14.2.2017 Rabenhof: Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein

© Rabenhof - Pertramer
© Rabenhof - Pertramer

Im März wird André Heller 70 und das dürfte auch einer der Gründe sein, warum Rabenhof-Chef Thomas Gratzer eine szenische Hommage an dieses Wiener Multitalent gestaltete. Hier ging es aber nicht um Zirkus oder Feuerwerke, sondern um seine frühen Texte und Lieder. Der Untertitel des Programmes ließ einiges erwarten und vieles befürchten. DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern sah sich deshalb die Premiere besonders gespannt an.

 

 

André Heller ist einer jener Künstler, zu denen praktisch jeder eine Meinung hat und die ist immer eindeutig – entweder bewundert man seine unglaubliche Fantasie und seine pittoresken Wortschöpfungen oder man lehnt seine häufig polarisierenden Inhalte total ab. Nun hat er zwar vor Kurzem wieder ein – übrigens sehr interessantes – Buch veröffentlicht, doch der Schwerpunkt seiner Texte und Lieder, die zum Teil Klassiker des Austro-Pop sind, liegt zeitlich deutlich im vorigen Jahrhundert. Er selbst betrachtet sie daher nur mehr unter historischen Aspekten als interessant und hat damit eigentlich abgeschlossen. Dennoch sind sie sowohl formal als auch inhaltlich durchaus immer noch beachtenswert. Und der 70. Geburtstag des ehemaligen Enfant terrible ist ein durchaus geeigneter Zeitpunkt, dieses zu beweisen.

 

Thomas Gratzer und sein Team haben eine sehr kluge Auswahl zusammengestellt und sind auch zum eigentlich logischen Schluss gekommen, dass man seine Lieder heute nicht einfach nachspielen kann. Eine „Heller-Cover-Band“ wäre sicher der falsche Weg gewesen. Also ging man daran, die Texte freizulegen und musikalisch völlig neu zu bearbeiten. Dabei erwies es sich als Glücksgriff, Oliver Welter, den Frontman von Naked Lunch und damit aus einem völlig anderen Bereich kommend, für dieses Projekt zu gewinnen. Abgesehen von seiner beeindruckenden musikalischen Bearbeitung erwies er sich an diesem Abend auch als überzeugender Schauspieler. Dazu kamen die Drag-Queen und Diseuse Lucy McEvil sowie der Schauspieler Christopf F. Krutzler, der sicher nicht zufällig an Helmut Qualtinger erinnert, allerdings ohne dessen Abgründigkeit zu vermitteln.

 

Was dann über die Bühne kommt, ist eine extrem abwechslungsreiche Revue, die Texte, Zitate, Aphorismen und vor allem Lieder bietet, zwischen Komik, (wenigen) Brachialszenen – daher auch das „Dreckstück“ - und extrem nachdenklichen Momenten gekonnt oszilliert. Die musikalische Neubearbeitung der Lieder gibt interessante neue Perspektiven frei, wenn etwa „A Zigeina mecht i sein“ als eindrucksvoller Blues interpretiert oder eine musikalisch stark reduzierte Version von „ Dann bin I ka Liliputaner mehr“ geboten wird, bei der sich Welter nur auf der Akustik-Gitarre begleitet.

 

Überhaupt scheint es das Ziel des Rabenhof-Teams gewesen zu sein, das unbestreitbare Pathos von André Heller zurückzunehmen, ohne aber die Faszination seiner Ideen zu vernachlässigen. Dazu trägt auch das varieteartige Bühnenbild entscheidend bei. Bunt, ohne quietschgrell zu sein, versetzen die überlebensgroßen Buchstaben H O L O D R I O und die lebhafte Beleuchtung in beste und immer passende Stimmung (Ausstattung Dominique Wiesbauer). Auch die Kostüme sind wirklich stimmig, egal ob Lederhose oder wie zumeist Abendkleid und Frack mit Zylinder.Die musikalische Begleitung durch Alf Pehersdorfer, Gründer der Indie-Band Kommando Elefant, ist kongenial. Die Inszenierung von Thomas Gratzer bietet einen flotten und dramaturgisch mehr als überzeugenden Ablauf.

 

Auch die Texte von André Heller werden in berührender Form vermittelt. Er erzählt von seiner mehr als schweren Kindheit in einer großbürgerlichen Familie, die sein sadistischer Vater rücksichtslos dominierte. Erschreckend, wenn die „Strafgeschenke“ für den kleinen Franz Heller wie etwa deutlich zu enge Hemden geschildert werden, die an der Seele des Kindes großen Schaden angerichtet und sicher dazu beigetragen haben, Heller zum „Bürgerschreck“ zu machen und seine Fantasie in unglaubliche Höhen zu tragen. „Ich fühle mich dort wohl, wo andere sich genieren!“ bringt seine damalige Haltung genau auf den Punkt. „Holodrio“ war übrigens auf die Lederhose des kleinen Franz gestickt, die er jahrelang tragen musste. Zu diesen Erinnerungen kommen witzige Texte wie der über einen Krampfadern-Contest in der Wiener Vorstadt oder über die Klage eines Wiener Souffleurs.

 

Auch Hellers Erlebnisse im Internat und der bereits dort aufflammende Antisemitismus, der übrigens ein immer wiederkehrendes Element in seinen Texten ist, berühren zutiefst. Gerade dabei beweist Lucy McEvil ein unglaubliches Einfühlungsvermögen. Ihre Präsentation von „Mein Freund Schnuckenack“ hat Gänsehautdimensionen und ihr „Jean Harlow“-Lied ließe Harlow selbst sicher wünschen, dass sie so gut ausgesehen hätte und ein solches Gesangstalent gewesen wäre. Lucy hatte dieses Song übrigens schon als 13jährige auf ihrem Radiowecker! Sehr überzeugend auch der von ihr vorgetragene Wunsch nach Toleranz: „Ich will, dass es alles geben darf, das es gibt.“

 

Alle großen „Hits“ sind an diesem Abend vertreten, und das ohne beim Zuhörer den Eindruck zu vermitteln, einem „Best of“ beizuwohnen. Als die drei großartigen Künstler zum Schluss „Für immer jung“ präsentieren, gibt es im begeisterten Publikum – völlig zu Recht - kein Halten mehr. Wie gut zwischen den verschiedenen Gefühlspolen in an diesem Abend hin- und hergependelt wird, beweist auch die unmittelbar darauffolgende “Zugabe“. Das Holocaust-Lied „Leon Wolke“ ist zutiefst berührend, macht nachdenklich und ist mit seinem Appell für Menschlichkeit und gegen Fremdenfeindlichkeit erschreckend aktuell.

 

Diesen außerordentlichen Bühnenabend sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen: Unbedingt hingehen, ansehen, sich freuen und auch nachdenken.

 

 

DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern

 

 

Rabenhof Theater