28.3.2015 Die Wellbrüder aus’m Biermoos: Anarchie aus Bayern

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1976 gründeten die Brüder Hans (ein studierte Germanist und in der Folge für die Texte verantwortlich), Christoph und Michael Well (beide gelernte klassische Musiker) die Musik- und Kabarettgruppe Biermösl Blosn. Sie stammen aus einer 17köpfigen Familie, deren Musikalität u.a. daraus zu erkennen ist, dass auch drei Schwestern musikalisch als Wellküren erfolgreich unterwegs sind. Hans Well hatte sich getrennt, weil sich die Brüder über die zukünftige Linie der Gruppe nicht mehr einig waren. Ihre kritischen Texte – so bezeichneten sie den deutschen Papst Josef Ratzinger als Alpen-Ayatollah und verursachten 1981 beim Münchner Oktoberfest einen Eklat, als sie die regierende CSU scharf kritisierten - verschafften ihnen auch durch die intensive Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Gerhard Polt bundesweite Bekanntheit. Sie erhielten zahlreiche Preise, veröffentlichten CDs und waren auf Theaterbühnen und in Filmen zusehen. Hans Well ist übrigens mit seinen drei Kindern als Hans Well & die Wellpappn ebenfalls weiter aktiv. Michael und Christoph Well verstärkten sich mit ihrem Bruder Karl und gründeten die Wellbrüder aus`m Biermoos. Soviel zur Vorgeschichte.

Und diese Brüder gastierten nun im Wiener Stadtsaal. Sie haben ihr Erfolgsrezept beibehalten, wenn auch der Anteil der Instrumentalmusik etwas gestiegen ist. Ihre kritischen Texte werden durch die Einbettung in die scheinbare bayerische Gemütlichkeit etwas entschärft und sind dadurch für die Besucher leichter verdaulich. Es soll  also gelacht werden und das wird es auch. Ob sie sich über die Kreisverkehre ihres fiktiven Heimatdorfs Hausen lustig machen, die für die modernen Feuerwehrlöschzüge zu eng sind oder ob sie von dem Kreisheimatpfleger, dem Drexler Toni erzählen, der, u.a. herausgefunden habe, dass Georg Friedrich Händel einmal durch Hausen gefahren sei, wo die Kutsche kaputt gegangen sei und er in dieser Zwangspause die große Feuerwehr-Suite in vier Sätzen geschrieben habe. Dieses Werk spielen die Well-Brüder dann musikalisch virtuos und gleichzeitig zum Brüllen komisch auf verschiedensten Instrumenten wie Harfe, Tuba, Trompete, Gitarre, Violine, Bass, Xylofon, Leierkasten oder sogar mit Alphörnern.

Ihrem Ruf, der Schrecken konservativer Politiker zu sein, bleiben sie weiter treu. Und wie bei ihnen so üblich, nehmen sie sich zunächst des Gastlandes an. Sie machen sich zuerst über die Schwierigkeiten beim Zustandekommen der Fußgängerzone in der Mariahilferstraße lustig, Dann steht die misslungene Wiener Wahlrechtsreform auf ihrer Liste, gefolgt von der „Wilderei“ von Bürgermeister Häupl bei den Grünen, der Kritik an der Wiener Polizei wegen eines Übergriffs gegen eine Frau, aber auch, dass H.C. Strache den holländischen Rechtsradikalen Geert Wilders mit „erhobener Hand“ begrüßt habe. Man sieht, die Well-Brüder machen in ihrer Kritik nach wie vor keine Kompromisse. Das zeigt sich vor allem in dem nahezu zornigen Rap „Forty Cent“, den Christoph Well ins Publikum schreit und damit einen fairen Mindestpreis für die kleinen Milchbauern fordert.

Sie nehmen aber auch immer wieder diese Härte heraus und geben es freundlicher: Z.B. hätten sie von Conchita Wurst erfahren, dass der Song-Contest heuer vor der Fleischerei Radatz gesponsert würde.

Und immer wieder beeindrucken sie mit ihren rein musikalischen Darbietungen, die verschiedenste Stilrichtungen wie den Flamenco oder schottische Dudelsackmusik samt entsprechender Tanzeinlagen gekonnt aufnehmen und mit heimatlichen Klängen verbinden.

Nach dem Programm erzählte mit Christoph Well, dass die Musik für die Gruppe besonders wichtig sei und da sei es auch egal, woher sie komme. Es ginge nur darum, dass sie Qualität habe. Ende November sind sie dann übrigens gemeinsam mit Gerhard Polt im Wiener Burgtheater zu bewundern, und zwar mit einem neuen Stück, das erst im Februar Premiere hatte. Sie hätten den Luxus, erzählt mir Christoph, dass sie sich auf der Bühne über alles aufregen könnten, was sie in unserer Gesellschaft stört, und wenn man es auch nicht in jedem Fall ändern könne, so könne man zumindest gemeinsam darüber lachen und dann sei es nicht mehr ganz so schlimm.

Das Publikum unterhielt sich jedenfalls bestens und forderte lautstark und erfolgreich Zugaben.

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

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