18.4.2017  Harry Granitzer: Nur Passagier

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"Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen". DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler ist zum Beispiel ins Theater am Alsergrund gereist und kann daher einiges über das neue Kabarettprogramm "Nur Passagier" von Harry Granitzer erzählen. Es handelt sich dabei um ein ganz schön "abgehobenes" Programm, denn er schildert uns da praktisch die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug. Ob diese Himmelfahrt gut ausgegangen ist erfahren Sie hier.

 

 

Gleich vorweg, ganz rund ist die Sprachreise nach Dublin mit seinen SchülerInnen und LehrerkollegInnen nicht über die Bühne gegangen, denn Harry Granitzer outet sich nun als leidenschaftlicher Reisephobiker. Er sieht sich eher als "dynamischer Daheimbleiber" und seine Long Distance Reisen reichen höchstens zum Kühlschrank. Was war also passiert, dass es mit ihm so weit gekommen ist? Der Ursprung allen Übels ist die "Bombenidee" des Schülers Ahmed als Willkommensgeschenk eine Glaskugel mit Pyramide und Sand mit in den Flieger zu nehmen.

 

Wer Harry Granitzer noch nicht kennt, er ist im "echten Leben" Lehrer in einem bilingualen Gymnasium - und das offensichtlich mit Leidenschaft. Einerseits schaffen die SchülerInnen der Bühnenfigur Harry  auf der Sprachreise im wahrsten Sinn des Wortes "Leid", andererseits hat man das Gefühl, dass der Lehrer Harry Granitzer ihnen nie wirklich böse sein kann und diese "heranwachsenden Hormonbomben" in Wahrheit liebt. Ein schlagender Beweis dafür sind die zahlreich erschienenen SchülerInnen unter dem Premierenpublikum.

 

Legendär sind auch seine Moderationen des Goldenen Kleinkunstnagels von 2002 bis 2015, in welcher er in unnachahmlicher Art durchs Programm führte. Er fungierte dabei als "Stimmungsneutralisator" mittels niveaulosen Witzen, Scherzfragen und Melodiequiz, dargeboten in möglichst schrägen Tönen, mit und ohne Kazoo.

 

Diese kultigen Trash-Elemente hat er gekonnt in sein neues Programm eingebaut. In diesem Falle ist es der Klassenclown Kevin, welcher dem "Phessa" unaufgefordert die schlechtesten Scherzfragen in den unpassendsten Momenten stellt und sich selbst auch immer gleich die Antwort gibt. Eingeleitet werden die Rätselfragen immer mit einem "Yo, Phessa!" und finalisiert mit einem "Bam, Oida". Für den Phessa ist das alles nur zum furchtbar fremdschämen.

 

Die mit Inbrunst falsch gesungenen Musikhits legt Granitzer den SchülerInnen in den Mund. "Zufälligerweise" passen diese bezüglich des Songtitels thematisch immer gerade zu den Ereignissen während des Flugs. So auch am Ende der chaotischen Reise, als die Integrationslehrerin mit Harry die Reise reflektieren will: "I will survive" und "Staying alive" trällern da die SchülerInnen.

 

Übrigens ist mit der Integrationslehrerin Harry Granitzer eine herrliche Figur gelungen. Er integriert in dieser auf äußerst humorige Art diverse Klischees, welche man solchen Pädagoginnen zuschreibt. Für den Lehrer Harry ist sie zu sehr "Waldorf". So sehr auch die G.... am Dampfen ist, will sie mit ihm über sein Verhalten "amal a bissl reflektieren". Sesselkreise, Flipcharts, Feedbackbögen und Evaluationsscheiben sind weitere (ungeeignete) Analyse- bzw. Problemlösungsinstrumente.

 

Harry hat da so seine eigenen Strategien der Stressmeditation, indem er sich immer wieder "mentale Auszeiten" gönnt, indem er sich an Stilblüten von Deutschübersetzungen auf Hinweisschildern im Ausland erinnert oder skurrile Gedanken zu Faschingszwang, Polter- oder Spieleabende ausbreitet. Manchmal sind diese erzählerischen Sidesteps für meinen Geschmack zu ausufernd, man hat hier das Gefühl, Harry Granitzer möchte hier eine Leistungsschau seines Könnens liefern.

 

Apropos Leistungsschau: Unter der Darstellung weiterer Fluggäste möchte ich keines Falls den "Business-Proleten" und das alte englisches Ehepaar William und Margaret missen. Bei ersterem changiert Granitzer gekonnt zwischen versnobtem Businness-Deutsch und der metaphernreichen Sprache des Proleten, wie z.B. "Kreidnstaugsauga" oder "Toflschwammal" als "Kosenamen" für Harry. Bei zweiteren besticht Granitzer durch feinste Preceived Pronuncation und trockenem englischen Humor ("William are You sure, this is the right flight, there are so many strange children here!").

 

Es ist Harry Granitzer zu wünschen, dass seine Geschichte möglichst wenig auf wahren Tatsachen und Erlebnissen fußt. Der Titel "Nur Passagier" kann in zweifacher Hinsicht als Metapher gelten. Einerseits die pädagogische Ohnmacht des Lehrers gegenüber einem pubertierenden Haufen, andererseits die Machtlosigkeit der Heranwachsenden gegenüber ihren eigenen Hormonen ("Das war nicht ich, das war die Pubertät!").

 

"Nur Passagier" ist von der Spieldauer her eher ein "Langstreckenflug", bleibt aber dabei durchaus kurzweilig und amüsant. Schauen Sie sich das neue Programm von Harry Granitzer an und urteilen Sie selbst, ob er zu einem kabarettistischen Höhenflug ansetzt.

 

DieKleinkunst-Redakteur Markus Freiler

 

 

 

Harry Granitzer

 

Theater am Alsergrund