8.1.2015  Thomas Mraz: Après Ski – Ruhe da oben! (von Klaus Eckel)


Die Produzenten des Stücks, Michael Niavarani & Hoanzl, verlegten das Après Ski vor den Beginn des Stücks, indem sie köstlichen Punsch an die Gäste ausschenkten – „Avant Ski“ sozusagen. Dieser geschickte Schachzug hat zur Folge, dass das Publikum bestens gelaunt in das Stück ging. Für mich blieb trotzdem die spannende Frage, ob die Summe von so hervorragenden „Einzelspielern“ (Mraz, Eckel, Murg) automatisch ein geniales Bühnenerlebnis ergibt. Anders gefragt: Können Klaus Eckels Texte fremdgespielt werden, oder kann das nur der Meister persönlich „bringen“?

Inhaltlich geht es um Georg Karner, einen „durchschnittlichen“ Pharmaangestellten: Unzufriedenheit mit seinem Job, obwohl er regelmäßig seinem Chef in den A… kriecht. Unzufriedenheit mit seinen Arbeitskollegen. Unzufriedenheit mit seiner Frau Lisa, welcher er paranoid ein Verhältnis mit dem neuen Hausnachbarn andichtet und gleichzeitig aber am jährlich stattfindenden Ärztekongress in einem Winterskiort ein Techtelmechtel mit einer Arbeitskollegin hat. Unzufriedenheit eigentlich mit sich selbst. Anstatt am Kongress zu „tanzen“, erlebt er nächtens am stehen gebliebenen Sessellift eine Berg- und Talfahrt seiner Gefühle, indem er eine zynischen Bilanz seines bisherigen Lebens führt.

Es ist schon allerhand, was der Stadtsaal da auf die Bühne gezaubert hat. Da hängt doch wirklich ein echter 4er-Sessellift auf der Bühne und im Hintergrund leuchtet immer wieder eine riesengroße digitale Zeitanzeige auf. Mraz selbst sitzt tatsächlich in kompletter Skimontur am Lift. Aufgrund des Skianzugs und Helm sorgt man sich, ob er nicht einen Hitzestau erleiden wird. Die Dramaturgie will es aber, dass er Helm und Skier, um auf sich aufmerksam zu machen, (erfolglos) einer Pistenraupe nachwirft. Dadurch erlangt er nicht nur mehr Bewegungsfreiheit, sondern auch Gedankenfreiheit, indem er allmählich beginnt seine eingefahrenen Spuren im Berufs- und Privatleben zu hinterfragen.

Herr Karner verliert ziemlich bald sein „digitales Gehirn“ (Smartphone) und damit die Möglichkeit Hilfe zu organisieren – so gesehen eine „Wischen Impossible“. Uns wird vor Augen geführt, in welch absurder Abhängigkeit von diversen Apps wir uns befinden. So ist er ohne App nicht mehr fähig, Temperatur und Uhrzeit einzuschätzen. Er ist ein „Smartphoneholiker“, und sein Handy dient als Schutz vor einer „Überdosis ICH“.

In der ersten Hälfte des Abends steht eher noch die IST-Analyse seines Berufs- und Privatlebens im Vordergrund. Es ist eine Anhäufung von mehr oder weniger zusammenhängenden Aphorismen, oder wie Georg Karner im Laufe des Stücks selbst meint, „Gedankendurchfall“. Mraz spricht in einem g’spreizt wirkenden Hochdeutsch und trotzt einer veritablen Pointenansammlung will kein Flow entstehen. Man gewinnt den Eindruck, er findet nicht so richtig in die Figur des frustrierten Pharmagrafikers hinein. Man hat eher das Gefühl, Mraz versucht hier Eckel zu spielen.

Ganz anders verläuft jedoch die zweite Hälfte des Abends, als hätte es in der Pause eine motivierende „Traineransprache“ gegeben. Diese führt im Übrigen auch Georg Karner mit sich selbst, um „den ersten Tag vom Rest des Lebens“ zu beginnen. Mraz beginnt der Figur Leben einzuhauchen. Anstatt einer Aneinanderreihung von Pointen erleben wir nun einen Mraz, welcher auch durch seine schauspielerischen Fähigkeiten besticht, und die Figur beginnt an Profil zu gewinnen.

Georg Karner wird in jener Nacht auf sich selbst zurückgeworfen. Die anfänglichen Zynismen über seine Umwelt weichen mehr und mehr der Selbstreflexion. „Gut Ding braucht Langeweile“, meint er im Laufe der Nacht. Er erkennt die Durchschnittlichkeit seines bisherigen Daseins. Würde überhaupt jemand zu seinem Begräbnis kommen „ohne WLAN und Freibier“? Er findet die Ursache in der väterlichen Erziehung: Verstecken in der Mittelmäßigkeit des Lebens, um „nur ned  aufzufallen“ sei das wichtigste im Leben. Deshalb überwiegen in seiner Ehe „wohltemperiertes Alltagsglück“, anstatt dass er Wünsche und Träume ausleben kann.

Georg Karner deckt die Widersprüchlichkeiten in seinem Leben auf: Wie kann man „nicht für sich, sondern für  die Familie“ seinen gehassten Job ausüben – ist er nicht Teil der Familie?! Er nimmt sich vor, wieder „Nein“ sagen zu können, z.B.  zu öden Urlauben auf Erlebnisbauernhöfen. Er lernt wieder „Ja“ zu seinen Sehnsüchten zu sagen: Sein Berufstraum ist Karikaturist, und nicht das Dahinvegetieren in einer Grafikabteilung. Als gelungener Regieeinfall darf gelten, dass seine erste „Vernissage“ sogleich am Sicherheitsbügel des Sessellifts stattfindet, indem er seine bekritzelten Visitenkarten auf diesen klebt. Karner entdeckt auch seine Sangeslust wieder. Mraz brilliert hierbei mit einem Queen-Medley inklusive Merkury-Parodie.

„Hängt“ Georg Karner am Anfang der Nacht mit seinem Leben noch in der Luft, so hat er sich mit Sonnenaufgang wiedergefunden. Thomas Mraz verleiht in der zweiten Hälfte des Abends bzw. der Nacht der Person Tiefgang, ohne dass der Humor zu kurz kommt. Somit kann man also auch durchaus behaupten, dass es Klaus Eckel gelungen ist, Thomas Mraz die Figur des Georg Karner  auf den Leib zu schreiben.

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

Après Ski – Ruhe da oben!