26.1.2017 Karl May-Boygroup: Blutsbrüder

(c) Ingo Pertramer
(c) Ingo Pertramer

Karl May ist mit rund 200 Millionen verkauften Bänden nach wie vor der erfolgreichste deutschsprachige Autor aller Zeiten. Allerdings scheint seine Attraktivität in der Facebook-Generation deutlich abgenommen zu haben, was auch die Verkaufszahlen seiner Bücher beweisen. Daher ist es etwas erstaunlich, dass sich vier May-Fans von sehr unterschiedlichem Zuschnitt – Thomas Glavinic, Thomas Maurer, Guido Tartarotti und Armin Wolf – entschlossen haben, über diesen Schriftsteller ein Programm auf die Bühne des Wiener Rabenhofs zu bringen. Ob dieses Experiment der „Blutsbrüder“ gelungen ist, hat sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern angesehen.

 

 

Winnetou und Old Shatterhand sind als Namen sicher den meisten Menschen im deutschsprachigen Raum ein Begriff, sei es aus eigenen Leseerlebnissen oder aus den Filmen der Sechzigerjahre mit Pierre Brice und Lex Barker. Zuletzt hat sich auch RTL mit einer dreiteiligen - und grandios gescheiterten - Verfilmung dieses Themas angenommen.

 

Die Idee, sich mit Karl May auseinandersetzen hatten aber auch Schriftsteller Thomas Glavinic, Kabarettist Thomas Maurer, Kulturjournalist Guido Tartarotti und TV-Moderator Armin Wolf. Tartarotti hatte dann dieses Projekt Rabenhof-Chef Thomas Gratzer vorgeschlagen, der sich sofort interessiert zeigte. Monatelang wühlten sie sich daraufhin durch die umfangreichen Bücher und die mehr als zahlreiche Quellen.

 

Karl May kam aus eher ärmlichen Verhältnissen, wurde in jungen Jahren kriminell, vor allem in Form kleiner Diebstähle, Hochstapeleien und Amtsanmaßungen, was dazu führte, dass er insgesamt etwa acht Jahre in Zuchthäusern verbrachte. Seine letzte Strafe führte allerdings dazu, dass er sich in der Anstaltsbibliothek mit dem Thema Literatur beschäftigte und zu schreiben begann. Im Alter von 33 Jahren fand er eine Stelle als Redakteur und veröffentlichte gleichzeitig umfangreiche Abenteuergeschichten, die vorwiegend im Wilden Westen oder im Nahen Osten spielten. Gleichzeitig schrieb er aber unter verschiedenen Pseudonymen auch Kolportage-Fortsetzungsromane im Münchmeyer-Verlag, die der Zeit entsprechend zahlreiche verhalten-erotische Stellen enthielten. Da war z. B. von „wogenden Busen“, die manchmal sogar „enthüllt“ wurden, und anderen „körperlichen Reizen“ die Rede. Und genau diese Stellen sollten Jahre später noch von großer Bedeutung werden.

 

Erst eine eigentlich naheliegende Idee des neuen, kleinen Verlags Fehsenfeld sollte den großen Erfolg Karl Mays in Gang bringen. Es wäre doch interessant, schlug ihm der Verleger vor, die zahlreichen Erzählungen zusammenzufassen und in Buchform zu veröffentlichen. Und genau das funktionierte perfekt. May verband seine Geschichten sehr geschickt oder schrieb, wenn nötig, neue Teile und der Erfolg war grandios. Insgesamt 33 Bände erschienen und machten den Autor zu einem wohlhabenden Mann.

 

Gleichzeitig begann er sich immer stärker mit seinen Fantasien zu identifizieren, behauptete deshalb ernsthaft, alles wirklich erlebt zu haben und all die geschilderten Fähigkeiten seines Helden sowie zahlreiche Sprachen real zu beherrschen. Das gipfelte in der zentralen Behauptung: „Ich, Karl May, bin Old Shatterhand“. Daraus entstand ein wahrer Kult um seine Person, und das weckte den Neid seiner Konkurrenten.

 

Während er erstmals tatsächlich die Orte seiner erfundenen Geschichten bereiste, begann eine Pressekampagne gegen May, vor allem, weil der Verlag Fischer seine Kolportageromane erstmals unter seinem echten Namen veröffentlichte und so aus dem gefeierten Jugendschriftsteller plötzlich ein pornografischer Autor wurde, dessen Vorstrafen ebenfalls ausführlich thematisiert wurden. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er daher mit unzähligen Prozessen und öffentlich-medialen Diskussionen.

 

Dieser kurze Überblick zeigt schon, dass für ein Karl May-Programm mehr als genug Material vorhanden und eher eine Beschränkung notwendig war. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Das gelang der sogenannten „Karl May-Boygroup“ wirklich überzeugend.

 

Die vier Akteure sitzen auf der Bühne vor einer Großprojektion der berühmten „grünen Bände“. Sie erzählen ihre persönlichen Erinnerungen an Karl May, lesen Zitate aus seinen Erzählungen und kommentieren sie meist ironisch. Irgendwie schwankt diese Auseinandersetzung mit den alten Texten zwischen der Peinlichkeit, dass ihnen „so etwas“ gefallen hat oder sogar immer noch gefällt und einer unübersehbaren Faszination. Sie legen Themen-Schwerpunkte fest, die sie witzig-ironisch behandeln, und spielen zu einzelnen Themenblöcken Interviews mit Fachleuten ein.

 

So überlegt Spitzenkoch Christian Petz, ob man Bärentatzen auch tatsächlich essen kann, ein Anglistik-Universitätsprofessor, ob man bei Karl May Englisch lernen kann (nur mit sehr großen Einschränkungen!) oder der ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary, was es mit dem Namen Hadschi Halef Omar wirklich auf sich hat. Besonders lustig ist ein Besuch im Fitness-Studio, wo ein muskulöser Trainer – übrigens mit mäßigem Erfolg - versucht, sich auf Finger- und Zehenspitzen auf „Indianerart“ anzuschleichen.

 

Die Boy-Group diskutiert aber auch darüber, ob Karl May ein Nationalist (Adolf Hitler schätze ihn sehr!) oder ein Pazifist war (Bertha von Suttner besuchte seinen letzten Vortrag in Wien!) oder wie sein Verhältnis zu Frauen sich tatsächlich gestaltete (er war mit Emma Pollmer 22 Jahre verheiratet und heiratete dann ihre lesbische Freundin Klara).

 

Diese vielschichtigen Themen wurden in wirklich beeindruckender Manier über die Bühne gebracht. Besonders überraschte die extrem souveräne Leistung von Armin Wolf, der bei diesem, seinem ersten Bühnenauftritt dieser Art keinerlei Lampenfieber zeigte und perfekt Information mit Gags mischte. Thomas Maurer bot witzige Einspielungen und zitierte genüsslich besonders skurrile Passagen aus den Werken Karl Mays, Guido Tartarotti ironisierte gewohnt flapsig den Erfolgsautor, ohne seine große Sympathie zu ihm verbergen zu können oder zu wollen und Thomas Glavinic schließlich grantelte etwas unwillig, manchmal aber beinahe philosophisch über die Bücher seiner Jugend. Als er erwähnte, wie betroffen ihn der Tod Winnetous gemacht hatte, stimmten ihm alle einhellig zu. Und da wurde klar, warum sich diese vier erfolgreichen Männer in dieser informativen und gleichzeitig amüsanten Art mit Karl May auseinandersetzen.

 

Bleibt zuletzt die Frage, ob ein Besuch bei den „Blutsbrüdern“ auch jenen empfohlen werden kann, die mit May bisher gar nichts am Hut hatten. Die Antwort: Ja sicher, denn der Abend ist wirklich unterhaltsam und auch die vier Protagonisten wird man in dieser Kombination vermutlich kaum je wieder erleben. Aber ganz ehrlich: Mehr hat man sicher davon, wenn man irgendwann einmal Winnetou zwischen zwei Buchdeckeln begegnet ist.

 

Jedenfalls gibt es noch eine zweite Vorstellung im Rabenhof, die aber bereits seit langem restlos ausverkauft ist. Trotzdem lohnt es sich aber, die weitere Entwicklung zu beobachten, denn es könnte durchaus sein, dass die vier Blutsbrüder irgendwann im Rabenhof oder anderswo mit „ihrem“ Karl May wieder auf der Bühne stehen werden.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

Rabenhoftheater