14.3.2017  Lukas Resetarits: 70er – Leben lassen

© ernesto geller
© ernesto geller

Auch in seinem 26. (!) Programm kurz vor seinem 70. Geburtstag war es für Lukas Resetarits kein Problem den Wiener Stadtsaal zu füllen und das Publikum zufriedenzustellen. DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern und DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern waren live dabei.

 

 

Mit seinem letzten Programm „Unruhestand“ schien Lukas Resetarits seinen gewohnten „Biss“ etwas verloren zu haben und vermittelte eher den Eindruck von einer leichten Resignation – und jetzt das: Mit „70er – Leben lassen“ bringt er ein Programm auf die Bühne, das die meisten seiner jungen KollegInnen alt aussehen lässt. Mit gewohntem Schmäh, politischem Engagement und vorsichtigem Optimismus in die Zukunft begeisterte er sein Publikum. Und das exakt vierzig Jahre nach seinem ersten Programm „Rechts Mitte Links“.

 

Wie schon bisher ist er besonders überzeugend, wenn er Anekdoten und „Gschichterln“ erzählt. Dabei spannt er einen zeitlichen Bogen über 40 Jahre, beginnend mit den 70ern (nicht zuletzt deswegen der Name des Programms) schildert er seine Erlebnisse mit dem ersten Auto – einem R4 – mit dem er einst samt Familie nach Italien gefahren ist. Was sich dabei, aber auch bei seinen Alltagserlebnissen mit dem Auto abgespielt hat, erzählt er so pointiert und farbenfroh, dass man das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein. Zumindest werden bei vielen Besuchern eigene Erinnerungen an diese Zeit zum Leben erweckt.

 

Damals hat man ja noch im Auto geraucht – und nicht nur dort. Dieses Thema nimmt Lukas Resetarits ausführlich aufs Korn. Wenn er z.B. von heute unbekannten Gegenständen erzählt wie einem „Rauchverzehrer“ – als solche haben bei ihm zu Hause seine Kinder fungiert, wie er zynisch anmerkt – oder wenn er über Rauchpausen im Job philosophiert, die darin bestanden, nicht nur wie allgemein üblich während der Arbeit, sondern dann ausschließlich zu rauchen, bleibt kein Auge trocken.

 

Eines seiner Steckenpferde in den 70ern war offenbar die Teilnahme an Gewinnspielen. Als es um ein Haus ging, hatte er schon vor der Ziehung schlaflose Nächte, weil er möglicherweise gewinnen könnte, der Preis aber kein Grundstück beinhaltete, also wohin dann mit dem Haus? Besonderen Einsatz leistete er aber bei der Verlosung eines neuen Autos, indem er im ersten KGM-Großmarkt seine Teilnahmescheine an verschiedenen, dafür vorgesehenen Stellen des Autos einwarf, umso eine bessere Streuung zu erreichen und die Teilnahmescheine sogar von unterschiedlichsten Briefkästen (von Siebenhirten bis Klosterneuburg) absendete. Gut, dass sich das im Lauf der Zeit geändert hat – inzwischen kauft er, statt sich auf Gewinnspiele zu verlassen, vor allem online ein, man geht ja mit der Zeit. Problematisch dabei ist allerdings das Thema Verpackung, da selbst für die kleinsten Gegenstände riesige Mengen an Verpackungsmaterial, vor allem Luftpolster verschickt werden. Diese lagert er in einem eigenen Zimmer, um dann und wann Luft aus anderen Ländern zu inhalieren. Wenn man allerdings bedenkt, wie viel Smog China auf diese Art loswird, machen die nahezu undurchsichtigen Luftpolster schon deutlich weniger Freude, meint Resetarits.

 

Richtig politisch wird es dann im zweiten Teil, denn das Herz von Lukas Resetarits schlägt nach wie vor links. Begonnen hat das schon vor langer Zeit, als er vor allem die Gesellschaft verändern wollte und die Begeisterung dafür „bei den Massen“ aber – vorsichtig ausgedrückt – überschaubar war. Mit seiner damaligen Gruppe trat er z.B. am Wiener Hannovermarkt auf, und das, dank der nicht gerade optimalen Organisation, an einem Hochsommer-Samstag um 13 Uhr vor einem Hund und einem kleinen Buben, der heute vielleicht, wie er anmerkt, trotzdem FPÖ wählt! Da sein Zielpublikum zu dieser Zeit allerdings mehrheitlich im Gänsehäufel anzutreffen war, traten sie eben auch dort auf, was aber leider auch nicht übertrieben effektiv war. Auch als die Gruppe vor Fabriken Mao-Bibeln verteilte, ernteten sie nicht gerade Beifall und Zustimmung, sondern vor allem den Hinweis, „lieber hackeln zu gehen“.

 

Es gab aber auch Erfolge, wie z.B. die Arena-Besetzung oder die Verhinderung des Atomkraftwerks Zwentendorf. Resetarits erinnert in diesem Zusammenhang auch an die großen Erfolge der Sozialdemokratie in den 70er-Jahren wie die Strafrechtsreform, durch die Frauen plötzlich „eigenständige Personen“ wurden – was allerdings vielen nicht recht war, an den Bau der Donauinsel, der UNO-City und der U-Bahn. Das war, laut Resetarits, nicht zuletzt dem immer wieder akustisch eingespielten „Sonnenkönig Bruno Kreisky“ zu verdanken, der in allen Fragen eine Meinung hatte – im Gegensatz zu den heutigen Politikern, die immer wieder sagen „Ich denke, ...“, und gerade damit aber lügen!

 

Formal fällt auf, dass Resetarits diesmal ein rotes (!) Hemd trägt statt des üblichen grauschwarzen Kabarett-Outfits, und dass leider Professor Kastler fehlt. Das Programm kommt damit ohne gesangliche Einlagen aus. Vor und nach der Pause spielt Resetarits dafür eine Szene, wobei die im ersten Teil den einzigen Schwachpunkt des Programms darstellt. Der Gefahr, als „alter Nähkästchen-Plauderer“ schubladisiert zu werden, entgeht er indem er sich konstruktiv-kritisch auch mit Gegenwart und Zukunft beschäftigt. Er zeigt u.a. die Eurofighter-Problematik auf, beklagt die Tatsache, dass internationale Konzerne in Österreich kaum Steuern zahlen, bezeichnet den aktuellen Innenminister als „Mussolini-Lookalike“, zieht aber daraus keineswegs einen resignativen Schluss. Im Gegenteil! Er zeigt sich davon überzeugt, dass positive Veränderungen möglich sein werden, weshalb er auch mit dem Motto abschließt: Vorwärts zurück in die Zukunft!

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern und DieKleinkunst-Redakteurin Marion Kern

 

 

 

Lukas Resetarits

 

Stadtsaal