12.5.2017  Katie La Folle: Finden

© Dejan Ivkovic
© Dejan Ivkovic

Es ist immer recht spannend das zweite Kabarettprogramm einer KünstlerIn zu besuchen. Wie wird wohl das zweite Programm von Katie La Folle sein? Wird sie auf Bewährtes setzen und wieder das Revuegirl amüsant aus ihrem Leben erzählen lassen? Oder wird Katrin Immervoll neue Wege einschlagen? Um dies herauszuFINDEN, fand sich DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler im Theater am Alsergrund ein.

 

 

Auch wenn man es der La Folle nicht ansieht, sie ist 30 geworden, also höchste Zeit die Torschlusspanik zu bekommen. Depressiv-selbstzweifelnd sitzt sie da auf der Bühne und nur den "engsten" Freundeskreis, nämlich das Premierenpublikum, hat sie zu ihrer Geburtstagparty eingeladen. Nun ja, mit dieser Gemütslage wird sie aber das Publikum nicht für sich gewinnen. Daher beschließt sie mit einer persiflierenden Burlesque-Einlage zu einem Charleston die Stimmung anzuheizen - so wie es sich eben für ein überdrehtes Showgirl gehört.

 

Ihre Tanz- und Gesangseinlagen sind unbestritten DAS Wiedererkennungsmerkmal ihrer Art des Kabaretts. In persiflierender Form spiegelt sich dabei ihre Stimmungslage (sozusagen, die Seele aus dem Leib tanzen) bzw. wirken diese Kunstformen als Katharsis in ihr. Bezüglich Tanz und Gesang kann ihr unter den KabarettIstinnen sowieso nicht so schnell jemand das Wasser reichen.

 

Wer nun meint, sie (Wer nun eigentlich: Katie La Folle oder Katrin Immervoll?) sei eine oberflächliche Tanzmaus, der irrt gewaltig. Sie ist auf der Suche nach ihrer wahren Persönlichkeit. Soll sie weiterhin "grantig und deppad" sein wie in der Pubertät und auf der Bühne ihr Glück finden, oder doch die Schwiegersohn-Wünsche der Eltern erfüllen und "Hemden bügeln"? Das Brave ist wohl nicht das Ihre, denn sie war schon als Kind ein Energiebündel. Sie vertanzt dies mit einem skurrilen Walzer ("Madame, Madam wos stöst du für an Bledsinn an?!").

 

Auf der Suche nach ihrem Selbst nimmt Katrin Immervoll das Publikum mit auf eine Reise durch diverse Heils- und Ersatzreligionen und zieht dieses Paralleluniversum pointiert durch den Kakao: Sie "husselt" mit CrossFit-Übungen und deckt diese als Verschwörung der PhysiotherapeutInnen auf. Sie liest zig Lebensratgeber (z.B. "Das große Du bist Du"). Sie nimmt an Webinaren teil, parodiert mit amerikanischem Akzent die Heilsverkünder, und schreit schließlich genervt die aufgetragene Affirmation "Ich bin die Ruhe und Gelassenheit in Person ..." Sie unterzieht ihren Körper und Geist mit verschiedensten "Kuren" einem Belastungstest: Einläufe, Galle-Leberreinigungen, Ölziehen, keine Schoko, kein Sex. An dieser Stelle darf natürlich ein Song nicht fehlen. Zu den Klängen von "Männer sind wie Marzipan" aus Müllers Büro, singt Katie "I wü goa ka Schokolade, i wü vü lieba an Mann".

 

Da ist es nicht überraschend, dass Kathie auf Tinder versucht ihr Glück zu "findern". Sie liefert dabei eine bissige Milieustudie diese Dating-community ab. Doch auf "Netflix und Chill" hat sie keinen "Bock". Ja, da kann man sich wirklich nur der Frage ihrer Psychotherapeutin, welche sie herrlich mit diversen psychochinesischen Floskeln spielt, anschließen: "Ist Katrin wirklich glücklich?!"

 

Wo kann also Katrin Immervoll den Pfad der Erleuchtung fINDIEN - richtig in Indien!" Und sollte sie auch im "Land, das der Welt Yoga geschenkt hat" nicht den Sinn des Lebens finden, dann ist es doch für Katie La Folle eine willkommene Gelegenheit dem Publikum in ihrer unnachahmlich lässigen Art einen parodistischen Bollywood-Tanz mit viel Pathos zum Besten zu geben. Bevor sie jedoch das Vertrauen in sich selbst findet, behaupte ich, findet sie das Vertrauen in Gott - denn nur so kann man die abenteuerlichen Taxifahrten in Indien überleben.

 

Die zweite Hälfte des Abends stellt sich eher als launiger Bericht über ihre Reise nach Indien bzw. zu sich selbst dar.  Es wimmle nur so von heiratswütigen Männern in Indien. In 4 Sätzen seien sie bei "Will You marry me?" und alle hätten einen "Brother in holy Europe". Natürlich werden die Inder von Katrin Immervoll in perfektem indischen Akzent zitiert. Man spürt förmlich, wie die philosophische Lehre des Yogas von ihr Besitz nimmt und sie in dieser aufgeht. In satirischer Weise weiht sie uns in die Ausbildungsrituale zur Yogi ein, z.B. egobefreiende Feuerzeremonien, die fast mit dem Erstickungstod enden. Scheinbar harmlose Fragen, wie "What comes to your mind when you think about truth?" führen zu ungeahnten Reaktionen und Emotionen, nämlich zum Plazen am Ganges.

 

Die Länge der zweiten Hälfte des Abends entspricht mindestens der eines traditionellen Saris (60 dm) in Minuten, nämlich 60. Bei all ihren witzreichen Erzählungen, vergisst Katrin Immervoll, dass sie damit eventuell ein Publikum, welches für Yoga nicht so begeisterungsfähig ist, überfordert. Oder in der Yoga-Sprache ausgedrückt: Das Asana "Ruhig Sitzen" für 1:45 Stunden ist für Yoga-Anfänger sicher eine Überlastung.

 

Insgesamt überwiegen für mich aber eindeutig die positiven Aspekte des Abends. Katrin Immervoll erzählt geistreich und mit viel Selbstironie ihre Suche nach dem Selbst und findet dabei neue Persönlichkeitsanteile, die vordergründig so gar nicht zu der tanzwütigen und hyperaktiven Kathie La Folle passen, nämlich die in sich ruhende Yogi. Man darf gespannt sein, ob sie einen Weg für ein harmonisches Miteinander dieser beiden Persönlichkeitsaspekte FINDET.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Katie La Folle

 

Theater am Alsergrund