17.11.2015 Freie Bühne Wieden: Das Weihnachtsbündel oder Wie weit ist wohin?

© Rolf Bock
© Rolf Bock

Eigentlich ist es an dem milden Novemberabend viel zu warm für ein Stück, in dessen Titel das Wort „Weihnachten“ vorkommt. Dennoch strömen viele Besucher zur Premiere von „Das Weihnachtsbündel“ von Ronald Rudoll in die Freie Bühne Wieden und der kleine Saal ist schnell gefüllt, sodass zusätzliche Stühle organisiert werden müssen. Ob die thematisch aktuelle Komödie DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer trotz der warmen Temperaturen in Weihnachtsstimmung versetzen konnte, lesen Sie hier.

 

 

Auf der Bühne steht ein Weihnachtsbaum mit nur drei Kugeln. Sind die Bewohner noch nicht bereit für Weihnachten? Seit ihr Sohn Julian aus der Wohnung über ihnen ausgezogen ist, sind Hannelore und Eugen nicht mehr glücklich. Dass ihr Sohn sich als homosexuell geoutet hat und zu seinem Freund gezogen ist, belastet die Eltern. Sie können nicht einmal die Worte schwul oder homosexuell aussprechen. Und was wohl die Nachbarn dazu sagen? Einzige aktuelle Verbindung zu ihrem Sohn ist Psychologiestudentin Miriam, die im Dachgeschoß wohnt und die Eltern immer wieder informiert, wie es ihrem Sohn geht. Als die beiden in die jährliche Vorstellung des Nussknackers wollen, finden sie ein Baby und zwei Briefe vor der Tür. In einem der Briefe steht, dass Julian der Vater des kleinen Habib sei und dass das Kind während einem seiner Dienste im Flüchtlingsheim gezeugt worden sei. Der Asylbescheid der Mutter sei negativ und Julian solle sich um seinen Sohn kümmern. Schnell ist das Ballett vergessen und Hannelore und Eugen schöpfen Hoffnung. Ist ihr Sohn doch nicht homosexuell? Wie kommt eigentlich Habibs Hautfärbung zustande? Ist er halber Syrer oder gar halber Afghane? Als zwei Polizisten (Ronald Rudoll und Angela Schneider) und die Nachbarin Frau Adelpoller (Anita Kolbert) auftauchen, sind Chaos und Missverständnisse vorprogrammiert. Werden Hannelore und Eugen Habib ins Herz schließen? Werden Julian und sein Freund das Kind adoptieren? Und werden Eltern und Sohn wieder zueinanderfinden?

 

Am Ende des Stückes fragt man sich: Kann so viel Aktualität geplant sein oder ist es Zufall, dass dieses Stück aus der Feder von Ronald Rudoll und inszeniert von Anselm Lipgens so perfekt in die aktuellen Debatten passt? Erika Deutinger stellt mit Hannelore eine ehemalige Aktivistin für Emanzipation dar, die aber nicht akzeptieren kann, dass ihr Sohn mit einem Mann zusammenlebt. Gerhard Dorfer als Eugen will bei Habib alles richtig machen und ihn nicht wie Julian („Julian ist ein gegenderter Mädchenname“) falsch erziehen. Julian wollte ein Pony, aber Jungs sollen lieber mit Waffen spielen. Er als Vater war vermutlich zu weich, während Hannelore als Mutter zu dominant war. Eugen kommt zu dem Schluss, sie haben bei Julians Erziehung alles falsch gemacht, „da ist einiges queer gelaufen“. So werden die einstigen Aktivisten der Flower-Power-Zeit mit ihrer eigenen Spießigkeit und Intoleranz konfrontiert.

 

Die aufgeschlossene Studentin Miriam (Samantha Steppan) bildet das Gegenstück zu den „welken Blumenkindern“. Sie unterstützt Julian und denkt, dass er und sein Freund Habib adoptieren sollten. Ab Jänner 2016 dürfen gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren - aktueller geht es wohl kaum. Mit dem Auftritt der ängstlichen Nachbarin wird ein neues aktuelles Thema angesprochen: die Vorurteile gegenüber Migranten. Die Nachbarin möchte über eine Reihe von Einbrüchen sprechen, die offenbar von einer Gruppe junger Männer mit Migrationshintergrund verübt wurden. Kurz wird auch das Thema Konsum und Übertriebenheit angesprochen, nämlich als Eugen bittet: „Weg vom Übermaß. Dezenz um den Weihnachtsbaum“.

 

Der Plot ist frei erfunden, jedoch hat er einen wahren Kern und ist inspiriert von Geschichten, die der Autor während Nachtdiensten im Flüchtlingshaus erzählt bekommen hat. Es werden zwar viele ernste und aktuelle Themen angesprochen, aber man hat das Gefühl, dass sich das Stück bzw. der Autor nicht entscheiden konnte zwischen einer leichten Komödie und einem ernsten Stück. Eine Kombination ist eben sehr schwer zu realisieren, gerade weil es ein ganzes Bündel („Weihnachtsbündel“), an Themen ist, das diese angelaufene Weihnachtszeit bestimmt. Dem Stück fehlt es meines Erachtens teilweise an Tiefgang, um als Zuschauer ernsthaft ins Grübeln zu kommen. Dies soll bei einer weihnachtlichen Komödie aber auch nicht das Hauptziel sein. Der Autor Ronald Rudoll hat mit seiner vierten Uraufführung eine schöne, weihnachtliche Komödie geschrieben, die viele aktuelle Themen anspricht und die, sobald die Temperaturen etwas sinken, das Publikum sicher auch in Weihnachtsstimmung versetzen wird.

 


DieKleinkunst-Redakteurin Magdalena Stockhammer

 


 

www.freiebuehnewieden.at/

 

www.ronald-rudoll.com/