31.1.2017  Rudi Schöller: Kompass

© http://www.rudischoeller.at/programme/
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In seinem dritten Kabarett-Programm "Kompass" nimmt uns Rudi Schöller auf einer Reise mit, nämlich durch seine persönliche Gedankenwelt über den digitalen Wahnsinn. Formal spielt er ein Einpersonenstück mit zahlreichen Figuren. Ob diese Geschichte, im doppelten Sinne, gut ausgegangen ist, hat sich DieKleinkunstredakteur Markus Freiler im Kabarett Niedermair angesehen.

 

 

Wer Rudi Schöllers letztes Programm "Auftrieb" kennt, glaubt anfänglich sich in einem Sequel von diesem zu befinden.  Altbekannte Figuren (Jessy, Ümit, Kerstin und Werner) treten da im Rahmen einer Start-up-Convention in Erscheinung, und Schöller spielt sich selbst sich als "Startup-Comedian" Rudi Schöller, welcher diese Convention hosted. Nun, rein äußerlich hat er jedenfalls ein Start-up hingelegt, da er nun Bart trägt - ein "Bart-up" sozusagen. Es wird sich noch im Laufe des Abends herausstellen, dass der "Seebären"-Look gut zu der Geschichte passt.

 

Start-ups zeichnen sich durch unkonventionelle Business-Modelle aus. Solche haben die Teilnehmer der Convention, welche uns Möglichkeiten im Umgang mit der digitalisierten Welt aufzeigen wollen. Die Kärntnerin Jessy will mit skurrilen Modeentwürfen reüssieren, wie z.B. ein "Faltenrock" mit dem Antlitz von Keith RichardsÜmit versucht den Schulunterricht zu attraktivieren, indem er den Satz des Pythagoras rappt. Die Deutsche Kerstin erfindet Asanas für Naschsüchtige.  Der Tiroler Werner betreibt eine "Server-Farm", wo Bits & Bytes erzeugt werden.

 

Nur Rudi Schöller lamentiert über diese technologisierte Welt und wirkt orientierungslos. In diesem Zusammenhang erinnert er sich an seinen verschrobenen Opa, der ihm einen (inneren) Kompass geschenkt hatte und ihm immer wieder "Nüsse" gegeben hatte, um Erfahrung zu sammeln, wie Eichhörnchen eben Nüsse sammeln.

 

Nach der Pause erinnert das Programm vom Stil her an eine Abenteuergeschichte des Kasperls. Diese Behauptung ist nicht abschätzig gemeint, sind doch Kapserls Geschichten "Parabeln". Wir befinden uns auf einer geheimnisvollen nebelumhangenen Insel. Das böse Krokodil ist in diesem Fall der skrupellose Dr. Ocean. Die Startupper entpuppen sich als die "Trojanischen Reiter", welche nun mit Rudi gegen diesen ausbeuterischen Neoliberalisten kämpfen. Dr. O. hat es auf Rudis Kompass abgesehen. Diesen benötigt Rudi aber, um einen (digitalen) Schatz zu finden, mit welchem vielleicht doch noch die Menschheit zu retten ist.

 

Wie ist nun Rudi Schöllers Geschichte bei mir angekommen? Ich nehme sehr wohl wahr, dass er sich auf satirische Weise mit der Digitalisierung der Welt, dem Startup-Hype und Wirtschaftsliberalismus auseinandersetzen will. Ich bezweifle jedoch, ob es, im Falle von Rudi Schöllers Qualitäten, eine gute Idee ist, das Ganze in ein Einpersonenstück mit zahlreichen Figuren zu verpacken.

 

Mir persönlich fällt es hier wirklich schwer Kritik am Programm anzubringen, da ich schon vor Jahren das Vergnügen hatte, Rudi Schöller im Rahmen eines Interviews als äußerst sympathischen und tiefsinnigen Menschen kennenzulernen. Aber das ausgefeilte Figurenspiel und Parodien (Herbert Prohaska, Marcel Koller!) sind nun mal nicht Schöllers Stärke. Da fühl' ich mich bei einem extrovertierten Stipsits bzw. bei dem "Stimmwunder" Kristan einfach besser aufgehoben. Ich bin nicht unbedingt der Fan von Pointenfeuerwerken, bei welchen man kaum Zeit zum Nachdenken bekommt. Jedoch der Handlungsstrang und die Nebenbetrachtungen in "Kompass" wirken teilweise langatmig. Hier bedarf es einer straffen dramaturgischen Kürzung, damit der Spannungsfunke zum Publikum überspringen kann.

 

Wollen wir uns aber auf Rudi Schöllers Stärken konzentrieren. Er ist ein genauer und feinsinniger Beobachter seiner Umwelt und Mitmenschen. Pointierte Gedanken und ironische Betrachtungen bringt er da zur Digitalisierung der Welt und dem fragwürdigen Umgang der Menschheit mit den Social Media. Es komme zum paradoxen Rollenwechsel zwischen seinen Eltern und ihm, wenn es um die Nutzung des PCs und des Internets gehe. In ihrer kindlichen Naivität backe seine Mutter für eine Website "Cookies". Er verblüfft mir überraschenden Statistiken über die Gefährlichkeit der Nutzung neuer Medien. Es kämen beim Selfie-Machen und bei der Pokémon-Jagd mehr Leute um, als durch Haiattacken.

 

So wie die "Trojanischen Reiter" in ihren "Tarnjobs" Unique Selling Points gefunden haben, gelten für Rudi Schöller seine schrägen Lieder mit seiner oberösterreichisch-knödelige Stimme als sein Alleinstellungsmerkmal. Diese sind für mich absolute Highlights des Abends. Den "Pythagoras-Rapp" habe ich ja oben bereits erwähnt. Aber kennen Sie "Lieder zum Abgewöhnen"? Das sind seine persönlichen (Anti-)Liebeslieder für seine (Ex)-Freundinnen. "Und dann war's aus" ist das für Rudi Schöller typisch trockene Kommentar. Geht's noch skurriler?! Ein Kunstgriff im wahrsten Sinn des Wortes ist ihm mit dem "Song über den digitalen Wahnsinn" gelungen, in welchem er Falcos "Helden von heute" in die Jetztzeit transponiert: "Wir san die digitalen Natives, die urban Creatives!"

 

Die Ironie will es, dass, so wie die Figuren in "Kompass" auf der Suche nach ihrem Weg sind, auch Rudi Schöller sich auf einer großen Reise befindet, nämlich zu sich selbst als Künstler. Es ist zu hoffen, dass ihm sein innerer Kompass den Weg zu seinen wahren Stärken weist.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Rudi Schöller

 

Kabarett Niedermair