20.10.2015 KiP: Adolf Loos - Frauen & Freunde (von Helmut Korherr)

© barbara palffy
© barbara palffy

Nahezu jeder kennt den berühmten Architekten Adolf Loos und seine Bauten - vor allem das Loos-Haus am Wiener Michaelerplatz. Kaum jemand kennt jedoch den Menschen Loos. Aber gerade der ist in seiner Widersprüchlichkeit besonders interessant. Der österreichische Schriftsteller Helmut Korherr hat daher über Loos ein  „skurriles Lustspiel“ geschrieben, das im Theater des Cafe Prückel uraufgeführt wurde. Diekleinkunst-Redakteur Gerd Kern war dabei.

 


Gerade in den letzten Jahren fand in den Medien eine kritische Auseinandersetzung mit der Person des Architekten Adolf Loos statt, die nicht seine Arbeiten, sondern sein Privatleben zum Inhalt hatte. Es war nämlich bis dahin nur wenigen bekannt, dass Loos wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht gestanden hatte und rechtskräftig verurteilt worden war. Gerade dieser Umstand hatte den Autor Helmut Korherr dazu motiviert, sich eingehender mit der Person Loos auseinanderzusetzen. Wie er nach der Premiere in einem Gespräch erklärte, hatte er ein Jahr lang immer wieder akribisch Unterlagen studiert und war dann zu dem Schluss gekommen, dass sich dieser Stoff perfekt für eine Dramatisierung eignen müsste. Und damit hatte er vollkommen Recht.

Etwas unzutreffend ist nur die Bezeichnung „skurriles Lustspiel“, denn das in zahlreiche kurze Sequenzen aufgeteilte Stück wirkt eher dokumentarisch. Das Leben von Adolf Loos wurde von Korherr konsequent und durchaus objektiv analysiert. Die architektonischen Arbeiten und auch seine Auseinandersetzung mit dem Jugendstil sowie mit den Arbeiten der Wiener Werkstätten kamen dabei nur peripher vor, denn es ging ja um den Menschen Loos. Seltsame Details gab es bei ihm ja genug. So hielt er Vorträge über die Schwächen der Wiener Küche und ihre unerklärliche Vorliebe für alle Arten von Knödeln, deren Erfindung er übrigens Albanien zuschrieb.

Einer der Schwerpunkte des Stücks ist die intensive Freundschaft von Loos mit dem Dichter Peter Altenberg und dem unerbittlichen Zeitkritiker Karl Kraus. Die drei Männer waren ein mehr als eigenartiges Trio, aber auch geniale Selbstdarsteller: Peter Altenberg mit seiner Verliebe für sehr junge Mädchen, ja eigentlich Kinder – er sammelte auch einschlägige pornografische Bilder – und seiner Alkoholkrankheit, an der er letztlich auch starb, Karl Kraus, der zwar ein kompromissloser, ja beinahe eifernder Journalist war, hier aber als ruhender, und eher gemütlicher Pol dargestellt wurde, und schließlich Adolf Loos selbst.

Eigenartigerweise waren alle drei Antisemiten. Eigenartig vor allem, weil Altenberg und Kraus selbst Juden waren und Loos, nicht zuletzt aus materiellen Gründen eine Vorliebe für jüdische Frauen hatte, die ihm immer wieder lukrative Aufträge vermittelten. Trotzdem kam er nie zu Reichtum und starb nach einem Schlaganfall im Sanatorium Kalksburg..

Ein zweites zentrales Thema ist die Beziehung des Architekten, der sich selbst immer wieder kokett als „Maurer“ bezeichnete, zu den Frauen. Er bevorzugte deutlich jüngere Partnerinnen, die er zwar heiratete, sie er aber arbeitstechnisch, gefühlsmäßig und sexuell ausbeutete. Keine hielt es deshalb lange mit ihm aus. Noch zuletzt wollte er angeblich seine Kalksburger Krankenschwester heiraten.

Der dritte Schwerpunkt des Stückes ist die Anklage gegen Loos wegen Kindesmissbrauchs oder formal wegen „Verführung zur Unzucht“. Er hatte unter fadenscheinigen Gründen drei acht- bis zehnjährige Mädchen in seine Wohnung eingeladen und sie dort gezeichnet. Dabei soll es auch zu unzüchtigen Handlungen gekommen sein. Von diesem Vorwurf wurde er zwar frei gesprochen, jedoch dafür verurteilt, dass er die Mädchen dazu gebracht hatte, nackt „unzüchtige Stellungen“ einzunehmen und diese auch in Zeichnungen festgehalten hatte. Ein Skizzenbuch, das bis heute verschollen ist, diente dafür als Beweis. Loos wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, die aber zur Bewährung ausgesetzt wurden. Seine Freundschaft mit einem der Gutachter, der die Mädchen als unglaubwürdig darstellte, machte dieses äußerst milde Urteil möglich.

Korherr ist es gelungen, diese komplexen Umstände klar und gleichzeitig unterhaltsam auf die Bühne zu bringen. Regisseur Roman Kollmer, der auch Adolf Loos spielt, realisierte eine wirklich straffe Inszenierung, und überzeugte auch in der Darstellung des komplexen Charakters von Loos.  Catharine Oborny überzeugt in den Rollen seiner Frauen voll, Itze Grünzweig gab einen – etwas zu gemütlichen – Karl Kraus und Erika Deutinger  einen etwas überzeichneten und  zu stark karikierten Peter Altenberg. Das Bühnenbild, in dem die Farbe Grün dominierte, bot einen sehr passenden Hintergrund.

Und da diese Aufführung wirklich voll überzeugt, ist hier noch eine grundsätzliche Anmerkung notwendig. Leider schenkt die Wiener Kulturberichterstattung den  sehr interessanten Off-Produktionen zu wenig bis keine Aufmerksamkeit. Es ist zwar sicher wichtig, über die Aufführungen der großen Häuser zu berichten, es ist aber unentschuldbar, dass über gelungene Arbeiten wie diese von keinem größeren Medium berichtet wird. Daher: Wenn Sie Gelegenheit haben, diese Aufführung zu besuchen, dann tun Sie es bitte. Sie werden es sicher nicht bereuen. Vorstellungen im Prückel gibt es noch bis Ende Oktober.

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

www.kip.co.at

Website von Helmut Korherr