10.2.2015 Nadja Maleh: Placebo

© Foto: Lukas Gansterer
© Foto: Lukas Gansterer

Fast hätte Nadja Maleh den Titel ihres Programms selbst ad absurdum geführt, denn sie bestreitet diese Premiere leicht verkühlt. Doch scheinbar hat sie doch eine „Chemiebombe“ gefunden, welche den totalen Ausbruch der Grippe verhinderte. Maleh definiert den Begriff „Placebo“ eher weit, indem sie darunter unüberprüfte Glaubensmuster versteht, welche uns bereits in der Kindheit durch diverse Sprichwörter ins Hirn gebrannt würden. Das erste Lied des Abends ist, unter diesem Gesichtspunkt, als Protestsong gegen platte Sprüche zu verstehen. Gesungen wird dieser von Celine (mit C, aber ohne Dion), in perfektem „franszösieschen“ Accent als das wunderschöne Chanson „Alte Liebe“. Celine ist übrigens Scheidungsmediatorin, welche an „kommunikationsfreie Gewalt“ glaubt.

Nadja Maleh beweist an diesem Abend einmal mehr, worin sie unübertrefflich ist: Persiflierendes Figurenspiel auf höchstem schauspielerischen Niveau. Schließt man die Augen, so glaubt man im Moment ihres Persiflierens stünde eine andere Künstlerin auf der Bühne. Ihre Figuren mögen charakterlich und von sozialer Herkunft noch so unterschiedlich sein, ihnen allesamt gemein ist ihre Spitzzüngigkeit, sei es gewollt oder aus (gespielter) Naivität. Neben alten Bekannten, wie der verschrobenen Frau Professor Huber, der hinterlistigen Mandala oder der linkischen Entertetrainerin Ramöna, begegnen wir aber auch neuen Personen an diesem Abend: Neben der oben erwähnten Celine, bleiben mir vor allem der „geilste Streetworker“ von Wien, DeM Dragan, und die Sprachinstitutsleiterin Leyla („Schubladen sind für Socken da, nicht für Menschen“).

Den größten Spielraum an diesem Abend bekommt aber die bereits bekannte Kindergartenpädagogin Tante Melanie, welche mit ihrer grässlichen Naivität von einem (politischen) Fettnäpfchen ins nächste tritt. In ihrer Interaktion mit dem Publikum heimst sie die größten Lacherfolge des Abends ein.

Bei all den hervorragenden Rollenspielen der Maleh, welche teilweise sketchartig angelegt sind, frage ich mich ab und zu, was hat dies mit dem Titel des Programms zu tun? Manchmal droht der rote Faden verloren zu gehen. Der Kitt zwischen den einzelnen Spielsequenzen sind allerdings gesellschaftspolitische Botschaften, welche sie auf satirische Weise dem Publikum vermitteln will, an erster Stelle steht bei ihr das Thema Ausländerfeindlichkeit. Mit der Definition dieses Begriffs stellt sie aber sehr wohl wieder den Bogen zum Titel des Programms her, und hat damit durchaus meinen Sanctus: Ausländerfeindlichkeit sei ein wirkungsloses Placebo, welches vergeblich gegen verfehlte Wirtschafts- und Sozialpolitik eingesetzt werde.

Würde man nun die Kritik von Placebo nur auf die schauspielerische Brillanz der Maleh reduzieren, so wär dies aber nur die halbe Wahrheit über diesen Abend. Es gibt nämlich noch einen wesentlichen Unterschied, den Nadja Malehs Art des Kabaretts ausmacht. Sind bei anderen Kabarettistinnen musikalische Einlagen nur zum Strecken des „Wirkstoffs“ Kabarett da, so gewinnt der musikalische Teil immer mehr an wohlverdiente Bedeutung bei ihr.

Nadja Malehs Liedtexte sind intelligent wie humorvoll zugleich. Ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit und Bandbreite suchen wirklich ihresgleichen. Die Musik von Matthias Bauer, Mario Berger bzw. Bernd Alfanz ist ihr wie auf den Leib geschnitten. Meine persönlichen Favoriten sind „Dort wo I ned bin“ (Eine paradoxe Mischung aus fröhlicher Sambamelodie und grantelndem Text), der „Neurotransmitta Rap“ (Ein äußerst origineller Antidrogen-Song) und „Du bist zu Haus“ (Ein herrlicher Crossover von der Meditationsmusik zur Neuen Volksmusik mit Jodeleinlage).

Mieselsüchtige könnten nun meinen, das neue Programm wäre gar nur eine gestreckte Präsentation der ersten Musik-CD der Maleh. Dem muss ich aber entschieden entgegengetreten, denn ihrer Regisseurin und „ZweitmuttiMarion Dimali gelingt es letztendlich die überbordende Kreativität der Künstlerin zu bündeln und zu einem Placebo forte aus Musik, Schauspiel und gut getimten Pointen zu mischen. Trefflich meint am Ende des Abends DeM DraganOida Lach’n und Spaß ist des beste Placebo“ – und damit DAS Argument sich das neue Programm der Maleh „reinzuziehen“. In meinem Falle hat Placebo volle Wirkung gezeitigt – Mihi placet!

DieKleinkunstredakteur Markus Freiler

Nadja Maleh

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