14.01.2015  Hosea Ratschiller: Doppelleben

(c) Ingo Pertramer
(c) Ingo Pertramer

Hosea Ratschliller mag es nicht einfach. Das beweist auch seine Laufbahn. Vielseitiger kann man nämlich kaum sein. Er war schon als Schauspieler,  vor allem aber bei verschiedenen Radiosendern tätig – bei FM4 ist er übrigens nach wie vor erfolgreicher „Ombudsmann“ – schrieb eine Oper, Drehbücher, Sprechstücke, Tanzstücke, Performances und und und.

Sein erstes, durchaus erfolgreiches Soloprogramm „Liebe Krise 2.0“ hatte übrigens ebenfalls im Niedermair Premiere. Dann kam die sehr diskutierte Ö1-Reihe „Welt Ahoi“ gemeinsam mit Maria Hofstätter, Robert Palfrader, Martin Puntigam und Thomas Maurer. Weitere Programme folgten.

Und jetzt also sein 5.Wurf. Er hat daran sechs Monate lang intensiv gearbeitet und das in enger Zusammenarbeit mit Gabi Rothmüller, die sehr viel zu einer Strukturierung der Aufführung beigetragen hat. Der Plot ist, wie nicht anders zu erwarten, sagen wir einmal vielschichtig, vor allem aber bestechend. In einem anschließenden Gespräch meint Ratschiller, er denke bei seinem Programm immer wieder an eine Badewanne, aus der das Wasser langsam abfließt und so nach und nach klar wird, worum es sich im wahrsten Sinn der Wortes dreht.

Und das geht so: Ratschiller ist Vater geworden und nimmt das Leben sehr viel ernster als früher. Das erklärt auch seinen dandyhaften Anzug, denn er habe erst an diesem Vormittag geheiratet und verbringe den Hochzeitsabend auf der Bühne.  Von dem Motto für sein neues Programm „Unterhaltung mit Haltung“ habe ihm allerdings ein Orthopäde seines Hohlkreuzes wegen abgeraten. Soviel zum versprochenen Ernst – zum Ausgleich dafür habe er zu Hause ein Hohlkreuz aufgehängt.  Eigentlich habe er seiner Frau ja versprochen, nie wieder Witze über kirchliche Themen zu machen, also so etwas wie „Dürfen auch Priester in Zukunft heiraten? Wenn sie sich lieb haben, dann ja“. Aber auch sonst ist er mit Witzen nicht zimperlich. Eine Kostprobe gefällig? „Die Regenwurmmutter klopft an das Zimmer ihrer zu laut spielenden Kinder und ruft: Es geht doch auch ohne Wirbel!“

Seine neue familiäre Situation nimmt es selbstverständlich auch zum Anlass, das Verhältnis Frau-Mann in vielerlei Facetten zu beleuchten, wobei er nach einigem Zögern und moralischen Bedenken auch aus dem  Tagebuch seiner Frau vorliest.

Dann stellt Ratschiller sein neues Geschäftsmodell vor. Er arbeite seit kurzem mit Guy zusammen, der beim „Cirque Zero“ tätig war und jetzt Fassadenkletterer ist. Und während Ratschiller hier die Kabarett-Besucher zu unterhalten versuche, räume sein Partner die Wohnungen eben dieser Besucher aus. Erleichtert würde ihnen das durch die zahlreichen namentlichen Reservierungen, wodurch die Adressen nicht schwer zu eruieren waren. Er geht damit so weit, dass er nach der Pause die Namen jener Besucher verliest, mit deren Wohnungen sein Partner mittlerweile fertig sei. Er hätte aber nichts dagegen, wenn auch sie noch in der Vorstellung blieben.

Nach der Pause erhöht Ratschiller das Tempo. Und hier rückt das Thema „Kultur“ in vielerlei Prägungen ins Zentrum. Ob es um die Entwicklung der Städte, um die Finanzwelt oder auch um den Beitrag des Islams zur europäischen Kultur geht, immer nimmt er eindeutig Stellung. Das gipfelt in beißendem Spott am Chef eines österreichischen Glückspielkonzerns, der – und hier zeigt sich  Ratschiller fassungslos, dass es daran nicht mehr Kritik gibt – mittlerweile zum größten Kulturmäzen geworden ist. Dass er das  aber nur tut, um sich freizukaufen, steht für den Kabarettisten außer Zweifel. Wie wirksam politisches Kabarett sein kann, wird dann ebenfalls beleuchtet. „Ist das Kabarett Teil der Lösung oder Teil des Problems?“

Jedenfalls ist ihm mit „Doppelleben“ ein eindrucksvolles Programm geglückt, das er selbst – meiner Meinung nach völlig zu Unrecht – als Minderheitenprogramm bezeichnet. Deshalb mein Rat: Gehen Sie hin, Ratschiller ist im Februar wieder im Niedermair und davor und danach in Österreich und Deutschland unterwegs, Sie werden es sichern nicht bereuen. Und ich bin auch sicher, dass sich Guy in dieser Zeit nicht um Ihre Wohnung „kümmern“ wird.

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

www.hosearatschiller.at

www.niedermair.at