9.3.2015 Ludwig Müller: DichterVerkehr

© wildundleise
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Ludwig Müllerwird in seinem neuen Programm altersbedingt als Pharmareferent ausrangiert Von wegen „Die Gesellschaft fängt dich auf“ in so einem Falle. Das soziale Netz für Altersarbeitslose sei so effizient, als würde man für Stürzende auf einer Rolltreppe die Rettungsgasse bilden. Es ist hinlänglich bekannt, dass drastische und treffsichere Metaphern eine von Müllers Spezialitäten sind.

Im „Referenten-Rap“ wird die Pharmavertreter-Szene herrlich aufs Korn genommen. Er zeigt, man möchte sagen „wie gewohnt“, seine wortartistischen Fähigkeiten als Reimer („Herr Doc Doc Doctor sans ka Depp, listen to the message of the Referenten-Rap“). Für die, die es nicht wissen, Müller ist mit einem weiteren künstlerischen Standbein als Vorstandsmitglied des „Vereins der Freunde des Schüttelreims“ mit Christoph Krall und Simon Pichler mit dem Klassiker „Galanacht des Schüttelreims“ immer wieder auf diversen Kleinkunstbühnen unterwegs.

Natürlich ergeben sich aus der „Galanacht“ so manche Synergieeffekte für sein aktuelles Soloprogramm. Ludwigs humorige Doppelreime sind eine durchaus willkommene Auflockerung seines aktuellen Programms und DAS Markenzeichen seiner Kabarettform. Er schüttelt das Zwerchfell des Publikums und gleichzeitig bleiben durch diese Reimform seine Sinnbotschaften im Gedächtnis hängen. Z.B. im Zusammenhang mit der Altersvorsorge reimt er: „Meine Versicherung ist so ein Scheißgrind, dass ich mich noch als Greis schind’“.

Hinter Ludwig Müllers leichtfüßigen Parodien stecken bittere Wahrheiten. Als zynischer Mitarbeiter des AMS meint er z.B., nicht jeder könne zum Angestellten aufsteigen, manch einer müsse halt die Drecksarbeit des Kleinunternehmers auf sich nehmen. Eine verkehrte Welt? Müllers Parodien werden sogar von der Realität eingeholt, wenn er den Leiter eines Motivationsseminars, den bauernschlauen Ex-Skirennläufer Han-Sai, mimt. Es soll ja im reellen Leben mäßig erfolgreiche Skirennfahrer geben, welche jetzt Lebenserfolg-Bücher verscherbeln.

Wegen „Teamunfähigkeit“ wird er vom AMS ans „grenzüberschreitende“ Regionalradio Innwelle vermittelt. Es gibt zwar offiziell keine Grenzen mehr zwischen Österreich und Bayern. Mit seinen mit Ressentiments durchsetzten Zugverspätungsdurchsagen, oder seiner Reportage über die Schiffstaufe der „F Jot Sissi“, zeigt er satirisch, dass die wahren Grenzen im Kopf noch immer bestehen. Als einziger Moderator von Radio Innwelle spielt er dort sämtliche Sendungen ein oder moderiert live. Dies versetzt ihn einerseits in (gespielten) Stress, etwa als NachrichtenVERsprecher (Bau eines „Muslimischen Gewächshauses“). Andererseits spürt der Kabarettist Müller durch textliche Unsicherheiten (Entlastungssyndrom nach seiner Premiere im Orpheum?) „echten“ Stress, welcher sich in einer gewissen Hektik ausdrückt. Mit gewonnener Textsicherheit bin ich aber überzeugt, dass er das adäquate Tempo finden wird. Aufgrund der Vielzahl an Rollen, welch er in diesem Programm spielt, gilt sowieso „Alles Müller, oder was“!

Das Setting des Privatradio-Moderators ist für Ludwig Müller willkommene Möglichkeit sich als begnadeter Parodist zu beweisen. Sei es als Pater Korbinian in der Rubrik „Glauben Sie ruhig“ (mit lateinischen Sätzen über blaue Pillen, welche wohl nicht der kirchlichen Lehrmeinung entsprechen) oder als „Immobilien—BämaklerChlebíček (Schwejk, schau obe!) in der Sendeleiste „Grenzgänger - Abenteuer Leben“. Es ist schon äußerst beeindruckend, mit welcher Prägnanz Müller die tschechische Prosodie drauf hat. Dazu gehört natürlich genau so, die Unfähigkeit ein „Ü“ auszusprechen und sich daraus ergebende Missverständnisse.

Mit Fortdauer des Stücks wachsen dem „als Radiomoderator getarnten Familienvater“ die Rollenspiele über den Kop, und er beginnt die unterschiedlichsten Sendungen und Figuren zu durchmischen, ein skurriler Wortsalat ist die Folge – zu dichter Gedankenverkehr im Gehirn. Das Ende der Geschichte sei hier natürlich nicht verraten.

Bei all dem Unterhaltungswert, den „DichterVerkehr“ bietet, gelingt es Ludwig Müller mit diesem Programm durchaus gesellschaftskritische Fragen aufzuwerfen. Muss die (subjektive) Armutsgrenze, wie er im Stück behauptet, wirklich „zwischen iphone 5 und 6“ verlaufen? Muss man sich wirklich so sehr genieren, seinen Job verloren zu haben, dass man diesbezüglich beginnt, die Familie zu belügen? Ab welchem Alter ist man von der Altersarbeitslosigkeit bedroht? Ludwig Müller, als Kreativkraftwerk, schafft es mit seinen zahlreichen Rollenspielen und Reimorgien Humor und Ernsthaftigkeit zu vereinen. Es ist ihm zu wünschen, dass er noch recht lange in seinem selbst gewählten Arbeitsbereich tätig ist, und nicht seine Chlebíčeks durchs Schüttelreimen für eine volksverführerische Partei, welche in Österreich mit dumpfen Reimen auf Wahlplakaten „glänzt“, verdienen muss.

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

Ludwig Müller

Theater am Alsergrund