18.1.2017  Kaufmann-Herberstein: Alles Wird Gut

© Clara Wildberger
© Clara Wildberger

Wer kann denn bei der positiven Suggestion "Alles Wird Gut" dem neuen Programm von Kaufmann-Herberstein noch widerstehen? Inhaltlich kann es getrost als Fortsetzung des ersten, durchaus erfolgreichen Programms "Stadt.Land.Flucht" gesehen werden. DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler sah die Gewinner des Grazer Kleinkunstvogels 2015 zum ersten Mal und war von der großen Fangemeinde in der Kulisse überrascht. Die Fans waren sicher schon gespannt, was es Neues in Gedersberg gibt.

 

 

Eines stellen die beiden gleich zu Beginn des Abends mit ihrem "Einheizlied" klar: "Ollas, wos i im Lem brauch, bist nua du!" Es soll auch nicht das letzte Lobeslied auf die ideale Beziehung gewesen sein. Wer also auf das Abarbeiten von Klischees einer Beziehungskiste gehofft hat, wird wohl enttäuscht sein, denn zwischen den beiden ist alles eitel Wonne. Die Antithese zu einer Screwball-Komödie sozusagen.

 

Langweilig wird es einem an diesem Abend aber keineswegs. Die "hippen Großstadtkünstler", Resi und Flo, leben zwar in Symbiose, dafür geht es aber umso turbulenter in ihrer Beziehung zur Umwelt außerhalb ihres "Elfenbeinturms" zu. Ihre Verwandtschaft wohnt zwar meilenweit entfernt in der Steiermark, das hindert aber diese nicht über Telefon oder in familiären WhatsApp-Gruppen sich in kommunikativer Distanzlosigkeit zu üben. Verblüffend wie einfach es für Resi ist in die Rolle ihres Schwiegervaters zu schlüpfen. Die am Rock montierten Hosenträger aufi, das steirische Idiom aufgesetzt, und schon geht es mit einem Vorwurfs-Rapp auf den Flo los (z.B.: Die Zeit der Parkplatzsuche in Wien reiche in Gedersberg aus, um einmal nach Slowenien zum Fischessen zu fahren und retour).

 

Überhaupt stimmen FloResi (meine liebevolle Abkürzung für die beiden) zu Kaufmannns Gitarre gerne Liedparodien an, z.B. "I bin ein Steirer und wohn in Wien (Englishman in New York)" oder "Umziehn (Schifoan)". Stimmlich haben zwar beide noch Luft nach oben, textlich sind ihre Lieder aber eine echte, meist bodenständige, Gaudi.  Apropos "Gaudi", Kaufmann-Herberstein merkt man ihre unbändige Spielfreude an und schlüpfen gerne in diverse Rollen. Bei ihrer Suche nach Umzugsgehilfen in den 7. ("Wo Sojamilch und Biohonig fließen") persiflieren sie zwei ultra-chillige Jugendliche ("Voll die Dramaqueen!"), einen rotzfrechen Migranten ("Du musst an deinen Vorurteilen arbeiten!") und eine überforderte Jungmutter ("Gib deine Schwester aus der Mikrowelle"). Dem Pubikum gefallen diese aus dem Leben gegriffenen Szenen und sind zu Lachstürmen hingerissen.

 

Wird im ersten Teil des Abends die Koexistenz in der Stadt auf ironische Weise thematisiert, so rückt in der zweiten Hälfte die humorvolle Aufarbeitung des Zusammenlebens am Land bzw. bei den Eltern in den Mittelpunkt. Ohne Geld, Arbeit und Wohnung aber mit bevorstehenden Elternfreuden sind sie dazu verdammt, nach Gedersberg zu ziehen, dem "Beverly Hills der Steiermark".

 

Doch auch in der Provinz ist das Leben nicht stehen geblieben. Kaufmann-Herberstein bieten nicht eine romantisierende Darstellung des Landlebens, sondern eher satirische Betrachtungen des Mit- bzw. Gegeneinanders, welche durchaus, bei aller Blödelei, visionäre und gesellschaftskritische Züge beinhalten. Am Checkpoint der Gedersberger Mauer werden sie auf die Mitnahme von Flüchtlingen kontrolliert. Und in der Gedersberger populistischen Partei formieren sich nicht gerade die hellsten Köpfe des Dorfs. Bewaffnet sind sie mit dem "Supersoacha" und propagieren den "Gexit". Allein Flos Vater dürfte noch der letzte konservative Pol des Gedersberger Mikrokosmos sein: "I bin kein Frauenversteher, mag lieba mein Motormäher..."

 

Immer mehr Figuren betreten die Bildfläche. Darunter befindet sich auch die bereits aus dem ersten Programm  legendäre, etwas andere, Bäuerin Mayer Gerlinde. Immer temporeicher und verworrener wird der Handlungsstrang. Einerseits mag man sich teilweise denken "Speed kills" und "Weniger ist mehr", andererseits sei den beiden Spielfreudigen zu ihrer Premiere dieser Directors Cut gegönnt.

 

Wenn auch die Charaktere der Dorfbewohner und deren Interessen noch so unterschiedlich sind, DER Fixstern für alle Gedersberger ist DAS Feuerwehrfest. Dieses ist bedroht und gilt es zu retten. Ob und wie dies gelingt, sei natürlich hier nicht verraten. Am Ende besingen FloResi, die nicht ganz kitschbefreite Moral aus der Geschicht': "Am Ende samma olle Kollegen".

 

"Alles Wird Gut" ist eine äußerst amüsante und geistreiche Parabel über die hoffentlich friedvolle Koexistenz der Menschheit, welche sowohl Stadt-, als auch Landeier köstlich unterhält.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Kaufmann-Herberstein

 

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