14.3.2015 TAG: Kreon (von Marc Pommerening)

(c) Anna Stoecher
(c) Anna Stoecher

Dass das TAG-Theater für das Wiener Kulturleben eine besonders große Bedeutung hat, ausgesprochen interessante Bearbeitungen vor allem historischer Stoffe auf die Bühne bringt, ein tolles Ensemble zur Verfügung hat und immer wieder spannende AutorInnen zur Mitarbeit gewinnt, wurde hier schon hinreichend gewürdigt. Und auch diesmal ist es nicht anders: Marc PommeringsKreonist eine überaus geglückte und wirklich sehenswerte Produktion. Er bestätigt übrigens auch in einem Gespräch nach der Premiere die außerordentliche Stellung des TAG in deutschsprachigen Theaterszene. Hier wird nicht mit der Theatertradition radikal gebrochen und dennoch modernes, spannendes Theater geboten.

 

Aber der Reihe nach. Schon immer hat Autoren die Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Macht besonders gereizt. Bei Sophokleswar es nicht anders. Seine Trilogie über das Schicksal von KönigÖdipusund seiner Tochter Antigone, aber auch über die Politik des Athener Herrschers Theseushat unzählige Bearbeitungen zur Folge gehabt. Stellt sich nur die Frage, ob dies auch heute noch sinnvoll ist Pommereningmeinte: „Unbedingt“. Und er hat recht! Seine Auseinandersetzung mit diesem klassischen Stoff versteht sich als Modell auch für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen.

 

Der Kampf um Einflussgebiete bestimmt auch heute die internationale Politik, leider sehr häufig auch mit kriegerischen Mitteln. Aktuelle Medienberichte bestätigen das jeden Tag. Leider wird es aber in unserer globalisierten Welt immer schwierigen, Zusammenhänge klar zu erkennen. Wer zieht in welchem Konflikt die Fäden, was geschieht wirklich und was ist nur Manipulation? Wer hat am Majdantatsächlich geschossen? Was läuft in Syrien, in der Ukraine, in Nordafrika oder im Nahen Osten wirklich? Je mehr Fakten geboten werden, umso schwieriger wird der Durchblick.

 

Dass die Machtmechanismen immer dieselben waren und sind, zeigt Pommereningin seinem satirischen Politthriller ganz deutlich. KönigÖdipuswird aus Thebenvertrieben und findet mit seinen Töchtern Antigoneund Ismenein AthenbeiTheseusAsyl. Und hier wird jeder Mythos sofort zerstört. Es zeigt sich nicht einmal als wahr, dass Ödipusblind ist. Das alles war nur aus Berechnung gespielt. Und auchAntigonewird nicht schwarz-weiß, wie so häufig, gezeichnet, sondern trägt verschiedenste Charakterzüge in sich und wechselt immer wieder die Seiten, jedenfalls ist sie nicht das „aufrechte politische Mädchen“. Ihre widerständige Schwester Ismeneverkörpert dagegen den einzigen Hoffnungsschimmer in diesem Machtpoker und tritt konsequenterweise in einer Szene als Pussy Riotauf.

 

Ganz anders Theseus: Der zeigt sich ganz eindeutig als Sieger ohne tragische Probleme. Er zieht an allen Fäden, lässt seine Gegenspieler wie Marionetten tanzen und nützt jeden skrupellos für seine Machtpolitik. Er ist zynisch – so sagt er etwa zu Ödipus„Ach ja, ich weiß, du bevorzugst bei Frauen eher den mütterlichen Typ“ oder stellt klar, dass in der Maske desMinotaurus, dessen Tötung in Kretaseinen Ruf als Superheld begründet hat, eigentlich ein gewöhnlicher Mensch gesteckt hatte. All das zeigt, dass die alten Herrscher ausgedient haben, sie kommen mit den aktuellen Entwicklungen einfach nicht mehr zurecht und vertreiben sich die Zeit ihrer „Pension“ am Hof von Theseusmit Gesellschaftsspielen.

 

In Thebenregiert gleichzeitig eigentlich irgendwie gegen seinen Willen der Apparatschik Kreon, der die Söhne des ÖdipusEteokles und Polyneikestöten ließ. Deren abgeschlagenen Köpfe spielen auf der Bühne übrigens eine wichtige Rolle. Irgendwie kommt er mit seiner Funktion als Usurpator nicht zurecht und liefert sich damit dem Seher, heute würde man vermutlich Spin-Doctor sagen, Teiresiasaus. Gegen die PR von Theseushaben sie jedoch keine Chance und so kommt es wie es kommen muss: Thebenfällt, der Sohn Kreons Haimon, von Theseusals naiver Idealist gegen seinen eigenen Vater eingesetzt, wird, als er seine Aufgabe erledigt hat, endgültig abserviert. Und genauso geht es den politisierenden Ödipus-Töchtern Antigoneund Ismene. Scheinbar problemlos hat der Machtpolier Theseusgewonnen, indem er mit Desinformationen verwirrte, vernebelte und völlig skrupellos vorging. Nicht zufällig steht im Untertitel von Kreon„Wer Menschenrechte sagt, der lügt“.

 

Diesen auch im Umfang gewaltigen Stoff auf die Bühne zu bringen und ihn trotz der Verwendung von Pentametern aktuell wirken zu lassen, ist ein Verdienst der sehr begabten Regisseurin Dora Schneider. Sie bringt eine Inszenierung auf die Bühne, die fesselt, der Spielfreude des tollen Ensembles genug Spielraum lässt und bei all dem auch noch der im Stück intendierten Ironie voll gerecht wird.

 

Das spartanische Bühnenbild, die kongeniale Musikuntermalung und auch die aktuellen Kostüme bieten eine gelungene Basis für den überragenden Jens Claßenin der Rolle des Theseus. Aber auch alle anderen Darsteller überzeugen voll: Julia Schranzals vielschichtige Antigone, Elisabeth Veitals etwas naiveIsmene, Julian Loidlals Kreon, dem Machthaber wider Willen, Raphael Nicholasals idealistischer und naiver Haimonund vor allem der sehr überzeugende Georg Schubertin den Rollen von Ödipus, Teiresias und als Sphinx.

 

Das Publikum war völlig zu Recht begeistert und es kann nur jedem, der sich für modernes Theater interessiert, geraten werden, diese großartige Aufführung nicht zu versäumen.


DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern



www.dasTAG.at