er den anderen gegenüber seine Arbeitslosigkeit leugnet. Gerlinde und Günther flüchten sich ins Burnout, anstatt sich mit sich selbst und den Wünschen des Partners auseinanderzusetzen. Svetlana und Ivanca sind aus wirtschaftlichen Gründen aus der Heimat geflüchtet. Überspitzt formuliert ist „Der varreckte Hof“ eine „Flüchtlings-Oper“. Am Schluss steht für mich die Frage: Was wird hier zuerst aufgegeben, die eigene Identität oder die Heimat?

 

Aus dem insgesamt großartigen Schauspielensemble möchte ich besonders Linde Prelog hervorheben. Wie sie die Rolle der wunderlichen Altbäuerin anlegt, ist äußerst facettenreich: Von skurril über humorvoll bis zu tief melancholisch reicht ihr ausdrucksvolles Spiel.

 

Ringsgwandls Stück beeindruckt durch humorvolle, aber zugleich tiefsinnige Szenen. Durch die kreative Regie von Dora Schneider, die schauspielerische Intensität des Ensembles und die musikalische Interpretation von Catch-Pop String-Strong entwickelt sich „Der varreckte Hof“ zu einem einmaligen Theatererlebnis. Unbedingt anschauen!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 


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