27.2.2017  Martin Kosch: Mit dem inneren Schweinehund Gassi gehen

© http://martinkosch.com/presse/
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Martin Kosch hat seinen "inneren Schweinehund" überwunden und die Wien-Premiere seines neuen Programms gegeben. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler ging mit seinem inneren Schweinehund Gassi, um der Aufführung im Kabarett Niedermair beizuwohnen. "Kosch statt Couch" lautete die Devise des Abends. Da Kosch sich als "kreative Outputmaschine" bezeichnet, liegt der Verdacht nahe, dass vielleicht doch sein "Leistungsschwein" in ihm überwiegt. Welches der beiden Haustiere hat nun in Kosch gewonnen?

 

 

Dramaturgisch geht es Martin Kosch in seinem neuen Programm geschickt an. Mit einem Warm-up holt er gleich zu Beginn das Publikum aus den Komfortzonen. Gegen ein Leckerli solle man durch Bellen seinen inneren Schweinehund rauslassen. Dem Publikum ist es nicht zu peinlich und gibt tatsächlich laut. Unversehens frisst das Publikum ihm aus der Hand.

 

Man kann durchaus behaupten, dass sein neues Programm Tiefe besitzt, denn Chef(Psycho)analytiker Kosch bleibt nicht an der Oberfläche, sondern blickt in den Menschen hinein. Zwei Seelen wohnen in unserer Brust, nämlich in Form des faulen "inneren Schweinehunds" und des hyperaktiven "Leistungsschweins" - so gesehen, ein Fabel-haftes Kabarett. Mit schauspielerischer Raffinesse und einer gehörigen Portion Humor stellt er die beiden Charaktere da: Auf der einen Seite der innere Schweinehund als proletoiden Kettenraucher und Biersäufer, welcher "Koscherl" immer wieder um den Finger wickelt, auf der anderen das speedige Leistungsschwein, welches Kosch im anglizismenreichen Wirtschaftschinesisch mit diversen Norm- und Leistungsvorgaben auf Trab hält.

 

Frei nach der Transaktionsanalyse könnte man den "inneren Schweinehund" als das Kind-ICH und das "Leistungsschwein" als das Eltern-ICH bezeichnen. Mit gewohnt hoher Pointendichte versucht Kosch die beiden in seine Persönlichkeit zu integrieren. Ich lerne bei Koschs "Seminar"kabarett die unterschiedlichsten Charaktereigenschaften des "inneren Schweinehund" kennen -  z.B. Kreativität, wenn es um die Vermeidung von Arbeit geht. Das fange schon mit den Spermien bei der Befruchtung der Eizelle an. Schweinehhund-Spermien trinken lieber noch ein paar Bier, "befruchtn tama muang". Allerdings sei es von der Ausrede zur Lüge nicht weit, wenn z.B. Frauen behaupten, im Schuhgeschäft eh nur zu "schaun". Kosch zeigt uns aber auch auf, dass man aus dem Laster eine Tugend machen könne, oder hätte Ottfried Fischer als "Spargel von Tölz" Karriere gemacht?

 

Ein weiteres Symptom, welches der "innere Schweinehund" verursache, ist die sogenannte "Anfangsphobie", die uns Martin Kosch am Beispiel des Schreibprozesses seines Kabarettprogramms drastisch darstellt. Chipsessend und biertrinkend ein Fussballmatch anschauen werden da zum "Wellness-Urlaub für den Körper" hochstilisiert, der Schreibtisch müsse vorher noch aufgeräumt werden, die Wohnung ausgemalt werden, bevor ans Schreiben zu denken sei. An kritischer Selbstironie mangelt es Martin Kosch jedenfalls nicht. Das Leistungsschwein hingegen verlangt von ihm "In- and Outputs, Hard Facts" und torpediert ihn mit To-do-Listen.

 

Nach der Pause kommt Kosch mit einem "Schaumamoi"-T-Shirt auf die Bühne, dem Credo seines "inneren Schweinehunds". In der zweiten Hälfte tritt er dann über die Themen gesundes Essen, Kalorienverbrauch, Bewegung und Sport mit seinem "inneren Schweinehund" in Dialog. Auch hierbei sind die beiden um keine Ausrede verlegen und schaffen alternative Fakten: Schlankheit sei ein "dehnbarer" Begriff, Tofu schmecke mit einer 3 cm dicken "Bradlfettn"-Schicht eh gut, oder der Kalorienverbrauch sei bei Hausarbeitstätigkeiten auch nicht so wenig - außerdem könne Mann eh auch ins Fitness-Studio für Männer ("Laufhaus") gehen. Ein so humorvoll-kreativer Geist, wie Kosch läuft bei diesen Themen zur Hochform auf, schöpft sein Pointen-Potenzial voll aus, und das Publikum ist aufs Beste unterhalten.

 

Kosch besiegt den "inneren Schweinehund" mit seinen eigenen Waffen, lässt sich aber auch nicht von seinem "Leistungsschwein" verknechten und kommt zur Erkenntnis, dass beide einander bedingen und zusammengehören, wie "nah und frisch". Der Kampf der beiden Titanen in ihm nimmt dann dramaturgisch ein überraschendes und amüsantes Ende, welches hier natürlich nicht verraten wird.

 

Martin Kosch hat sein Publikum zu jedem Zeitpunkt im Griff, spielt im wahrsten Sinn des Wortes mit diesem, indem er immer wieder Zaubertricks ins Programm einbaut, bei welchen er mit dem Publikum in Interaktion tritt. Sein Spielstil besticht durch getimte Pointen, Lockerheit und Dynamik. Durch das Einstreuen der Comedy-Magic-Elemente steht "Mit dem inneren Schweinehund Gassi gehen" für ein unverwechselbares Martin-Kosch-Kabarett.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Martin Kosch

 

Kabarett Niedermair