17.2.2015 Satirefestival Schwechat: Jörg-Martin Willnauer - Buddhistisch Bügeln

(c) Markus Freiler
(c) Markus Freiler

Eigentlich müsste man sich ja Sorgen machen um Jörg-Martin Willnauer, repräsentiert er als Klavierhumorist doch eine Form des Kabaretts, welche im Aussterben begriffen ist. Die Zeiten eines Georg Kreislers, Gerhard Bronners, Peter Wehles oder einer Lore Krainer sind vorbei. Laut und schrill müssen heutzutage meist die Botschaften ans Publikum adressiert werden, damit es diese perzipiert.

Doch die Sorge um Willnauers künstlerische Zukunft ist in mehrfacher Hinsicht unbegründet:

Erstens ist er ein echter Kapazunder seines Fachs. Es ist diese Ausgewogenheit aus musikalischer Virtuosität und gesungenem Wort, sodass er sogar vom Meister, Georg Kreisler, persönlich in einem mit mechanischer Schreibmaschine geschriebenen Brief Lobesworte erhält (http://www.derkahlesaenger.com/?p=36). Übrigens wäre es eine der seltenen Möglichkeiten, Willnauer in Wien zu sehen bzw. zu hören, wenn er am 20.3. im Gemeindesaal der Zwinglikirche mit seinem Kreisler-Programm auftritt. Sonst macht sich der Künstler im Wasserkopf Wien ja leider eher rar.

Zweitens beschränkt sich Willnauers Kunstform nicht nur auf reines Nummernkabarett am/mit Klavier, welches übrigens mit grauem Tuch drapiert ist, sodass es wie ein Altar wirkt, von welchem der Künstler seine satirische Heilslehre verkündet. Er kann gar nicht nur am Klavier kleben bleiben, es wäre gegen seine Natur. Dazu sind seine künstlerischen Begabungen zu vielfältig (Mehr von seiner bunten Blumenwiese auf seiner Homepage). Immer wieder springt er vom Klavier auf, um seine Fotoplakate mit realsatirischen Sujets aus seiner Lebenswelt zu zeigen. Oder er rezitiert in lebendiger Weise aus einem seiner satirischen Bücher. Das letzte heißt übrigens „Die Gulaschhütte“, ein satirischer Stadtroman über Graz.

Jörg-Martin Willnauer beherrscht aber nicht nur das Klavierspielen in Perfektion, er überzeugt auch als Body-Percussionist. In einer anderen Nummer beweist er, dass er auch ein ambitionierter Tischtennisspieler ist. Er spielt sich auf einem Minitischtennistisch minutenlang den Ball zu, allerdings nicht als Selbstzweck. Er beweist seine Multitasking-Fähigkeit, indem er laut darüber sinniert, dass das Tischtennisspiel als Gleichnis für den ewigen Disput zwischen den Weltreligionen sei – der Ball als Glaube, die Schläger als Argumente, der Tisch als die Heilige Schrift.

Inhaltlich bietet Jörg-Martin Willnauers Programm ein breites Spektrum. Ironisierende Gedanken über seine Stadt Graz als solches und deren Einwohner sind Thema, frei nach dem Motto „“Was sich liebt, das neckt sich“. Menschliche Verhaltensweisen (Ernährungstrends, legaler und illegaler Drogenkonsum, Schönheitswahn, Beziehungskisten) und gesellschaftspolitische Themen (z.B. Turbokapitalismus, Nazimief) werden hierbei satirisch aufgearbeitet.

Was Jörg-Martin Willnauer neben seinem feinsinnigen Humor auszeichnet, ist seine sprachlich Prägnanz, glasklare Artikulation und stimmliche Präsenz. All diese Fähigkeiten kommen mit hoher Authentizität beim Publikum an. All zu belehrend wirken oft Klavierhumoristen und können dadurch die Vierte Wand zum Publikum nicht überwinden. Jörg-Martin Willnauer lässt diese gar nicht erst entstehen, weil er seine ganz persönliche Form des Kabaretts nicht spielt, sondern wirklich lebt.

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

Jörg-Martin Willnauer

Schwechater Satirefestival