4.3.2015 Lukas Resetarits: Schmäh

(c) Ernesto Gelles
(c) Ernesto Gelles

1977 hat Lukas Resetarits sein erstes Soloprogramm „Rechts Mitte Links“ gespielt, 38 Jahre später, 2015, ist er 67-jährig noch immer nicht Kabarett-müde und widmet sich diesmal dem Thema „Schmäh“. Er eröffnet  im eleganten grauen Dreiteiler mit einem kleinen Zaubertrick, lässt ein Taschentuch verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen, kommentiert diesen Trick damit, dass er nicht zaubern könne, dass das nur ein Schmäh sei, denn der einzige, der zaubern könne, sei Gott, Gott gibt es nicht, also könne er auch nicht zaubern, schlussfolgert er. Dann nimmt er Platz, am Tisch, und fängt zu plaudern an, sitzt sozusagen am Stammtisch und tut Schmähführen.

Da geht’s dann um Kindheitserinnerungen, von der Besatzungszeit in Wien, den ersten Tretroller etwa, aber auch: „Der Schas ist der beste Komiker.“ Flatulenz zum Thema zu machen, ohne dass es peinlich wird, kann nicht jeder, Resetarits kann – obwohl man sagen muss, dieses Thema in einem Kabarettprogramm ist halt nur ein Garant für schnelle billige Lacher, mehr aber auch nicht.

Lukas Resetarits ist ein Schmähführer, unglaublich - an diesem Abend in charmant-naiver, ein wenig hinterfotziger Manier, macht er sich gerne auch über sich selbst lustig, etwa wenn er vom Internet erzählt. „Sie“ (die vom Internet?)  wissen, wie alt er ist, er hat sein Geburtsdatum eingegeben, obwohl er meint, sein zittriger Tastenanschlag würde ihn auch verraten. Er fällt auf die Werbung im Internet herein, Ein Schweizer mit rumänisch klingenden Namen – Nicolai Schnabulescu, Erfinder eines Schnarchstopps, einer Nasenklammer, die kauft er, da die Bewertungen dazu im Internet so positiv waren, und dann meint er aber: „ganz deppert bin i ned“, denn die 100 €-Druckmaschine um 40.000 Dollar habe er nicht gekauft.  Einkaufen gegen die Einsamkeit – „Einkaufen, das turnt mich an“, „ich bin der Endverbrauchermann, kurble brav die Wirtschaft an“, singt Resetarits im ersten Lied des Abends, begleitet wird er dabei von Robert Kastler, seit vielen Jahren sein musikalischer Begleiter. Zur absoluten Höchstform beim Thema Kaufsucht läuft Resetarits auf, wenn er - gefühlt stundenlang, in Wirklichkeit ca. 15 Minuten - über seine Kauferlebnisse und –taktiken erzählt.

Früher hieß es, „die Wirtschaft sind wir alle“, jetzt heißt es „alles ist Wirtschaft.“ Resetarits ist bei dem großen Überthema Wirtschaft angekommen. Schön langsam weicht das  harmlose Schmähführen ernsten kritischen Analysen, die Heiterkeit mischt sich mit Nachdenklichkeit,

Der Figur des „typischen“ Österreichers, dem wir in einer Umfrage zur Vermögenssteuer in einer Eigenheimsiedlung am Stadtrand von Wien begegnen, legt Resetarits hinter der in Österreich sehr beliebten Thujenhecke Sätze in den Mund, von der Neidgesellschaft und vom ausgabenseitigen Einsparen – begründet am Beispiel der arbeitslosen Nachbarin, die es sich gut gehen lässt, anstatt sich eine neue Arbeit zu suchen, und er vermutet, es gehe ihr zu gut,  …, diese Sätze kommen einem sehr bekannt vor. Da passt auch „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, von dem er anschließend singt, dazu.

Lustig ist das alles längst nicht mehr. Je länger das Programm dauert, desto öfter bleibt das Lachen im Hals stecken. Wir werden also am Schmäh gehalten, von der Werbung, vom Marketing, von den Medien und der Politik. Nichts Neues, doch es tut gut, wenn einer zwei Stunden lang luzide und mit viel Schmäh gekonnt davon erzählt und singt.

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

Lukas Resetarits

Stadtsaal Wien