24.1.2015 Schwechater Satirefestival: Stefan Waghubinger - Außergewöhnliche Belastungen

© http://www.stefanwaghubinger.de/presse.html
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Wia i a Kind woa, da hab i ma dacht, wann i groß bi, dann kann i amoi Berge versetzen – jetz schiab is vor mia her“. Mit diesem Satz beginnt er den Abend, in Anblick des Berges an Formularen und Quittungen auf seinem Tisch. „Berge versetzen“ – das kann der Glaube. Stefan Waghubinger muss es ja wissen, denn schließlich hat er ja ursprünglich Theologie studiert, bevor er sich dem Kinderbücher- und Cartoonsschreiben zuwandte, Theaterpädagoge wurde, und letztendlich mit dem Kabarettspielen begann.

Der obige Aphorismus ist so ganz typisch für Waghubingers Art des satirischen Kabaretts. Er schafft es, aus kleinen scheinbar unbedeutenden Alltagsbegebenheiten auf Universelles zu schließen. Mir wäre es jedenfalls nicht in den Sinn gekommen, im Rahmen meines Jahresausgleichs Bibelgleichnisse zu zitieren und den Akt der Steuererklärung als Symbol des Scheiterns im Leben zu sehen. Stefan, wie Waghubingers Bühnenfigur heißt, nutzt aber die jährliche finanzielle Einnahmen-Ausgaben-Analyse dazu über sein bisheriges Leben und seine Ansichten Bilanz zu ziehen. Das einzige, was an diesem Abend auf der Strecke bleibt, ist die eigentliche Steuererklärung, lieber erklärt er uns die Welt. Er will gar nicht jahresausgleichend wirken: „Wegn a poa Betrüger wern dann ehrliche Mensch’n wie i erwisch.t“ Solche und andere paradoxe Argumentationszirkel liefert er am laufenden Band.

Stefan Waghubinger ist kein Mann der lauten Töne. Er sinniert eher so vor sich hin, nimmt uns mit auf seine Gedankenreisen, verstrickt uns in seinen aberwitzigen assoziativen Gedankengirlanden. Apropos „Verstricken“: Statt seine Steuern zu erklären, schweift er lieber in seine Kindheit ab, in welcher eine Strickjacke eine wesentliche Rolle spielte. Raumschiffenterprise-Westen seien damals cool gewesen, die seine Mutter aber „strickt“ ablehnte und ihn mit einer kratzigen Schafwollweste „beglückte“. Statt die unendlichen Weiten des Weltraums zu entdecken, beengte ihn der oberste Strickjackenknopf.

Früher sei die Welt einfacher gewesen, als der Mist noch nicht getrennt wurde, mit der Mülltrennung beraube man ihn seiner Kindheit. Man könne aber nichts machen, denn die Nat-Uhr lasse sich nicht anhalten. Gegenstände und Arbeit hätten heutzutage einen anderen Wert. Aus Elektroschrott am Schrottplatz würden heutzutage wieder Werkstoffe recycelt, aber für seine, an wertvoller Lebenserfahrung, weise Oma sei kein Platz mehr in dieser Welt. Sport sei die einzige Arbeit, welche man nicht nach Indien auslagern könne. Er erzählt da mit kindlicher Unschuldsmine seine Geschichten und Ansichten über Vergangenheit und Gegenwart so vor sich hin und wickelt uns gleichzeitig immer wieder unbemerkt in demagogischer Weise um den Finger.

Die Botschaften von Waghubingers Bühnenfigur Stefan kommen nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern sind in zahlreichen feinsinnigen Bonmots verpackt: Heutzutage könne man sich in engen Grenzen eh frei bewegen. Begierde sei die Natur, Moral lerne man erst im Religionsunterricht. Man könne bei Kindern nicht früh genug mit der „Political Correctness“ beginnen, und schreibt damit seiner Tochter vor, wie sich Ken und Barbie im Puppenspiel zu verhalten hätten.

Wenn man will, kann man sein Programm „Außergewöhnliche Belastung“ als Sinnsuche betrachten. Das halbe Leben habe er mit der Suche nach Sachen verbracht, welche er aus gutem Grund verdrängt habe. Stefan hält aber wenig von Selbstfindung, viel lieber habe er ein App, welches den Parkplatz seines Autos wieder finde. Als Meister des Wortspiels ist es für ihn klar, dass App-achen gute Spurensucher waren. Im Zeitalter des NSA habe er aber nicht Angst, zu viele Spuren im Internet zu hinterlassen, sondern eher zu wenige im Leben.

Stefans Lebensbetrachtungen sind nüchtern. Wenn seine Frau romantisch über das Sternenfirmament schwärmt, so verstellen für ihn die Himmelskörper nur den Blick auf die Unendlichkeit. Nicht verwunderlich, dass er von Frau, inklusive Hund verlassen wird, und statt diesem nun ersatzweise einen Trolley bei abendlichen Spaziergängen hinter sich nachzieht. Von diesem fühlt er sich verfolgt, und er dient als herrliche Metapher für Stefans Sinnentleertheit: „Der Kopf is voi, aber eigentlich nix drin. Wia a Koffa mit Sochn, de ma ned braucht“. Er erkennt in diesem Koffer-Gleichnis die zentralen Fragen der Menschheit. Besteht er bloß nur aus Hülle oder doch auch aus bedeutungsvollem Inhalt? Waghubinger dreht nun das Stück vollends ins Absurde, indem er Gott persönlich am Handy anrufen lässt, um diese „elektrisierenden Fragen“ (Stefan elektrisiert sich am Wasserkocher) zu beantworten.

Stefan Waghubinger besticht in seinem zweiten Programm durch die perfekt ausgearbeitete Bühnenfigur des subdepressiven Philosophen. Mit stoischer Ruhe und ernsthafter Mine versteht er es seine tiefsinnigen und verqueren Gedanken über das Leben im Allgemeinen und Speziellen in satirischer Weise ans Publikum zu bringen. Möchte man ihm etwas vorwerfen, dann, dass er sich viel zu selten in Österreich blicken lässt. Laut Homepage ist dies am 31.5. an unbekanntem Orte in Wien…

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

Stefan Waghubinger

Schwechater Satirefestival